Wie so viele andere Schweizer Künstler lebt die Musikerin Sophie Hunger (35) seit drei Jahren in Berlin. Für die Promotion ist sie nach Zürich gereist – wo sie ebenso eine Wohnung hat wie in Paris. Wir treffen uns zum Interview im Restaurant El Local an der Gessnerallee in Zürich und erleben eine offene, gescheite Frau mit klaren Vorstellungen. Eine Künstlerin, die sich viel Gedanken macht über sich, ihre Musik und die Welt.

Sie haben sich in Ihrer Karriere immer wieder neu erfunden. Aber noch nie so radikal wie jetzt. Weshalb?

Sophie Hunger: Ich verliebte mich in jemanden, der gerne Techno hört. Da begann die Dissidenz. Das führte dazu, dass man dauernd in diese Clubs musste. Plötzlich war ich selber angefixt. Ich erwarb einige Synthis. Danach machte ich eine Ausbildung in Amerika für Aufnahmetechnik am Computer. Meine bisherigen Instrumente ödeten mich an und ich wollte auch keine Band um mich haben. Am Ende zerbrach das alles und in dieser labilen Stimmung bin ich dann ins Studio gereist. Das war eine zerbrechliche Zeit, man denkt, man hat alles eingetütet, und dann muss man seine Siebensachen packen und wieder von vorne beginnen.

Das klingt nach viel Druck. Hat sich das auch im Studio bemerkbar gemacht?

Möglich. Ich hatte seltsame Intonationsprobleme. Das kannte ich bisher nicht. Für eine Sängerin ist das eine ganz blöde Sache. Roger Federer hat doch mal den Schläger gewechselt, dann konnte er eine Weile nicht mehr richtig treffen. Das hat die Nation an den Rand des Wahnsinns getrieben. Da sind ihm die Bälle nur so um die Ohren geflogen. So ungefähr kam mir das vor, abzüglich der nationalen Empörung natürlich.

Kann dieser Bruch oder Umbruch auch gesellschaftspolitisch gedeutet werden?

Ich glaube, dass man dazu neigt, sich in seinem Umfeld, sogar im Weltgeschehen, zu spiegeln. Oder betrifft das vielleicht nur Egozentriker? Also, das, was den Einzelnen beschäftigt, auf alles um ihn überträgt. Ja, das klingt nicht ganz normal. Ich hab das aber schon so erlebt. Mein kleines System kollabiert, gleichzeitig kollabiert das globale.

Können Sie das näher beschreiben?

Das, was man «die westliche Welt» nennt und worin man aufgewachsen ist, scheint zu erodieren. Das Transatlantische Bündnis ist ein Scherbenhaufen, die Vorherrschaft scheint zu Ende zu gehen. Aber man weiss nicht, wie eine neue Weltordnung aussehen könnte. Es herrscht Unsicherheit und Ratlosigkeit. Dazu kommen Klimawandel, Erderwärmung, neue Technologien. Wir befinden uns wie in einem Laboratorium, in dem viel Neues passiert aber das Ziel und die Nebenwirkungen nicht klar sind.

Präsident Trump ist omnipräsent. Ist dieser Fokus falsch?

Vielleicht. Die Silicon-Valley-Crew zum Beispiel beginnt ja schon jetzt, eigene, unabhängige Welten zu kreieren, auf die die Politik gar keinen Zugriff mehr hat. Vielleicht konzentrieren wir uns auf die falsche Person. Vielleicht ist Trump schon jetzt irrelevant. Vielleicht ist Trump ja nur das grosse Ablenkungsmanöver. Es gibt das schöne Beispiel des Afroamerikaners, der sein Leben lang dafür gekämpft hat, dass er auf einer Banknote erscheint. Doch als er es endlich erreicht, bezahlen alle nur noch mit Kreditkarten.

Im Song «She Makes President» geht es konkret um Präsident Trump, oder noch mehr um das Verhalten der Frauen bei Wahlen.

Nicht ganz. Ich wollte ein Idealporträt einer Frau machen, ähnlich wie Bob Dylan’s «She belongs to me» bloss für eine ganze Klasse, nämlich die der Frauen. Vielleicht wollte ich insgeheim mich darin beschreiben. Gleichzeitig hörte ich eine Radiosendung, in der darauf hingewiesen wurde, dass die Frauen das Zünglein an der Waage spielen würden bei der Präsidentenwahl. Die Moderatorin sagte «she makes president». Ein Songtitel wie auf dem Silbertablett serviert. Zunächst war es ein schnelles, fröhliches, hoffnungsvolles Lied. Und dann kam die Wahlnacht. Da ging das nicht mehr, das wurde dann nachträglich verdüstert. «She makes President» ist zum Porträt einer Frau der Zukunft geworden nicht mehr der Gegenwart.

