Erst vor kurzem wurde uns weisgemacht, dass sich in Schweizer Ehebetten Langeweile ausbreitet. Trotzdem aber sollen Frau und Herr Schweiz 1,4-mal Geschlechtsverkehr pro Woche haben, was europäischer Durchschnitt bedeutet. Dann wieder heisst es, Ehe und Treue bedeuten heute nichts mehr, gefragt sind schneller Sex statt grosser Liebe. Wenn es ums Thema Sex geht, muss man wohl einige Ergebnisse mit Vorbehalt geniessen. Wie aber lieben die Schweizer wirklich? Eine neue Studie geht nun über quantitative Statistiken hinaus und beleuchtet auch die Qualität des Geschlechtsverkehrs.

Die vom Casual Dating-Portal C-Date in Auftrag gegebene Untersuchung hat 5670 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 18 und
50 Jahren zu ihren Vorlieben im Bett befragt. Dabei kommt Erstaunliches zutage. Etwa, dass die Schweizer ausgesprochen treu sind. Sie nehmen lieber schlechten Sex hin, als sich vom Partner zu trennen. 79 % von ihnen kommt es absolut nicht infrage, dass ihr Partner ausserhalb der Beziehung Sex mit einer anderen Person hat. Andererseits denkt auch die Hälfte der Schweizer mindestens gelegentlich beim Sex an eine andere Person.

Frauen melden ihre Bedürfnisse an

Interessant ist vor allem der Aspekt, dass heute fast Dreiviertel der Schweizer Männer wollen, dass ihre Partnerin zuerst zum Höhepunkt kommt. Und auch die Schweizerinnen selbst finden ihre sexuelle Befriedigung immer wichtiger. Hier zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab. Das mag zwar Maya Onken, Buchautorin und Geschäftsführerin des Frauenseminars Bodensee, wenig zu erstaunen. «Heute sind die Frauen eher bereit, ihre Bedürfnisse auch im Bett anzumelden.» Schliesslich weiss man seit dem Kinsey-Report aus den 50er-Jahren, dass es auch eine weibliche Sexualität gibt.

Trotzdem scheint das Thema immer noch für viele ein Tabu zu sein. «Es ist noch keineswegs so, dass Frauen auch darüber reden», weiss Maya Onken. Es scheint auch eine Altersfrage zu sein. So stellt die Zürcher Sexologin Linda Andreska fest, dass viele Frauen erst ab 35 wissen, was sie sexuell wollen, manche sogar erst mit 40 ihren ersten Orgasmus haben. Oft läuft dann der Sex mit dem Partner bereits in alten Fahrwassern. «Wenn dann nicht darüber gesprochen wird, ist der Weg in eine Dreiecksbeziehung nicht mehr weit», so Maya Onken. Sie weiss auch wieso: «Bei einem frischen Partner ist es einfacher, die eigenen Bedürfnisse anzusprechen, als wenn man in alten, starren Mustern festgefahren ist.»

Das sieht auch Linda Andreska so. «Die Männer reagieren oft verunsichert, wenn plötzlich neue Forderungen auf sie zukommen.» Sie ermuntert das starke Geschlecht, offen damit umzugehen. «Schliesslich ist es spannender, wenn aus zwei vollen Picknickkörben genascht werden kann.»

Das kommt allerdings nicht automatisch, denn auch die Männer stecken noch in tradierten Wertvorstellungen, wo es vor allem um den eigenen Orgasmus geht und er nur dann ein Superheld ist, wenn er möglichst oft und lange mag. Maya Onken: «Heute ist ein Mann gut im Bett, wenn auch die Frau zufrieden ist.»

Hirn und Herz erobern

Wie aber packt Mann das an? «Mein Geheimtipp: Mit einem Sprachkurs», meint die Thurgauerin und schmunzelt. «Männer müssen lernen, wie man mit Frauen im Bett spricht.» Der Schlüssel für die weibliche Sexualität ist nicht allein der Körper, «zuerst müssen Kopf und Herz erobert werden». Sie weiss: «Frauen wollen nicht einfach Sex, sie wollen auch einen seelischen Orgasmus, sie möchten rundum geliebt werden.»

Aber auch von den Frauen selbst fordern die Expertinnen mehr Mut und Offenheit. Solange in der Öffentlichkeit immer noch das Bild vermittelt wird, dass Frauen Sexobjekte und passive Opfer sind, werde sich so schnell nichts ändern. «Deshalb müssen wir Frauen unsere weibliche Sexualität kundtun.»