1 Der Radikale: «Aber doch nicht diesen Stockhausen?!!» war die Reaktion manchen Musikliebhabers, wenn ich damals als junger Mann erklärte, dass ich gern Neue Musik hörte. Was für die Generation zuvor Schönberg, war Stockhausen in den 60er- und 70er-Jahren: ein Synonym für Zeitgenössisches – und ein Schreckgespenst seiner Radikalität und seiner manchmal sehr absolutistischen Haltung wegen.

2 Die Zwölf hatten er und seine Altersgenossen aus der Zwölftontechnik Arnold Schönbergs und Anton Weberns übernommen und über die ganze Musik gelegt. Sie wurde zur magischen Zahl der Avantgarde. Alles wurde über diese Zwölf gedacht und organisiert. Während Kollegen wie Pierre Boulez bald davon abliessen, hielt Stockhausen daran fest und manifestierte sie als Urzelle seiner Musik.

3 Gruppen: Dabei stiess er immer wieder in neue Räume vor. Stücke wie der elektronische «Gesang der Jünglinge» oder die fulminanten «Gruppen» für drei Orchester, die unter Simon Rattle am Wochenende in Luzern zu hören sind, erweiterten den Horizont. Solche neuen Erfahrungen gibt es bei Stockhausen ein ums andere mal. Sein Œuvre ist vielgestaltiger und offener als jene der meisten Kollegen.

4 Die Frauen: Es waren nicht gerade zwölf, aber doch gern mehrere. Stockhausen, notorisch untreu, liebte die Ménage à trois, wie seine zweite Frau Mary Bauermeister in ihren Memoiren «Ich hänge im Triolengitter» erzählt. Er war überglücklich, wenn seine Partnerinnen in eine kommode Lösung einwilligten.

5 Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band: Zwischen Lenny Bruce und W. C. Fields findet sich sein Kopf auf diesem berühmtesten Plattencover der Beatles. Die Fab Four erwiesen dem Avantgardisten damit die Reverenz – und sie haben sich von ihm inspirieren lassen wie später Pink Floyd, Björk und andere Popmusiker. Einige deutsche Rock-Musiker besuchten sogar seine Kompositionskurse. Und auch in der Techno-Szene gilt Stockhausen als fixe Grösse.

6 Mantra: Nach den experimentellen 60er-Jahren fand Stockhausen um 1970 zu einer neuen Kompositionsweise, mit der sich die Musik vereinheitlichen liess, zu einer «Formel», über die alles definiert wurde. Erstaunlich aber war, wie gerade in «Mantra» für zwei Klaviere diese Einheitlichkeit aufzublühen beginnt, wuchert, ja witzige Momente schafft und sogar mal ins Jazzige kippt. Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich haben das einstündige Werk letzte Woche in Luzern grossartig dargeboten.

7 Der Solitär: Während der 70er-Jahre, als Boulez mit dem IRCAM (einem Forschungszentrum für elektronische Musik) und dem Ensemble Intercontemporain zwei wichtige Institutionen aufbaute, zog sich Stockhausen immer stärker zurück. Er holte sich, soweit möglich, die Rechte an den Partituren und Aufnahmen zurück, verwaltete sie selber und versuchte so, alles im Griff zu behalten. Weil den Interpreten und den Radios so höhere Kosten entstanden, war seine Musik seltener zu hören. Sie wurde zum Solitär.

8 «Inori» (1973/74) Angedeutet hatte es sich schon länger. Dieses Werk wies nun endgültig den Weg ins Spirituelle. Komponiert für zwei stumme Solisten (Tänzer) und Orchester, beruht es auf zwölf Gebetsgesten, die streng durchkomponiert werden. Das wirkt keineswegs esoterisch, sondern ist, wie sich am vergangenen Wochenende in Luzern auf eindrückliche Weise zeigte, vielleicht Stockhausens dramatischstes Werk überhaupt: ein inneres Drama der Meditation und des Gebets. An Intensität ist das kaum zu überbieten.

9 «Licht» ist nicht einfach eine Oper, sondern der längste Opernzyklus der Musikgeschichte, länger als Wagners «Ring des Nibelungen». In sieben Tagen erzählt Stockhausen eine Kosmologie rund um drei antagonistische Kräfte, personifiziert im erzengelhaften Michael, dem diabolischen Luzifer und dem ewigen Weib Eva. Grossartige Szenen entstehen dabei, aber auch solche von fragwürdiger Naivität.

10 Der Kontrollfreak: Bis ins Letzte wollte er alles kontrollieren. Der Spielraum für Interpreten war enorm eng. Wo die Gründe dafür liegen, darüber mögen sich Psychologen streiten. Waren es Verlustängste, verursacht durch den Tod der Mutter, die von den Nazis in einem Euthanasieprogramm umgebracht wurde?

11 Das Helikopter-Quartett: Immer wieder versuchte Stockhausen das Gegebene zu übersteigern. Das spektakulärste Beispiel dafür ist das Helikopter-Quartett. Die vier Musiker eines Streichquartetts steigen je in einen Helikopter, heben ab und spielen hoch oben in der Luft. Ihre Klänge werden, gemixt mit dem Lärm der Rotoren, auf den Boden geschickt und sind dort fürs Publikum zu hören. Die Idee ist fabulös, das Ergebnis erregt Aufsehen, die Musik gehört zum Schwächeren, was Stockhausen geschaffen hat.

12 2001: Welcher Luzifer hatte ihn da geritten? Als «das grösste Kunstwerk, das es je gegeben hatte», bezeichnete Stockhausen das Attentat vom 11. September. Nicht, dass er die Mordtat gutgeheissen hätte, aber er war fasziniert von der äussersten Unbedingtheit und der Selbstaufgabe der Attentäter: Konsequenz seines Kontroll- und Perfektionswahns. Das Statement kostete ihn viel Goodwill und zahlreiche Aufführungen.

13 Die wilde 13. Eine Anekdote: Stockhausen sei spätabends mit dem Techniker im elektronischen Studio gesessen, als er von der Geburt eines seiner Kinder erfuhr. Jetzt müsste man was Verrücktes machen, habe er gesagt. Er habe einen verirrten Bandschnipsel vom Boden aufgehoben und ihn in das fertige Stück montiert – als Fremdkörper. Tatsächlich gibt es – zum Glück – immer wieder Momente, in denen er die Strukturen und Ordnungen aufbricht und sich über die Zwölf hinaus erhebt, in «Mantra», in «Inori», in den «Gruppen». In diesem Sinn mag er weiterkomponieren, wo immer er jetzt auch ist, auf dem Sirius oder einem anderen Stern…