Sie hoffen auf die Frau der Zukunft?

Ich hoffe das auch für die Männer. Eine egalitäre Gesellschaft ist auch eine glückliche Gesellschaft. Das ist ja das Problem des Feminismus, dass es die Männer braucht. Aber nicht als kulante Unterstützer, sondern als Profiteure. Männer leiden ja auch im Patriarchat, weil es in dieser Welt nur den einen Typus gibt. Dabei sind nur wenige Männer tyrannische Machos oder Patriarchen. Das Patriarchat hat vielleicht sogar gar nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es ist im Grunde Klassenkampf. Deshalb ist das Wort Feminismus manchmal nicht hilfreich, weil es ein bisschen sexistisch ist, weil es die Männer im Wort ausschliesst. Der Begriff klingt dann wie eine Bedrohung, so wie «vegetarischer Donnerstag» während einer Metzgete.

Sind Sie keine Feministin?

Natürlich. Das nimmt auch zu. Heute sehe ich Sachen, die mir früher nie aufgefallen sind. Es ist eine Tatsache, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht angemessen vertreten sind und weniger Geld verdienen, obwohl sie aufgrund der Mutterfunktion das schwächste Glied sind im System. Es nervt, es kommt zum Koller. Und das kann doch niemand wollen?

Der Bruch, der Umbruch, manifestiert sich auch im Sound von «Molecules». Sie wenden sich der elektronischen Musik zu und klingen so technoid wie noch nie. Weshalb?

Ich nenne es «Minimal Electronic Folk». In Berlin, wo ich auch wohne, gibt es keine grosse Bandszene. Es dominieren DJs und Computermusik. Ich habe mich in diese elektronische Welt gestürzt, entdeckte dort aber auch deutschen Kraut-Rock wie Tangerine Dream und Neu! Schliesslich hatte ich bei «Molecules» Lust, mir ein paar Regeln zu setzen.

Welche denn?

Ich wollte nur vier Elemente benutzen: Synthesizer, programmierte Beats aus dem Drum-Computer, Stimme und Gitarre. Und dass ich hauptsächlich Englisch singe. Ich habe mir ein kleines Gefängnis gebaut.

Ein Gefängnis? Klingt schrecklich.

Ich neige dazu, mich zu verzetteln und ein Hansdampf in allen Gassen zu sein: mal Jazz, mal Chanson, mal Pop. Wenn man böse sein will, kann man sagen, mein bisheriger Stil war ein bisschen unverbindlich. Also habe ich Dogmen aufgestellt.

Sehr diszipliniert. Woher kommt das?

Vielleicht eine kleine Erbkrankheit meiner protestantischen Herkunft? Wenn ich drei Tage nichts gemacht habe, bekomme ich Schuldgefühle. Das ist so ein Reflex, den man schwer überwinden kann. Die Angst vor dem Verlumpen. Ausserdem, ganz ehrlich, ich mach ja sonst nichts im Leben, mit irgendwas muss man die Tage füllen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Haben Sie alle Musik selber eingespielt?

Ich habe alles zuerst mit meinen Synthis aufgenommen. Mit dem Produzenten Dan Carey, einem Spezialisten für diese Art Musik, haben wir dann alles nach diesen Vorgaben noch mal aufgenommen. Was kaum jemand weiss: In Fribourg gibt es das SMEM (Swiss Museum & Center for Electronic Music Instruments; Anm. der Red.), die weltweit wohl grösste Sammlung an Synthesizern. Wir haben das Museum besucht und konnten alle Geräte ausleihen. Darunter auch Raritäten aus den 60er-Jahren. Mit ihnen haben wir die Songs ergänzt oder auch Sounds ersetzt.

2016 gewann Sophie Hunger einen Swiss Music Award in der Kategorie «Best Artist». Um ihr den Preis zu übergeben, war ihr deutscher Musikerkollege Max Herre extra angereist und lobte die Künstlerin mit den Worten: «Du hast eine der schönsten Stimmen, die ich je gehört habe.»

2016 gewann Sophie Hunger einen Swiss Music Award in der Kategorie «Best Artist». Um ihr den Preis zu übergeben, war ihr deutscher Musikerkollege Max Herre extra angereist und lobte die Künstlerin mit den Worten: «Du hast eine der schönsten Stimmen, die ich je gehört habe.»

