Die Reaktionen am Filmfestival Venedig waren heftig: Applaus und Buhrufe mischten sich bei der ersten Vorführung vor der Presse. Darren Aronofskys «Mother!» ist der Film-Skandal des Kino-Herbstes. Und das ist gut so, findet Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence, die die Titelfigur spielt: «Darrens Filme polarisieren, sie werden an Festivals immer ausgebuht. Sie sind nicht für jedermann und ich nehme das auch nicht persönlich.» Lawrence sagt, sie finde es wichtig, dass man die Allegorie verstehe, sonst sei es nur ein wuchtiger, lauter Film. «Ich hätte von alleine jedenfalls nicht herausgefunden, worum es geht.»

Trailer zu «Mother!» (Englisch)

Ja dann. Worum geht es also? Der Film beginnt mit einem mörderischen Feuer und einem mysteriösen Glaskristall, bevor der Zuschauer in einer friedvoll ländlichen Umgebung abgesetzt wird. Hier lebt ein auf den ersten Blick glückliches Paar – «Er» (gespielt von Javier Bardem) ist ein erfolgreicher Autor auf der Suche nach Inspiration für sein neuestes Werk, während sie, die «Mutter» (Lawrence), liebevoll das gemeinsame Haus renoviert. Eines Tages steht ein Mann (Ed Harris) vor der Tür. Er sei ein Fan des Hausherrn, der den Fremden prompt zum Verweilen einlädt. Die überrumpelte Gastgeberin hält vergebens Einspruch und alsbald machen sich auch die neugierige Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) und deren zwei streitenden Söhne (Brian und Domhnall Gleeson) im Haus breit. Was folgt, ist ein fieberhafter Albtraum für die «Mutter», die im Gegensatz zu ihrem Partner durch die wachsende Gesellschaft nicht aufblüht, sondern immer mehr in Bedrängnis kommt.

Trailer zu «Mother!» (Deutsch)

Eine Bibel-Allegorie

Die bisweilen verzerrte Wahrnehmung der «Mutter» mag Genre-betreffend an Polanskis Kult-Klassiker «Rosemary’s Baby» erinnern und an Aronofskys Halluzination-Parallel-Welt in «Black Swan». Aber diabolischer Horror und Künstler-Narzissmus sind hier nur der Oberflächen-Anstrich. Darunter liegt die genial in eine Bibel-Allegorie verpackte Geschichte der Paradies-, sprich Natur-zerstörenden Menschheit.

Um auf diese Spur zu kommen, lässt der Regisseur vor dem Interview mit Lawrence ein «Mutter Unser» verteilen, ein Gebet über die Macht und Herrlichkeit in Ewigkeit unter unseren Füssen. Die Schauspielerin kommt indes auf ihre bekannte, unverblümte Art gleich zur Sache: «Ich verkörpere die Mutter Erde, Javier Bardem den Schöpfer, Ed Harris den ersten Menschen Adam und Michelle Pfeiffer ist Eva.»

Ist dieser Groschen einmal gefallen, ist es nicht mehr schwierig, «Mother!» als Hilfeschrei einer seit je vom Menschen attackierten Natur zu verstehen; als Öko-Manifest von Darren Aronofsky, der im Vorstand verschiedener Umweltschutz-Organisationen sitzt und der in seinem letzten Film, «Noah», den Archenbauer aus der Bibel als radikalen Naturschützer porträtierte. Frustriert zeigt er auf, was wir der Erde antun und wie wir ihre Warnrufe nicht hören oder nicht hören wollen.

Jennifer Lawrence wird entsprechend ziemlich brutal in die Mangel genommen. Seine Kritiker werfen Aronofsky deshalb in erster Linie frauenverachtenden Sadismus vor: «Der Film befürwortet in keiner Weise, wie wir unsere Mutter Natur behandeln», weist der Regisseur, der inzwischen privat mit Jennifer Lawrence zusammen ist, diese Anschuldigung von sich. «Wir berauben die Erde, wir vergewaltigen sie, wir respektieren sie nicht. Das können wir täglich in der Zeitung lesen. Das haben wir nun mit Filmstars visualisiert in der Hoffnung, die Leute aufzurütteln.»

Weg vom Einheitsbrei

Denn für Aronofsky gibt es nichts Schlimmeres, als zu langweilen. Aber er provoziert nicht nur um der Provokation willen. Er besinnt sich lediglich auf das Kino zurück, das ihn inspirierte, Filmemacher zu werden: «Filme werden immer prosaischer», gibt er zu Recht zu bedenken. «Dem Publikum wird immer wieder die gleiche Heldengeschichte aufgetischt – diese Geschichten gefallen mir zwar auch, aber ich hoffe, dass es noch Platz für etwas anderes gibt. So wie es früher Platz für Filmemacher wie Ingmar Bergman und Luis Buñuel gab, die mich mit ihrer Verwendung von Traum-Logik beeinflussten.»

«Mother!» ist eine meisterhafte Reise in die Finsternis, die letztlich zum Licht führen soll. Für Jennifer Lawrence wurde es aber zuerst besonders finster: «So weit bin ich noch nie für eine Rolle gegangen», so die Oscar-Preisträgerin, die von Matthew Libatiques Kamera während 66 Minuten des zweistündigen Films in klaustrophobischen Close-ups eingefangen wird.

«Einmal wurde ich ohnmächtig und brauchte Sauerstoff, einmal hatte ich bei einer deftigen Szene einen Schmerz in der Brust, der sich als Zwerchfell-Riss entpuppte, und einmal konnte ich mit dem Weinen nicht aufhören – selbst im Kardashian-Zelt nicht.» So nannte sie ihre Sicherheitszone, wo sie zum Runterfahren nach den emotionalen Szenen ihre Lieblings- Reality-Shows anschauen konnte. «So tief in die Finsternis will ich nie mehr eintauchen. Aber ich würde jederzeit wieder mit Darren arbeiten. Er ist ein Genie.»

Mother! (USA, 2017) 121 Min.

Regie: Darren Aronofsky. Mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris u. a. Ab Donnerstag im Kino. ★★★★★