Zum zweiten Mal findet vom 20. bis 24. Februar in Basel die Composition Competition statt. Initiant Christoph Müller spricht über seinen Einsatz für Musik, die noch immer eine Nische ist. Der 2017 erstmals durchgeführte Kompositionswettbewerb ist einer der weltweit höchstdotierten seiner Art – die Preissumme für die drei Erstklassierten beträgt insgesamt 100'000 Franken. 450 Werke aus der ganzen Welt wurden eingereicht. Die international besetzte Jury unter den Präsidenten Michael Jarell und Wolfgang Rihm hat 13 Stücke bestimmt, die in Basel zur Uraufführung kommen. Erstmals kooperieren dafür die drei führenden Klangkörper der Stadt: das Kammerorchester Basel, die Basel Sinfonietta und das Sinfonieorchester Basel.

Wieso braucht es die Basel Composition Competition?

Christoph Müller: Im Grunde ist dieser Wettbewerb aus einer Not heraus entstanden. Als Konzertmanager des Kammerorchesters Basel weiss ich, wie schwierig es ist, zeitgenössische Kompositionen auf die Spielpläne der Konzertveranstalter zu bringen. Andererseits wird das Repertoire mit neuer Orchestermusik nur zögerlich erweitert, weil die Aufführung grösserer Werke zu aufwendig ist. Die Basel Composition Competition schliesst diese Lücke, indem ausschliesslich Orchesterwerke gespielt werden. Basel ist für ein solches Projekt prädestiniert, weil mit der Paul-Sacher-Stiftung hier eine der bedeutendsten Forschungsstätten für zeitgenössische Musik ansässig ist. Da wollen wir anknüpfen.

Im Prinzip fehlen solche Förderer wie Paul Sacher?

Ja, es fehlt eine Nachfolge. Sacher hat von 1930 bis 1999 gewirkt. Die Sacher-Stiftung verwaltet dieses Erbe, übernimmt auch Werksammlungen von Komponisten, aber die Uraufführung von neuen Werken kann sie nicht mehr abdecken. Da ist eine Lücke entstanden.

Besteht diese Lücke nur hierzulande?

Nein, das ist weltweit so. Obwohl jedes grössere Orchester auch Kompositionsaufträge vergibt, werden doch zu wenige neue Werke gespielt, und oft sind die wenigen Uraufführungen nur schmale Lippenbekenntnisse. Unser Wettbewerb ist eine Aufforderung an die Komponisten, Stücke für Orchester zu schreiben und sie unserer Jury zu präsentieren.

Wieso wählen Sie die sportliche Form des Wettbewerbs?

Die Fokussierung auf ausschliesslich Uraufführungen ist spannend. Wo kann man schon in so kurzer Zeit so viel Neue Musik erleben? Ein Wettbewerb regt an, die Werke zu vergleichen und Stil, Form, Wirkung, Technik zu diskutieren. Das wollen wir ermöglichen, nicht nur unter den Jury-Mitgliedern, sondern auch beim Publikum und bei den Schulklassen, die im Rahmen unseres Schulklassen-Projektes mitwirken. Zudem gibt es weltweit kaum Kompositionswettbewerbe für Orchesterwerke, und schon gar nicht mit einem so attraktiven Preisgeld.

Es braucht solche Anreize, damit überhaupt neue Werke geschaffen werden?

Ja. Wenige Komponisten arbeiten gerne ins Leere. Ein Wettbewerb kann ein Anreiz sein, auch wenn wir aus den 450 eingesandten Werke nur 13 auswählen und aufführen können. Das Interesse seitens der Komponisten ist riesig, das sehen wir daran, dass wir Eingaben aus der ganzen Welt erhalten, aus Australien, den USA, China…

Trotzdem richtet sich diese Musik eher an ein Fachpublikum.

Die Aufführung von zeitgenössischer Musik ist möglich dank spezialisierten Festivals wie Donaueschingen, Strasbourg und einigen wenigen Veranstaltern, die sich auf die Moderne fokussieren. Das sind keine Massenveranstaltungen, aber diese Institutionen schaffen es zum Teil bewundernswert, junges und alternatives Publikum anzusprechen. Davon können herkömmliche Konzertveranstalter viel lernen.

In der Schweiz kursiert der Witz, dass an diesen Konzerten jeweils ein Vertreter der Pro Helvetia und die Mutter des Komponisten anwesend seien.

(Lacht). Das ist natürlich übertrieben. Aber es stimmt schon, dass die Neue Musik ein Nischenpublikum anspricht.

Es gibt kritische Stimmen, die der Neuen Musik vorwerfen, dass sie sich um die Hörgewohnheiten des Publikums foutiert, und eben darum kein Publikum hat.

Vielleicht stimmt das. Andererseits ist es ja gerade der Inbegriff von Kunst, dass sie sich nicht nach dem Publikumsgeschmack richtet, sondern dass sie das zum Ausdruck bringt, was die Menschen und die Gesellschaft zurzeit bewegt. Aber natürlich ist es so, dass es die zeitgenössische Musik schwer hat, gerade in einem kommerziellen Umfeld, wo Gelder durch Ticketverkäufe generiert werden müssen. Es bleibt eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten, ihr den gebührenden Platz in den Konzerthäusern zu gewähren. Aber es gibt auch Hoffnung …

… die wäre?

