80 Minuten dauert Anton Bruckners Sinfonie Nr. 5. So lang auf einem der harten, schmalen Holzstühle im Münster zu verharren, ist was für Kenner. Doch das Sinfonieorchester Basel hatte bei seinem ersten Abokonzert der Saison vorgesorgt: Liegestühle im Hoch-Chor standen für diejenigen bereit, die sich einen entspannteren Konzertgenuss wünschen.

Zwar gibt es von dort aus nichts zu sehen, der Blick aufs Orchester ist vom Chorgestühl versperrt, doch dafür ist man auch unbeobachtet. Und so kann man schon mal die Schuhe loswerden, Füsse hochlegen, kurz wegnicken, für einen Abstecher auf die Empore verschwinden oder auch im aktuellen Lieblingsbuch lesen.

Und das ist keine beispielhafte Aufzählung, sondern Ergebnis der teilnehmenden Beobachtung. Welch Erleichterung! Während sich unten im Kirchenschiff die Anzugträger quälen, sind wir hier oben ein Haufen entspannter, überwiegend junger Individualisten.

Zarte, innige Momente und blockhafter Aufbau

Das Musikerleben ist dabei nicht minder intensiv. Das dröhnende Blech, die ausladenden sinfonischen Entwicklungen, die zarten innigen Momente sowie der blockhafte Aufbau, der von Dirigent Ivor Bolton mit Spannung gehalten wird – all das kommt auch hier oben bestens und mitreissend an.

Bruckner absorbiert die Aufmerksamkeit, ohne den Hörer didaktisch von a nach b zu führen. Er passt zu unserer anarchischen Haltung hier oben. Er möchte nicht gefallen mit sauberer Form und hübschen Übergängen, das spürt man, auch wenn man die ganze Komplexität des Aufbaus unmöglich beim ersten Hören erfassen kann.

Der Zyklus «Bruckner plus» im Münster, der mit diesem Konzert gerade in der Halbzeit ist (bisher wurden chronologisch die Sinfonien 1 bis 4 gespielt) ist ein Glücksgriff. Die Kirchenakustik bietet beste Voraussetzungen, in den opulenten Klangmassen zu baden, das Orchester hat die Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen, an seinem Klang zu arbeiten, und durch das weitere Programm ist für Abwechslung gesorgt.

Weich und dunkel ist der Klang – doch nicht nur

Am Beginn stand mit der Bearbeitung des Contrapunctus XIX aus Bachs Kunst der Fuge von Luciano Berio ein filigranes Werk. Diese Schlussfuge aus dem bekannten Zyklus, die Bach unvollendet liess, hat der Italiener für 23 Spieler neu gesetzt, dabei überwiegen die Holzbläser.
Entsprechend weich und dunkel ist der Klang in vielen Passagen des Stücks – doch nicht nur.

Die Bearbeitung besticht durch ihre breite Palette an unterschiedlichen Klangfarben bis zu einem strahlenden, metallischen Klang, der an eine Orgel erinnert.

Der Schluss ist überraschend

Das Manuskript liegt in der Paul Sacher Stiftung, was wiederum die Zusammenarbeit der beiden Basler Institutionen betont, die uns in Zukunft weitere Aufführungen von Berios Werken durch das Sinfonieorchester bescheren wird.

Überraschend ist übrigens Berios Umgang mit dem Schluss der Fuge. Anstelle eines entsprechenden Finales, wie Bach es geschrieben hätte, lässt er die Musik gewissermassen stillstehen, indem er sie in den dissonanten Akkord B-A-C-H übergehen lässt. Eine Mischung aus Huldigung und metaphysischem Fragezeichen, die einen die Gegenwart zurückholt.

Dagegen sehr konkret wirkt das Konzert von Johannes Brahms für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll, das der Komponist eigentlich gar nicht schreiben wollte, sich dann aber selbst nicht von dem Plan abbringen konnte.

Es lohnt sich, den harten Holzstuhl zu ertragen

Es führt vor allem das Zusammenspiel der beiden Solisten vor Ohren, deren Stimmen so eng miteinander verwoben sind, dass es klingt, als wäre die Stimme von einem einzigen Instrument gespielt. Nicht umsonst soll Brahms auch von einer «achtsaitigen Riesengeige» gesprochen haben.

Da war es passend, dass anstelle der kurzfristig ausgefallenen Soyoung Yoon die Geigerin Corina Belcea einsprang, um mit dem Solocellisten des Orchesters Antoine Lederlin zu spielen. Die beiden kennen sich nicht nur aus ihrer Zusammenarbeit beim erfolgreichen Belcea Quartet, sondern sind auch privat ein Paar.

Für ihre engagierte und virtuose sowie gleichzeitig besonnene Performance lohnte es sich dann übrigens doch, zumindest in der ersten Konzerthälfte den harten Holzstuhl zu ertragen.