In der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt arbeiten rund 40 Millionen Menschen unter Bedingungen, die an Sklaverei grenzen. Die «maids» – Hausangestellte – sind meistens Frauen und schuften für wohlhabende Inder. Von der Oberschicht werden sie wie Aussätzige behandelt: Sie essen Reste, schlafen auf dem Boden, benutzen separate Gläser sowie separate Toiletten.

Die indische Filmregisseurin Rohena Gera (45) hat sich dieser gesellschaftlich akzeptierten Form von Diskriminierung in ihrem Spielfilmdebüt «Sir» angenommen. Der Film feierte seine Weltpremiere an den Filmfestspielen von Cannes und war vor kurzem am Zurich Film Festival zu sehen.

«Sir» erzählt von der jungen Witwe Ratna (Tillotama Shome), die für den wohlhabenden Ashwin (Vivek Gomber) arbeitet. Die Gegensätze zwischen ihnen sind frappant: Ratna stammt aus einem ländlichen Dorf und spricht Ashwin stets mit «Sir» an. Ashwin gehört wiederum zur Oberschicht Mumbais, verkehrt in schicken Cocktailbars und unterhält sich auf Englisch. Den gesellschaftlichen Unterschieden zum Trotz kommen sich die beiden näher und entwickeln Gefühle füreinander. Allerdings ist es um ihre Liebe schlecht bestellt, denn im rigiden indischen Klassensystem sind Ratnas und Ashwins Gefühle tabu.

Das Thema wird totgeschwiegen

In seinen Grundzügen bietet «Sir» die Zutaten für eine klassische Liebesgeschichte: Arm und Reich verlieben sich trotz widriger Umstände. Doch Regisseurin Gera will mit ihrem Film mehr, als auf die Tränendrüse drücken, wie sie uns beim Gespräch in Zürich erzählt: «Die Situation der Hausangestellten erinnert an die Rassentrennung der USA in den 1950er-Jahren, aber in Indien redet niemand darüber. Mit meinem Film will ich etwas bewegen und dass sich die Menschen über dieses Thema unterhalten.» Der Stand der Hausangestellten habe der Filmschaffenden seit ihrer Kindheit zu schaffen gemacht. «Ich bin mit einer Hausangestellten aufgewachsen und fühlte mich deswegen lange schlecht. Ich wusste nicht, was ich tun kann, denn ich war Teil des Problems.»

Als Erwachsene ging Gera in die USA, um dort zu studieren. Immer, wenn sie nach Indien zurückkam, sei sie noch frustrierter gewesen, da sich nichts geändert hatte. Schliesslich kam ihr die Idee, das Problem mit einer Liebesgeschichte aufzugreifen: «In einer emotionalen Geschichte sind die Hauptfiguren gleichberechtigt, ich kann das Thema auf eine interessante Weise ansprechen.»

Gera erweist sich als nuancierte Erzählerin. Sie verzichtet bewusst auf überbordende Dramatik und vermittelt vieles über eine subtile Bildsprache. Zum Beispiel zeigt sie mit einer Kamerafahrt, wie Ashwin und Ratna, durch eine Wand getrennt, Rücken an Rücken in ihren Zimmern sitzen: Sie sind miteinander verbunden, leben unter demselben Dach und dennoch in ganz verschiedenen Welten. Die beiden Schauspieler zeichnen sich ebenfalls durch Zurückhaltung aus. Die Anziehung zwischen Ratna und Ashwin ist in kleinen Gesten spürbar und in ihren Blicken, sodass die die Luft regelrecht elektrisiert ist, auch wenn kein Wort zwischen ihnen fällt.

Rohena Gera ist sichtlich gerührt ob der Aufmerksamkeit durch die internationalen Filmfestivals. Ihr innigster Wunsch sei aber, dass «Sir» auch in ihrer Heimat einen Verleiher findet. Obwohl es ihr unabhängig produzierter Film auf dem indischen Filmmarkt gegenüber Star-besetzten Grossproduktionen schwer hat, ist die Filmemacherin optimistisch: «Selbst wenn nur einige hundert Zuschauer den Film sehen, kann das bereits etwas in Gang setzen.»

Sir (IND 2018) 99 Min. Regie: Rohena Gera. Kult.kino Atelier, Basel. HHHHI