Die meisten Musiker suchen ihren ganz eigenen Sound und wenn sie ihn gefunden haben, bleiben sie dabei. Sie sind anders. Weshalb?

Mir gefällt die Vorstellung, immer wieder neu anzufangen. Es entfacht bei mir ein Feuer. Und irgendwie erwarte ich auch von mir, dass ich künstlerisch interessant bleibe.

Wenn etwas erfolgreich ist, wollen Plattenfirmen, dass man dieses Erfolgsmodell wiederholt. Gab es das bei Ihnen nicht?

Doch doch, es kommt halt drauf an, mit wem man redet (lacht). Einige sind überzeugt, dass, wenn ich eine Norah- Jones-Platte machen würde auf Deutsch, wir uns alle ein Haus am See bauen könnten.

Also wird es kein Norah-Jones-Album von Sophie Hunger geben?

Sie ist eine grossartige Musikerin, aber mit Verlaub, ich weiss gar nicht, wie das geht. Ich muss meinem eigenen Ärger folgen.

Wissen Sie schon, wie Ihr nächstes Album klingen wird?

Ich habe da so eine Idee im Kopf, aber sie ist noch nicht spruchreif. Wenn es gelingt, brauche ich keine drei Jahre bis zum nächsten Album.

Wie setzen Sie diesen neuen technoiden Sound auf der Bühne um?

Für den neuen Sound musste ich eine neue Band zusammenstellen. Wir sind nun zu viert und von der alten Band ist nur noch Keyboarder und Flügelhornist Alexis Anérilles geblieben. Dazu kommt Marielle Chatain am Synthesizer, Baritonsax und Perkussion sowie der Aargauer Jazzschlagzeuger Mario Hänni, der auch Gitarre und Synthesizer spielt. Also alles singende Multiinstrumentalisten, was es möglich macht, die alten Elemente nicht zu verraten. Der mehrstimmige Gesang bleibt wichtig. Ich spiele vor allem Gitarre und als Überraschung einen kleinen Synthi, der wie ein klassischer Konzertflügel klingt.

Denken Sie bei der Produktion eines Albums auch an Ihr Publikum oder lassen Sie sich nur vom Künstlerischen leiten?

Ich geh der Nase nach. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Teil meines bisherigen Publikums mit «Molecules» wenig anfangen kann. Das muss man dann aushalten.

Sie werden immer internationaler. Welche Länder haben Sie neu im Visier?

Es ist nicht alles planbar. Es gibt auch eher zufällige und lustige Begebenheiten. Vor zwei Jahren bekam ich zum Beispiel plötzlich grossen Zuspruch aus Brasilien. Bis ich bemerkte, dass ein Song von mir als Eingangsmelodie für eine Telenovela verwendet wurde. Wir haben darauf zwei Konzerte in Rio und São Paulo gegeben. Ich hatte aber auch Einladungen aus Madrid und Barcelona sowie aus Istanbul.

Sie singen auf «Molecules» fast nur noch in Englisch. Auf der Tour spielen sie einige Konzerte in Grossbritannien. Wollen Sie England erobern?

BBC hilft mir enorm, spielt und bespricht meine Songs von «Molecules». Das ist neu und ehrt mich sehr, denn es ist extrem schwer, im Popland England Fuss zu fassen. Es ist wie ein Traum, der wahr wird, wenn auf dem Sender, den du immer hörst, plötzlich deine Musik gespielt wird. Es ist für mich auch romantisch, denn die ersten Jahre meines Lebens, an die ich mich erinnern kann, habe ich in London verbracht. Ich hatte immer die Sehnsucht, dieses Band wieder aufzunehmen.

Wie wichtig ist Ihnen denn die Schweiz noch?

Die Schweiz ist meine Heimat und deshalb sehr wichtig. Hier habe ich meine Karriere gestartet, wurde unterstützt und habe Benzin getankt für alles, was folgte. Dafür bin ich ewig dankbar. Ich habe das auch immer als Vorteil empfunden, als Schweizerin, aus der Peripherie in die Popwelt vorzudringen. Ich habe diese maximale Sehnsucht gebraucht.

Gleichzeitig haben Sie hier in der Musikszene einige Neider. Das wurde deutlich, als sie 2016 den Grand Prix Musik gewannen.

Ich konnte diese Kritik nicht so ernst nehmen. Vor allem ist es ja dumm, weil man sich in der kleinen Musikszene Schweiz gegenseitig unterstützen sollte. Ich finde es jedenfalls richtig und wichtig, dass der Staat die Schweizer Musikszene unterstützt. Viele andere Staaten tun dies auch. Das Geld habe ich an meine 12 köpfige Crew verteilt.