Geschafft. Die Basler Dokumentartage waren ein voller Erfolg. Von Mittwoch bis Sonntag dauerte das Festival. Der Kurator Boris Nikitin und seine beiden Produktionsleiter Clara Becker und Benedikt Wyss dürfen stolz sein. Die Vernissage des «Museum of Broken Relationships» war voll, der Eröffnungsauftakt war voll und der Samstag ein ausverkauftes Riesenspektakel mit anschliessender Sause. Die Zuschauer haben in dieser Woche viel gesehen, geklatscht und getratscht.

Nach etlichen Theaterstücken, Performances, Workshops und Filmvorführungen fanden anregende Diskussionen statt. Ein besseres Zeugnis könnte man einem Künstler wohl nicht ausstellen. Wenn die Fragerei losgeht, hat er gewonnen. Ist das echt? Ist das alles gespielt oder gefälscht? Hat der Performer wirklich so oft versucht, sich umzubringen? Sind das echte Mörder, und wollen die nun tatsächlich vor der Kamera ihre Mordtat nachstellen?

Inszenierung und Wirklichkeit

«It’s the real thing» hiess das Festival und stand im Zeichen der Dokumentation. Unter diesem Aufhänger wurden die Produktionen von Nikitin ausgewählt. In einer Ansprache am Abend der Eröffnung verweist er jedoch auf die Dehnbarkeit des Begriffs. Nicht alle Arbeiten, die am Festival gezeigt werden, sind explizit «dokumentarisch». Deshalb sind Fragen nach der Wirklichkeit, der Echtheit und der Glaubwürdigkeit des Dargestellten berechtigt.

Auch Dokumentarisches kann sich inszenieren. Wer sich mit einer persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit wagt, überlegt, was er sagen möchte und was er für sich behält. Er bestimmt die Art und Weise, wie er sich vorstellt. So bleibt immer ein Teil des Performers verdeckt. Die Schnittstelle von Inszenierung und Wirklichkeit bleibt für Aussenstehende unklar. Neugierig wird dann darüber diskutiert, so auch nach dem Auftritt von 25 Polinnen unterschiedlichen Alters. Am Mittwochabend formierten sich diese zu einem Chor, schrien, sangen und flüsterten von der Unterdrückung der Frau.

Die Regiearbeit von Marta Górnicka wurde mit einstimmigem Beifall in der Reithalle der Kaserne angenommen. Die Performance war bewegend und für manche irritierend zugleich. Im Austausch nach der Vorführung begründet ein 50-jähriger Zuschauer sein Erstaunen. Er wuchs im Osten Deutschlands auf und begegnete dort vielen polnischen Frauen. Für ihn waren sie immer die starken Schönen, die es geschafft hatten. Jetzt ist er verwundert über ihren Auftritt. Sind die Frauen wirklich nicht so frei, wie er dachte? Wie aktuell ist die Situation, von der sie berichten? Zählt das für alle Darstellerinnen oder nur für die Regisseurin?

Ungewöhnlich berührend

Für eine ähnliche Reaktion sorgte «Mental», das Soloprogramm des Performers «vacuum cleaner». Im Theater Roxy konnte, wer rechtzeitig einen der wenigen Plätze ergatterte, im Schlafzimmer der Künstlerwohnung einer ungewöhnlichen Geschichte lauschen. Der Performer «vacuum cleaner» las im Bett aus seiner dicken Krankenakte. Seine Erzählung bedient sich hauptsächlich der Beobachtung Dritter. Darin kommen Ärzte, Psychiater, Sozialarbeiter, Richter und Gutachter zu Wort. Keiner im Publikum weiss aber, wie es ihm damals ging und wie es ihm heute geht. Man kann es bloss anhand der Schilderung der vielen Versuche, sich das Leben zu nehmen, erahnen. Hier ist das Dokumentarische wörtlich zu nehmen. Die Performance stützt sich auf Akten, auf Fakten, auf Beweise, Belege und Daten. Das Dokumentarische kann allerdings auch versteckt vorhanden sein, wie im Falle der allerletzten Produktion des Festivals.

In «Ein Bericht für eine Akademie», der 30-minütigen Performance von Samuel Koch und Robert Lang, bleibt der Hinweis auf das Dokumentarische ohne Hintergrundwissen versteckt. Koch und Lang treten aneinander geklebt auf. Ohne Langs Körper könnte sich Koch nicht bewegen. Seit Kochs Unfall in der TV-Show «Wetten, dass..?» ist er querschnittsgelähmt. Der Auftritt der siamesischen Zwillinge ist eindrücklich.

Das Bild, das beide abliefern, ist ein Augenschmaus. Beim ersten ausgesprochenen Satz verliert die Inszenierung leider an Kraft. Kafkas kurzer Text über einen zum Mensch gewordenen Show-Affen wird von Robert Lang nicht getragen – die Inszenierung verschenkt den Biss der textlichen Satire. Hier hätte man die Kollision von biografischer Wirklichkeit und Inszenierung auf die Spitze treiben können. Sehr schade.