Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, was das Vitra Design Museum mit «Night Fever» versucht: Etwas, das dermassen pulsiert und flüchtig ist, wie das Nachtleben in einer Ausstellung zu verfestigen. Der Streifzug, den diese erste umfassende Retrospektive zur Ästhetik der Clubkultur bietet, lässt Vergangenes aufblitzen wie die Reflektionen der Discokugel.

Wie macht man das, etwas ans Tageslicht bringen, das sich eigentlich im Verborgenen der Nacht abspielt? Indem man es bruchstückhaft abbildet und entsprechend inszeniert. Die Vitrinen im Museumsbau sind Lautsprecherhüllen und Equipment-Koffern nachempfunden. Bilder, Videos, Klänge und architektonische Modelle erzählen vom Wandel der Clubgeschichte.

Ideen ausprobieren

Diese beginnt in den 1960er-Jahren, als mit der Jugendkultur alternative Lebensstile aufkamen und Diskotheken jungen Designern und Architekten neue Gestaltungsmöglichkeiten boten. Hier konnten sie kühne Ideen ausprobieren, die von der Architekturpresse mit Interesse verfolgt und besprochen wurden. «Man beschäftigte sich erstmals mit der Frage, was einen Club ausmacht und wie er eingerichtet sein muss», sagt Chef-Kurator Jochen Eisenbrand. Beschränkte sich Design bis dahin auf Alltagsgegenstände, so konnte es sich hier auf die Gestaltung eines Moments beziehen.

In Italien etwa schuf die Avantgarde Nachtclubs als Räume der Gegenkultur, die eine grosse Vielfalt an Nutzungen erlaubten. Die Clubs waren wandelbar, die Aufbruchstimmung dieser Zeit schlug sich in den mitunter futuristischen und traumwandlerisch anmutenden Interieurs nieder, inspiriert von den psychedelischen Erfahrungen der Hippie-Generation.

Auf das Wir-Gefühl in den 60ern folgte in den 70er-Jahren die Selbstdarstellung. Discos wurden zur Bühne für die Tanzenden selber, standen nicht mehr nur für das Versprechen einer kollektiven Ekstase, sondern auch für die Selbstverwirklichung.

Im Dunkel der Nacht konnte man sich ausserhalb gesellschaftlicher Normen einer Lust und Leidenschaft hingeben, die nicht den Konventionen der Gesellschaft entsprach: In den New Yorker Clubs lösten sich Geschlechterstereotype auf, alles wurde toleriert, alles war möglich und alles verfügbar, von Drogen bis Sex.

Angetrieben von den Viertelschlägen auf der Bass Drum entwickelte sich ein gradliniger, kompromissloser Musikstil. Die Tanzmusik erhielt mit Disco ihr eigenes Genre. Über den geerdeten Beats liessen schwebende Synthesizersounds die Leute abheben, Songs wie Donna Summers «Love To Love You Baby» lieferten den Soundtrack zum erotischen Eskapismus dieser Zeit. Das «Saturday Night Fever», es erfasste die ganze Welt.

New York blieb Epizentrum. Hier, in der Stadt, die niemals schläft, konnten die Menschen ihre Sehnsüchte in den Nachtclubs parken. Ganz konkret war das in der Paradise Garage der Fall. Diese wurde 1976 in einem Parkhaus eingerichtet und zum Prototyp für alles, was wir heute unter Clubkultur verstehen. Mit Larry Levan legte ein DJ auf, der zum Klangkünstler avancierte und nicht einfach nur als menschliche Jukebox wirkte. Sein Name war eine Referenz, die Musikanlage State of the Art. Grace Jones, die für das Nightclubbing steht wie keine andere Künstlerin, ging hier ein und aus und berauschte sich wie alle anderen an der Mischung aus Musik und Entfesselung.

Starkult im Studio 54

Noch berühmter wurde das 1977 gegründete Studio 54, das wie die meisten Clubs für die Umnutzung eines bestehenden Gebäudes stand. In einem ehemaligen Opernhaus beim Broadway wurde ein Tempel eingerichtet, der den Kult um den DJ, wie man ihn seit den 90er-Jahren feiert, vorwegnahm: Er thronte auf einer Kanzel – wie in der Kirche. Die Clubnacht als Messe, der sich niemand entziehen wollte: Prominente Stars drängelten dafür ebenso vor dem Eingang wie Normalos. Die strenge Selektion an der Tür, sie trug zum Mythos des Studio 54 bei. Kunst-Ikone Andy Warhol, ein Stammgast, brachte das Erfolgsrezept so auf den Punkt: «Am Eingang herrscht Diktatur, auf dem Dancefloor Demokratie.»

