«No Fillers. No Hängers. No Bullshit». Mit gewohnt markigen Worten künden Krokus ihr neues Album «Big Rocks» an. Covers aus 50 Jahren Rockgeschichte. «Jumping Jack Flash» von den Rolling Stones, «My Generation» von The Who, «Whole Lotta Love» von Led Zeppelin, «Born To Be Wild» von Steppenwolf und, und, und. Insgesamt zwölf Rock-Klassiker, eine ultimative Playlist des Rock ’n’ Roll. Alles Songs, die jedes Kind kennt oder kennen sollte. Der böse Verdacht: Kommt den Hard-Rock-Urgesteinen vom Jura-Südfuss nichts mehr in den Sinn?

«Ich schwöre, wir hätten noch haufenweise Material für neue Songs», sagt Oberdruide Chris von Rohr in seiner Residenz Montechristo in Solothurn, «doch wir sind inzwischen in einem Alter, in dem wir uns nichts mehr vorschreiben lassen und nur noch machen, worauf wir Lust haben.»

Sony hat keine Freude an Covers

Das Label Sony hatte offenbar keine Freude an den Cover-Plänen von Krokus und hat der Band 50 Prozent der Lizenzgebühren (Royalties) gestrichen. «Das ist uns scheissegal», sagt Gitarrist Fernando Von Arb, wir haben «Big Rocks» gemacht, weil wir Lust darauf hatten. Punkt.» Und von Rohr ergänzt: «Für uns ist es eine Herzensangelegenheit. Diese Songs sind unsere Muttermilch, unsere DNA.»

Es macht nur dann Sinn, Covers neu aufzunehmen, wenn die neuen Versionen entweder anders oder besser sind. Auf «Big Rocks» erfüllen nicht alle Songs diese Vorgaben: «Tie Your Mother Down» von Queen (1976) und «Whole Lotta Love» von Led Zeppelin (1969) sind auch tatsächlich schwer zu toppen. Doch der 65-jährige Marc Storace singt die Krokus-Version so bestechend, wie sie der drei Jahre ältere Robert Plant heute wohl nicht mehr hinkriegen würde.

Rockdiamanten im Krokusgewand

Generell sind die Krokus-Covers härter, die Riffs massiver abgemischt als die Originale. «Summertime Blues» zum Beispiel, ein Rock-’n’-Roll-Schinken von Eddie Cochran aus dem Jahr 1958, im Original noch mit akustischen Gitarren interpretiert, verwandeln Krokus mit harten Gitarrenriffs in Hardrock Marke Krokus. Ähnlich verfährt die Band mit dem folkigen «House Of The Rising Sun» (1962) der Animals. Das Thema in «Gimme Some Lovin» wird im Original der Spencer Davies mit der Orgel gespielt, bei den Blues Brothers mit Bläsersatz, bei Krokus übernimmt das, wie es sich für eine Rockband gehört, die elektrische Gitarre. Die Zeitgeist-Hymne «My Generation» (1965) von The Who ist im Original noch von einem Beatgroove geprägt. Bei Krokus bleibt davon nichts mehr übrig. Da wird fadengerade gerockt. «Wild Thing» (1965), eigentlich ein eigenartiges Stück, das weder im Original von Chip Taylor noch bei The Troggs so richtig in die Gänge kommt, fliesst bei Krokus. Das abgehackte, punkartige Riff der Troggs wird erweitert resp. erhält eine Antwort (Call&Response). «Wir haben die Songs so behandelt, als wären sie von uns. Wir nennen diesen Prozess Krokusizen», erklärt Produzent von Rohr.

Auffällig ist, dass neun der dreizehn Stücke auf «Big Rocks» aus den 1960er-Jahren stammen. Für die beiden Krokus-Komponisten ist das nur logisch. «Dort ist alles explodiert, alles passiert. Rock ist vor 50 Jahren aus dem Zeitgeist entstanden. Die herausragendste Rockmusik ist damals entstanden», sagen beide. Heute seien die Musiker zwar «technisch viel weiter», aber heutige Rocksongs sind «nur Kopien und Kopien der Kopien».