Unser bereits erwähntes Schulklassenprojekt zeigt mir, dass diese Musik durchaus begeistern und berühren kann. Jede der ausgewählten Kompositionen wird von einer Gymnasialklasse begleitet, die Komponisten stellen ihre Werke im Vorfeld vor, erklären ihre Arbeitsweise – und wir stellten bei der ersten Durchführung vor zwei Jahren fest: Die Schülerinnen und Schüler sind gegenüber diesen Tönen offen. Sie beschäftigen sich mit den Stücken und mit den Komponisten, hören sich die Konzerte an und leiden im Wettbewerb mit, wenn ihr Werk nicht unter die ersten drei kommt.

Demnach ist es einfacher, neues Publikum zu gewinnen, als ein traditionell klassisch orientiertes umzustimmen?

Das ist die Erfahrung, die wir machen. Die deckt sich übrigens mit derjenigen der Basel Sinfonietta oder anderer innovativer Orchester. Wenn die Sinfonietta beispielsweise im Z7 in Pratteln auftritt, erreicht und begeistert sie mit total experimenteller Musik ein neues Publikum.

Und trotzdem: Verglichen mit den grossen Klassikern, bleibt die Neue Musik eine Nische. Gibt es denn vonseiten der Komponisten und Veranstalter Reaktionen auf diese Situation?

Ich nehme wahr, dass es viele vereinzelte Versuche gibt, diese aber oft im Ansatz stecken bleiben. Ich sehe die Schwierigkeiten ja selbst als Intendant des Gstaad-Menuhin-Festivals. Ich füge dort jedes Jahr eine Uraufführung ins Programm ein, aber es bleibt schwierig, das Publikum dafür zu erwärmen, und wir spüren dies immer im schlechteren Kartenverkauf für diese Konzerte. Das traditionelle Konzertpublikum, oder ein überwiegender Teil davon, geht Neuer Musik aus dem Weg, es will sie einfach nicht hören!

Ist das nicht schrecklich für die Komponisten?

Viele Komponisten warten gar nicht auf einen Publikumserfolg. Sie versuchen, möglichst konsequent ihre Klangsprache zu entwickeln. Trotzdem brauchen sie natürlich Strukturen, welche diese Arbeit mittragen. Glücklicherweise gibt es in der Schweiz Förderprogramme wie diejenigen der Pro Helvetia, auch wenn sich diese auf Schweizer Künstler beschränken, was ja ihr Auftrag ist. Die Chance der Basel Composition Competition ist, dass wir Leitplanken aufheben können: Bei unserem Wettbewerb gibt es weder Altersgrenzen noch nationale Grenzen. Vorgegeben sind nur die Dauer und die Orchestergrösse. Bei der letzten Ausgabe war der älteste Teilnehmer Jahrgang 1929!

Es kommen immer mehr hervorragend ausgebildete Abgänger aus den Akademien. Ist da ein einzelnes Festival nicht eine Art Trostpflaster für ein paar wenige?

Das würd ich so nicht sagen. Die Stücke, die bei uns gespielt werden, werden in der Musikwelt sehr wohl wahrgenommen. Die drei Erstplatzierten profitieren sowieso. Sie werden in der Folge auch mehrfach an anderen Orten gespielt. Wie beispielsweise Federico Ibarra, der Sieger der letzten Ausgabe. Er selbst sagt, er habe von diesem Wettbewerb sehr profitiert. Darin sehe ich unsere Rolle auch: Wir möchten die Werke an andere Orchester und Veranstalter weitervermitteln.

Sie machen es sich mit einem solchen Projekt nicht einfach. Wieso eigentlich?

Ich habe echt den Anspruch, mit diesem Projekt an das Wirken von Paul Sacher im 21. Jahrhundert anzuknüpfen und die Basler Orchester miteinzubeziehen, um ihnen zu ermöglichen, ihr Profil in Sachen zeitgenössischer Musik zu schärfen. Ich hoffe, dass ich damit den Mund nicht zu voll nehme. Ich möchte mittelfristig eine Institution schaffen, die aus Basel heraus Impulse in die Musikwelt sendet. Wenn ich die Anzahl der eingereichten Werke anschaue, gelingt das zum Teil ja bereits. Für die zwei bisherigen Ausgaben wurden bereits 1000 Kompositionen geschrieben. Aber es gibt noch viel zu tun!

Und finanziert wird der Wettbewerb von der Paul-Sacher-Stiftung?

Nein. Sie unterstützt ideell und mit ihrem Know-how in Sachen Neuer Musik. Unser Budget beträgt rund 700 000 Franken. Bisher kam die Finanzierung ausschliesslich von privater Hand, von Stiftungen und Mäzenen.

Was sagen Sie den interessierten Menschen: Wieso sollen sie die kommenden Tage diese Konzerte besuchen?

Sie können dort sprichwörtlich «unerhört» spannende Hörerfahrungen machen. Sie erleben die Uraufführung von 13 Werken. Natürlich wird es anspruchsvoll zuzuhören, aber es wird sich lohnen. Auch der Vergleich des Gehörten führt immer wieder zu spannenden Interaktionen. Das macht den Reiz des Wettbewerbs aus. Ich bin gespannt auf die Qualität der Stücke. Wir werden die Ersten sein, die sie hören.