Die Agglomeration von St. Louis, ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt, besticht nicht gerade durch aufregende Flaniermöglichkeiten: Schlichte Einfamilienhäuser, lange nicht mehr renoviert, die Weihnachtsbeleuchtung von letztem Jahr hängt noch in der Hecke. Und trotzdem schlendern hier fast täglich Besucher aus der ganzen Welt vorbei, magisch angezogen von dem grossen Tier, das sich am Horizont erhebt: Ein monumentaler Adler mit ausgebreiteten Flügeln, der auf einer Erdkugel sitzt. Er ist das Emblem von Fernet Branca, einem italienischen Bitterschnaps aus Kräutern.


Die Leute sind aber nicht zum Trinken hier, sondern um das Gebäude zu besuchen, das sich unter den Adlerflügeln erstreckt: Die alte Brennerei, die im Jahr 2000 den Betrieb einstellte und seit 2004 keine Schnapsflaschen, sondern exklusive Kunst bereithält.


Insiderisches Zwinkern


Die für ihre Qualität bekannten Ausstellungen sind das eine, zudem haftet dem Gebäude das in Kunstkreisen geschätzte insiderische Zwinkern an: Erstklassige Kunst in der Vorort-Ödnis! Wer hätte das gedacht!


Das Zwinkern ist auch nach vierzehn Jahren noch da, im Moment dank des britischen Bildhauers und Zeichners David Nash. Der 1945 geborene Künstler passt hervorragend ins Haus, obwohl seine Arbeiten mehr den Aussen- als den Innenraum zum Thema haben: Nash arbeitet mit Vorliebe in und mit der Natur. 1977 pflanzte er in seinem Heimatort 22 Eschen im Kreis an und beschnitt die Stämme so, dass ihre Kronen zu einem Kuppelraum zusammenwuchsen. Ein Jahr sägte er aus einem 200 Jahre alten Eichenstamm eine Kugel mit einem Meter Durchmesser und schmiss sie (wobei «schmeissen wohl der falsche Ausdruck ist – die Kugel soll über eine halbe Tonne gewogen haben) im walisischen Nationalpark Snowdonia in einen Bergfluss.


«We’ve found your boulder!»


Von da an dokumentierte er fast 30 Jahre lang ihren Weg. Immer wieder musste er eingreifen, damit sie niedrige Brücken passieren konnte und nicht im Flussbett hängen blieb. 2002 verschwand sie zum ersten Mal – und wurde eifrig von Besuchern des Parks gesucht. In den folgenden Jahren sollte sie immer wieder auftauchen und Nash etliche enthusiastische Anrufe
bekommen: «Dave, we’ve found your boulder!» Während er anfangs noch eingegriffen hatte, überliess er sie jetzt ihrem eigenen Weg, als «moving sculpture». Bis sie 2015 ganz verschwand.


Zurück blieben Nashs Zeichnungen, Notizen, Fotografien und ein Film, der in ruhigen Aufnahmen die dahintreibende Skulptur zeigt, die mit den Jahren langsam ihre Form verliert und sich in den Kreislauf der Natur zurückbegibt. Der Film ist auch in der Ausstellung zu sehen, in einem kargen Raum mit ein paar Skizzen, was sich als genau das richtige Setting herausstellt. Es lässt ihm Luft zum Atmen. Das gilt auch für die zahlreichen Skulpturen Nashs, die die restlichen Räumlichkeiten bevölkern: Grosse, in brachiale Formen gesägte Holzskulpturen, teils tiefschwarz angekokelt – eine weitere typische Nash-Behandlung. Oft lässt er seine grossen Holzstücke über Stunden hinweg in einem Feuer brennen und verarbeitet sie dann weiter.


Er entnehme natürliches Material dem «Kreislauf des Vergehens», sagte Nash einmal. Neben seiner Faszination für Wachstum und Verwitterung treibt den Briten auch die Konservierung dieser Prozesse um. Er zwingt organischem Material eine Unsterblichkeit auf, die nichts mehr mit natürlichen Kreisläufen zu tun hat. Und fragt damit: Wie weit darf der Mensch im Namen der Ästhetik in die Natur eingreifen? Welche Verantwortung trägt der Künstler gegenüber der Natur?


Starke Fragen, die sich jedoch spätestens nach der zehnten Holzskulptur erschöpfen. Zum Glück gibt es in der Fondation gerade so viel zu sehen, das keine Redundanz aufkommt – und so erlebt man Nash als den Künstler, der er sein will: Der kritische, nachdenkliche Naturliebhaber aus Surrey, der eine starke Formsprache entwickelt hat, deren Vokabular zwar limitiert ist, die aber auch nach 40 Jahren noch zu bezaubern vermag.


David Nash «Nature to Nature», noch bis 30 September, Fondation Fernet Branca, Saint-Louis.