Der Moment gehört zu den intensivsten der Schweizer Popgeschichte: Während der Pressekonferenz zum Tod von Steve Lee im Oktober 2010 schildert Bassist Marc Lynn nochmals den Unfall und wird von der Trauer regelrecht durchgeschüttelt, als er erzählt, wie ihm die Notärztin sagte «He’s gone».

Steve Lee war der Kopf und das Herz von Gotthard. Eigentlich war damals klar, dass die Band zusammen mit ihm aufhören würde zu existieren. Andererseits: Was sollen Musiker, die seit 20 Jahren davon leben, denn plötzlich machen wenn nicht Musik?

Band als Einheit

Seit gestern steht die Antwort darauf in den Plattenläden. «Firebirth» ist das erste Post-Steve-Lee-Album mit dem neuen Sänger Nic Maeder am Mikrofon. Vorher lebten Gotthard von den Ideen und Visionen eines Steve Lee. Heute ist die Band als Einheit gewachsen. «Nic Maeder hat von Anfang an seine Ideen in unsere Musik einfliessen lassen», erklärt Bassist Marc Lynn im Gespräch. Beispielsweise stammen die ersten beiden Singles «Remember It’s Me» und «Starlight» aus der Feder des 41-jährigen Neulings, der in Lausanne und Melbourne aufgewachsen ist.

Alter Spirit noch hörbar

Wie auch schon zu Steve Lees Zeiten kamen auch viele neue Songideen von den beiden Gitarristen Leo Leoni und Freddy Scherrer. Darum ist auf «Firebirth» auch ohne Steve Lee immer noch der alte Gotthard-Spirit hörbar. Auch wenn die Lieder dank Maeder moderner klingen und einen härteren Grundton zeigen.

Der neue «Gotthard»-Song «Remember it's me» mit Frontmann Nic Maeder

«Wir haben das Trauerjahr abgeschlossen», sagt Marc Lynn. Gotthard sind demnach bereit, den Weg ohne ihr Aushängeschild zu gehen und die Verantwortung, die Steve Lee übernommen hatte, sei es auf der Bühne oder bei den Arrangements, ganz auf die Bandmitglieder zu verteilen. «Steve Lee wird immer ein Teil von uns bleiben, nur schon deswegen, weil wir die Lieder, die er gesungen hat, natürlich weiterhin spielen werden», sagt Lynn. «Nun stehen wir aber vor dem zweiten ersten Album und sind gespannt darauf, wie wir ankommen.» Zahlreiche Festivals stehen auf dem Fahrplan der Band und auch eine ausgedehnte Tournee im Herbst, welche die Tessiner bis nach Japan führen wird, ist bereits geplant. «Ende Jahr werden wir dann zurückschauen und Bilanz ziehen», sagt Lynn.

Showcase im Plaza-Club

Wie die neuen Gotthard live klingen, das zeigten sie am Donnerstagabend bei einem kurzen Showcase im Zürcher Plaza-Club. Alte Kracher wie «Dream On» und «Top Of The World» sang Nic Maeder mit Bravour. «Anytime Anywhere» hingegen lag dem Frischling überhaupt nicht. Die fehlende Intensität zeigte den Unterschied zwischen dem sehr guten Sänger Nic Maeder und dem genialen Sänger Steve Lee.

Dazu verfügt Maeder nicht über dasselbe Charisma wir Steve Lee. Nic Maeder spricht kein Deutsch, was die Kommunikation mit dem Publikum nicht gerade vereinfacht. Die Ansagen von Marc Lynn zwischen den Liedern wirkten eher schüchtern. «Wir werden die kommenden Konzerte sicherlich auch dazu nutzen, unser Programm zu verfeinern und allfällige Schwachpunkte auszumerzen», sagt Lynn. Das wird unweigerlich dazu führen, dass man sich ein Stück weit neu erfinden muss. Mit Steve Lee ist der Dirigent der Kapelle abgetreten. Der Rest der Band muss nun zusammen mit Nic Maeder eine Magie kreieren, die dem Tausendsassa Steve Lee nahe kommt. Und das alles, während der ehemalige Sänger in den Köpfen der Fans logischerweise immer noch stark präsent ist.

«Als wir kürzlich in Südamerika spielten, hielten Fans ‹We Miss You Steve›-Plakate in die Höhe», sagt Lynn. Gotthard stehen vor dem aufreibendsten Jahr ihrer Karriere.

Gotthard Firebirth. Musikvertrieb/Nuclear Blast.HHHII
Live: 7. Juli Moon&Stars Locarno; 20. September in Schupfart.