Der Hedonismus im Studio 54 wurde bestens dokumentiert: Paparazzi, die auf der Suche nach Momentaufnahmen von Stars waren, liess man bereitwillig eintreten. Die Betreiber des Studio 54 wussten, dass sie damit die beste Gratis-Publicity erhielten für ihren Club.

In den 1980er-Jahren erhielt die Ekstase einen Treiber in Pillenform, der auch Fans von weisser Gitarrenmusik zum Tanzen brachte. Bestes Beispiel hierfür war die Haçienda, ein Lokal in Manchester, das unter anderem von der Band New Order mitfinanziert wurde und als Wiege der europäischen Ravekultur gilt. Hier traf kühle postindustrielle Architektur auf die Wärme glühender Körper. Acid House hiess der Musikstil, das Smiley als Symbol für glückserfüllte Raver.

Glücklich konnte sich auch schätzen, wer in den 80er-Jahren in New York lebte. Denn dort umarmte die Kunstszene die Clubkultur und bildete ein symbiotisches Verhältnis. Keith Haring etwa malte seine Männchen-Kunst zuallererst an die Wände von Diskotheken, ehe ihn die etablierten Kunstorte entdeckten.

Ein vergessener Ort, den das Vitra Design Museum auf faszinierende Weise in Erinnerung ruft, ist der Area Club. Dieser veränderte sein Aussehen alle paar Wochen und wurde zum Tummelfeld der kreativen Szene: Im Themenmonat «Essen» lockte ein Pool, gefüllt mit Buchstabensuppe. Ein andermal legten Künstler wie Jean-Michel Basquiat Hand an, sei es beim Interieur oder als DJ hinter dem Schallplattendeck. 1987, nach vier variantenreichen Jahren, war die Ära des Area Geschichte.

Dass die Lebensdauer von Clubs zeitlich begrenzt ist, liegt in der Natur der Sache. Sie wachsen mit Szenen, werden vom Kommerz vereinnahmt, uninteressant und verschwinden wieder – so wie Modetrends auch. Die Subkultur lässt sich nicht vorschreiben, wie und wo sie auszugehen hat. Und manche Traumwelten werden gar nicht erst realisiert, sondern bleiben Kopfgeburten. Auch das zeigt die Schau im Vitra Design Museum. Etwa mit einem Modell, welches das renommierte Architekturbüro von Rem Koolhaas 2015 entworfen hat: eine Neuauflage des Londoner Clubs Ministry of Sound. Es wurde nie umgesetzt.

Begehrtes Berghain

«God is a DJ» verkündete die britische Gruppe Faithless 1998, als die House-Musik den Ton angab. Doch der Personenkult, die Ausrichtung des Dancefloors zum DJ-Pult, rief auch Gegenbewegungen hervor. Zurück zum Underground. Oder, wie das Beispiel der Musiker James Murphy (LCD Soundsystem) und 2ManyDJs zeigt: zurück zum Sound. Sie haben ein mobiles Monstrum mit einer Leistung von 50'000 Watt geschaffen. Bemerkenswert daran: Kein Licht ist auf die DJs gerichtet, der Klang ist der Star. «Ein Chefkoch steht ja auch nicht im Rampenlicht», erklären sie ihre Absicht, die Clubkultur wieder zurück zum puren Musikgenuss zu führen.

Und heute? Gehört das Berghain in Berlin zu den berühmtesten Clubs der Welt: Aus einem Schwulen- und Fetischclub hervorgegangen, ist dieser Koloss der Technokultur seit 2004 in einem alten DDR-Heizkraftwerk untergebracht. Undenkbar, dass hier so wie zu Studio-54-Zeiten jemand seine Kamera zückt. Was im Berghain geschieht, bleibt im Berghain. Eskapismus und Eskapaden gehören nicht dokumentiert.

Das Vitra Design Museum würdigt den Berghain denn auch nicht mit Bildern, sondern mit einer witzigen Arbeit des Künstlers Philip Topolovac: «I’ve Never Been to Berghain» heisst sein originalgetreuer Nachbau, eine Miniatur aus Kork, Holz und Blei. Der Titel: Eine Anspielung auf die strenge Gesichtskontrolle, die dafür sorgt, dass manche Touristen, die als Teil des Easyjetset für ein Partywochenende nach Berlin reisen, den Club nicht von innen gesehen haben.

So bleibt der Berghain ein Sehnsuchtsort. Und die Entfesselung, man spürt es am Ende des Rundgangs durch diese Ausstellung am pochenden Herz, spielt sich nicht nur in den Räumen der Clubs ab – sondern immer auch in unserer Fantasie.

«Night Fever – Design und Clubkultur 1960 bis heute». Vitra Design Museum, Weil am Rhein (D). Bis 9. September 2018. Zur Ausstellung ist ein 400 Seiten starker Katalog erschienen.