Am Anfang war die Erinnerung. Die Erinnerung an längst vergangene Nächte, als man ebenfalls Geleise überquerte, um an einen Ort zu gelangen im Nowhere Land, einen Ort, wo die Musik spielte und ein Gefühl der Freiheit herrschte in dieser Stadt. Das nt/Areal war so ein Ort, vor 20 Jahren aufgekeimt, anfänglich ohne Bewilligung betrieben, der Strom abgezapft, die ersten Konzerte improvisiert. Der Mainstream begnügte sich noch mit der Steinenvorstadt, es dauerte ein paar Jahre, bis auch er das Areal, das heute Erlenmatt heisst, für sich entdeckte.

Man fühlte sich an diese Zeit zurückerinnert, als man am Freitag Abend Richtung Kleinhüningen radelte um Neuland zu entdecken. Ein Schild mit der Aufschrift «Zum Humbug» lotste einen durch ein Firmentor, man passierte Geleise und gelangte in einen Hof.
Hier ist sie also, die jüngste Zwischennutzung der Stadt, auf dem BASF-Areal im Klybeck. Amtlich bewilligt, mit Anschubfinanzierung von Stiftungen wie der CMS. Humbug? So lautet der Name des Clubs, der sich hinter hohen Fenstern verbirgt. Die Industriehalle diente einst als Kunststofffabrik, war aber kein Produktionsraum und konnte deshalb für eine solche Nutzung freigegeben werden.

Sie soll in den nächsten Jahren als Kulturlokal dienen, das ist die Idee der Initianten, zu denen Markus Wolff gehört, der zuvor schon im Alten Zoll veranstaltet hat. Oder Simone Meyer, die schon im Erlkönig, auf dem eingangs erwähnten nt/Areal, Konzerte organisierte.

Welsches Bier, Zürcher Rap

Die Eröffnung am Freitag ist zwar auf 20.30 Uhr angekündigt. Aber natürlich ahnte man schon im Vorfeld, dass am ersten Abend nicht alles am Schnürchen klappen würde.
So bleibt der Club zu dieser Zeit geschlossen. Die ersten Besucher tummeln sich vor dem Eingang, wo Gastronomin Charlotte Wirthlin vom benachbarten Restaurant Platanenhof Essen schöpft und an einer Bar das Grundnahrungsmittel für einen solchen Abend verkauft wird: Bier. Und zwar eines, das man in Basel nicht an jeder Ecke erhält: Swaf, von der Brauerei Docteur Gab’s, welche im Waadtländer Lavaux beheimatet ist. Schmeckt ganz gut.

Um 21 Uhr dann öffnet der Humbug seine Türe. Drinnen riecht es noch nach frischer Farbe. Die Nebelmaschine zischt. Unverkennbar eine Industriehalle, doch strahlt sie keine Kälte aus. Über der grossen Bar, auf der grossen Getränketafel, ist die illustrative Handschrift von Milk & Wodka (Remo Keller) zu erkennen, welche die Texthandschrift von Sibilla Riva flankiert.

Auf der Bühne ergreift Mitorganisator Gian Luca Hofmann das Mikrofon, bedankt sich beim Publikum für die Geduld: «Und jetzt geht es auch schon los mit Big Zis.»

Es ist ein hypnotischer Auftakt in diese neue Ära des alternativen Basler Nachtlebens: Big Zis, die Zürcher Rapperin, schafft das Kunststück, ihre Lieder so zu kombinieren, dass daraus ein einziger grosser Flow wird. An ihrer Seite der Keyboarder Beni06, der analoge Synthesizersounds in den Raum schiebt und zusammen mit dem Schlagzeuger Julian Sartorius, der sich und dem Publikum mit seinen Grooves keine Verschnaufpause gönnt, einen bemerkenswert vollen Sound kreiert.

«Tönt er guet, eue neui Club?», fragt Big Zis in die Runde. Absolut, möchte man ihr entgegnen. Der Sound im Humbug ist gut, erstaunlich gut, wenn man bedenkt, wie schwierig es meistens ist, solche hohen Hallen akustisch in den Griff zu bekommen.

Erstaunlich guter Sound

Das Humbug-Team scheint auf die Klangqualität Wert gelegt zu haben: Die Akustikpanels, die an der Decke hängen wie Fledermäuse oder Dominosteine, erfüllen ihre Aufgabe als Schallwellenbrecher. Und die PA hat Druck.

Das bestätigt sich auch danach, als Puts Marie ihren experimentellen Stilmix auf die Bühne bringen: Die Bieler Band kombiniert catchy Gesangslinien mit ausufernden Instrumentalpassagen, das klingt manchmal so, wie wenn Nick Cave mit seinen Bad Seeds eine Oktave höher singen würde. Und, nachdem Big Zis die PA schon für Rap, Elektronik und Grooves eingepegelt hat, liefern Puts Marie en passant den Beweis, dass auch elektrische Gitarren gut rüberkommen im Humbug.

Wer genau sehen möchte, welche Instrumente die Musiker spielen, der braucht übrigens nur kurz auszutreten: Der Weg zu den Toiletten führt direkt an der Bühne vorbei, was zu einer Nadelöhrsituation führen kann. Aber das ist kaum der Rede wert. Auch, dass kleinere Sachen im Laufe des Eröffnungsabends noch justiert werden – so wird zum Beispiel plötzlich ein Pfand eingeführt: Kein Problem. Die Feuertaufe ist gelungen: Guter Sound, gute Stimmung, gutes Programm.

Ob das Publikum, das an diesem ersten Abend vor allem der linksalternativen Szene zuzurechnen ist, auch nach dem ersten Eröffnungsrausch so zahlreich erscheinen wird? Die Frage stellt sich, ebenso jene, wie gross diese Nische ist, respektive wie entdeckungsfreudig die Baslerinnen und Basler sind. Das Programm jedenfalls ist unangepasst, fernab des Mainstreams. Am kommenden Freitag etwa ist der deutsche Rapper Der Täubling als Headliner angesagt.