Der Abspann läuft, wir atmen einmal ganz tief durch. Doch das Gefühl der inneren Leere bleibt. Selten hat ein Schweizer Film derart verstört. «Der Läufer» zeigt, wie aus einem vielversprechenden Schweizer Sportler ein Frauenmörder wird. Und zwar neunzig Minuten lang konsequent aus der Perspektive des Täters.

Der Film rollt den wahren Fall des Langstreckenläufers Mischa Ebner auf. Der «Mitternachts-Mörder», wie ihn Boulevard-Medien nannten, hatte 1998 den Frauenfelder Militärwettmarsch gewonnen. In der Nacht vom 1. August 2002 griff er in Bern zwei junge Frauen mit einem Messer an – eine von ihnen starb. Wie sich herausstellte, war Ebner für zahlreiche weitere Überfälle auf Frauen verantwortlich gewesen.

Die Rolle wird nun in «Der Läufer» vom zweifachen Schweizer Filmpreisgewinner Max Hubacher («Mario», «Der Verdingbub») gespielt. «Der Fall Mischa Ebner hat die Stadt in Angst und Schrecken versetzt», sagt der Darsteller, der in Bern aufgewachsen ist und damals neun Jahre alt war. «Meine Eltern machten sich Sorgen, weil meine Schwester und ich immer draussen am Spielen waren.»

Dass der Fall so gut dokumentiert ist, kam Hubacher bei der Rollenvorbereitung zugute. «Es war wahnsinnig viel Recherchematerial vorhanden, ich konnte mich richtig in das Thema einlesen. Es ging uns aber nicht darum, Mischa Ebners Geschichte nachzuspielen, sondern auf dieser Grundlage etwas Eigenständiges zu erschaffen.»

Kein Zugang zu den Emotionen

So heisst Hubachers Filmfigur nicht Mischa Ebner, sondern Jonas Widmer. Jonas ist in einer stabilen Beziehung, arbeitet – wie Ebner – als Koch, ist pflichtbewusst und beliebt. Nebenher trainiert der talentierte Läufer hart für eine Olympiateilnahme.

Wie kann aus einem derart gut angepassten jungen Mann ein Mörder werden? Das ist die zentrale Frage, der Regisseur Hannes Baumgartner in seinem Debütfilm nachgeht. «Die Gewalt wirkt bei Jonas wie ein Fremdkörper», sagt der 35-jährige Filmemacher aus Winterthur. «Diese Ambivalenz hat mich interessiert. Jonas hat keinen Zugang zu seinen Emotionen, was zu einem Bruch mit seiner Umwelt führt.»

«Der Läufer» kommt mit wenig Dialogen aus. Hubacher macht das komplizierte Innenleben seiner Filmfigur alleine über seine Mimik spürbar. «Das war eine der herausforderndsten Rollen, die ich je gespielt habe», sagt der 25-jährige Darsteller Hubacher, der immer wieder abgründige Filmfiguren spielt. In «Der Läufer» legt er seine bisher stärkste Performance hin.

Die Filmszenen, in denen Jonas fremde Frauen angreift, sind nichts für Zartbesaitete. Um sich in den Kopf eines Mörders zu versetzen, müsse man versuchen, diese Person nicht zu bewerten, sagt Hubacher. «Du musst deine Moral beiseitelegen. Du darfst dich nicht fragen, ob das, was deine Figur tut, gut oder schlecht ist.»

Doch beim Dreh der heikelsten Szenen habe sich der Darsteller dabei beobachtet, wie er innerlich darauf hoffte, dass seine Filmfigur nicht das tut, was im Drehbuch steht. «Die Rolle ging mir wahnsinnig nahe. Ich war froh, dass ich gute Leute um mich herum hatte, mit denen ich nach Drehschluss über den Filmstoff sprechen konnte.»

Täter oder Opfer?

Anders Jonas, der sich im Film zusehends isoliert und es nicht schafft, über seine Emotionen zu reden. Das Unheil nimmt seinen Lauf. «Der Läufer» kann und will die Banalität des Bösen nicht erklären – liefert aber Hinweise: Jonas leidet unter dem Selbstmord seines Bruders und darunter, dass sie als Kleinkinder von ihren leiblichen Eltern ausgesetzt wurden.

In der filmischen Verdichtung wirkt der Täter deswegen auch wie ein Opfer. Ein heikler Balanceakt, der nicht immer gelingt. Weil der Film konsequent aus der Täterperspektive erzählt wird, beginnt sich das Publikum mit ihm zu identifizieren. Wenn Jonas im Schlafzimmer seines toten Bruders heult, tut er uns leid. Wenn er wegen einer Verletzung um seine Teilnahme am Waffenlauf bangt, fiebern wir mit ihm mit. Doch wenn er kurz darauf zur mörderischen Tat schreitet, dreht uns das den Magen um. Gefühlschaos pur.

Wie soll man als Zuschauer damit umgehen? Das fragte sich auch die Filmcrew und beschloss, den Kinostart mit speziellen Diskussionsrunden abzufedern. «Es war uns ein grosses Anliegen, dass über den Film hinaus eine Diskussion entsteht», sagt Baumgartner. «An mehreren Spezialvorstellungen werden Experten aus Psychologie, Gewaltprävention und Forensik anwesend sein, um über mögliche Ursachen solcher Taten und deren Verhinderung zu reden.»