Alberto Giacometti (1901–1966) liebte Paris, und Paris zeigt sich nun ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod auf imposante Weise erkenntlich. An der Rue Victor Schoelcher hat am Dienstag das «institut Giacometti» seine Tore geöffnet. Es ist die Legatarin von Giacomettis 1993 verstorbener Witwe Annette. Deshalb verfügt es noch vor der Giacometti-Stiftung und Schweizer Museen über den grössten Fundus des Künstlers, darunter 350 Skulpturen, 90 Gemälden und 5000 Zeichnungen.

Finalisiert wurde das Vorhaben, das Paris zu einem neuen Kulturmagnet verhilft, in den letzten vier Jahren von der Stiftungsleiterin Catherine Grenier, der früheren Konservatorin des Pariser Centre Pompidou. Das Projekt geht indes weiter zurück, was Bände spricht über die Schwierigkeit, bei den Pariser Immobilienpreisen und der Wohndichte einen geeigneten Standort zu finden.

Da Giacomettis früheres Atelier an der Rue Hyppolite Maindron nicht mehr zur Verfügung stand, fand das Institut unweit davon eine von 1914 stammende Art-déco-Wohnung. Sie liegt ebenfalls in Montparnasse, dem damaligen Künstlerviertel, wo sich Giacometti nach seiner Ankunft in Paris 1922 über vierzig Jahre lang bewegt hatte.

Eine menschliche Grösse

Die ganze Einrichtung der Giacometti-Stätte umfasst 350 Quadratmeter auf drei Stockwerken – davon allerdings nur eine Beletage – und hat damit «menschliche Grösse», wie Grenier am Dienstag meinte. Kernstück ist Giacomettis Atelier, in dem der Künstler ganz bescheiden lebte, obwohl er es in späteren Jahren nicht mehr nötig gehabt hätte. «Komfort war für ihn eine Gefahr», meinte Ausbildungsleiter Christian Alandete bei der Eröffnung. Man habe das Atelier so originalgetreu wie möglich nachgebaut und bewusst im Erdgeschoss angesiedelt. «Der ankommende Besucher soll damit sofort in Giacomettis Welt eintreten.»

Das Atelier als Kernstück

Das dicht ausgestattete Künstleratelier ist hinter einer Glasscheibe wie ein Kunstwerk zu besichtigen. Das ist aus der Sicht Giacomettis nicht übertrieben, wie die vollgemalten und -gezeichneten Wände illustrieren. Zu André Breton hatte der Bündner Schaffer einmal gesagt, sein Atelier sei wie «zwei gehende Füsse» – in Abgrenzung etwa zu seiner berühmten Nachkriegsskulptur eines versehrten Beines.

Das neue Giacometti-Institut präsentiert neben – bisher zum Teil kaum ausgestellten – Skulpturen, die oft zu fragil für den Transport sind, auch unveröffentlichte Fotografien und Briefe des Künstlers. Vor allem aber will Alandete jährlich drei bis vier Ausstellungen an der Rue Victor Schoelcher organisieren. Den Auftakt macht eine (bis September dauernde) Schau über die Freundschaft zwischen Giacometti und dem französischen Schriftsteller Jean Genet, der einige der bewegendsten Passagen über Giacomettis Ateliers verfasste.

Es ist lobenswert, ja fast selbstverständlich, dass Paris Alberto Giacometti eine Heimstätte bietet, nachdem es schon für so viele andere Künstler – in der Nähe etwa Henri Cartier-Bresson – ähnlich persönliche Ausstellungsorte geschaffen hat. Eine klaffende Lücke füllt das «Institut» aber nicht, wenn man vom nachgestellten Atelier absieht. Giacometti ist in «seiner» Stadt seit je omnipräsent. Davon zeugte unlängst die grosse Giacometti-Picasso-Schau im Picasso-Museum des Marais-Viertels, aber auch die Dreierausstellung der persönlichen Freunde André Derain, Giacometti und Balthus. Das Institut ist nur der neuste Beleg, dass Paris Giacometti wirklich als einen der seinen betrachtet.