Innovationsproblem des Rock

Insofern spiegelt «Big Rocks» den Zustand der Rockmusik, der zu einer klassischen Form geworden ist. «Rock ist eine etablierte Musik, in der es nicht mehr darum geht, sich neu zu erfinden. Es geht nicht mehr um das Was, sondern vor allem um das Wie», erklärt von Arb. «Wir haben unser bestes Kuchenrezept gefunden. Wieso sollen wir es ändern?», sagte schon Angus Young von AC/DC. Das ist bei Krokus nicht anders. «‹Big Rocks› ist eine grossartige Partyplatte und eine Hymne auf unsere Helden. Dieses Feuer, diese Rockdiamanten in einem frischen Soundgewand hinauszutragen, ist unser Anliegen», sagt Chris von Rohr. So gesehen sind Krokus im Herbst ihrer Karriere die Museumswächter des Rock, die Nachlassverwalter ihrer selbst.

«Es ist an den Jungen, etwas Neues zu entwickeln», sagt von Arb. Aber genau dort hapert es. Der in die Jahre gekommene Rock ’n’ Roll ist zwar ungebrochen populär, hat aber ein akutes Nachwuchs- und Innovationsproblem. Wir hatten immer gegen Widerstände zu kämpfen, hatten grosse Träume und wollten die Welt verändern. Wir haben alle Brücken hinter uns abgebrochen. Es gab kein Zurück. Wir waren Piraten und die Bad Motherfuckers. Diese Erfahrung prägt. Heute ist das nicht mehr so. Alles ist möglich, alles erlaubt, alles akzeptiert», sagt von Arb und ortet darin die Nachwuchsprobleme. «Bei uns hat es nie einen Plan B gegeben. Wir hatten nichts anderes und konnten nichts anderes. Heute gibt es einfach zu viele Optionen, tausend Ablenkungen und Irrlichter», ergänzt von Rohr. «Diese Dringlichkeit und Radikalität» fehle den heutigen Musikern. «Wir würden uns ja freuen, wenn mal eine Band käme, die uns so richtig den Arsch versohlen würde. Aber da ist nichts in Sicht, da gibt’s nichts», sagt er weiter.

Eine Ära geht zu Ende

«Seit den Anfängen besteht auch ein Krieg zwischen Krokus und den Radios», sagt von Arb. Die Band wird kaum gespielt. «Diese Ignoranz hat uns aber nur stärker gemacht, der Gegenwind aus den Städten hat uns angetrieben, wir wollten es den Zürchern und Bernern zeigen», sagte er weiter. Daran hat sich bis heute nichts geändert. «Es wäre wohl das Ende der Band, wenn Krokus plötzlich am Radio gespielt würden, dann müssten wir sofort aufhören», sagt von Arb.

Diese Analyse stellt dem aktuellen Rock und der Zukunft des Rock ein schlechtes Zeugnis aus. Von Rohr: «Es geht eine Ära zu Ende. Das ist wie bei Mozart, Beethoven & Co. Irgendwann geht die gloriose Zeit zu Ende. Wenn die Dinos aufhören oder sterben, dann wird es ganz düster.» Und von Arb ergänzt: «Wenn die Fitze-Fatze-Bands regieren, wird es ganz tragisch. Hochglanz, poliert und ohne Biss, ohne Leidenschaft und Herz. Aber vielleicht braucht es ja den totalen Kollaps.»

Die Parallelen von Krokus zu den Rolling Stones, die mit «Blue & Lonesome» kürzlich ebenfalls ein Coveralbum herausgegeben haben, sind offensichtlich. Auch Krokus gehen dorthin zurück, wo alles angefangen hat. Zu den Songs, die sie sozialisierten und zum Rock brachten. Der Kreis schliesst sich auch bei Krokus. Ist «Big Rocks» das letzte Album? «Ich weiss nicht. In unserem Alter planen wir nicht länger als ein Jahr im Voraus», sagt der Chefstratege. Die Götter der Gesundheit bestimmen die Agenda von Krokus. Doch von Rohr sagt lachend: «Wenn es die Stones noch einmal schaffen, ein Studioalbum aufzunehmen, dann müssen wir wohl nachlegen.»

Krokus Big Rocks (Sony). Erscheint am 27.2. – Live: Rock Monsters of Switzerland mit Gotthard und Shakra 3.3. Festhalle Bern; 4.3. Samsung Hall (ausverkauft); 12.3. Salle Metropole Lausanne.