Im Grunde kann Kian Soltani wenig mit der Frage anfangen, die ihm in Interviews gern als Allererstes gestellt wird: wie es denn gewesen sei, in zwei Kulturen gross zu werden – der westlichen, genauer: österreichischen, und der persischen. Für ihn war das alles Eines, von Geburt an. «Ich habe mich nie fremd gefühlt in Bregenz, wo ich aufgewachsen bin», sagt er. «Es gab keine Momente, in denen ich das Gefühl bekommen hätte, ich gehöre nicht dazu.» Zu Hause aber, da wurde ganz selbstverständlich Persisch gesprochen. Denn die Eltern, beide Musiker, sind über ein Stipendium in Wien gelandet, haben dann Lehraufträge in Vorarlberg und in der Schweiz bekommen und sich deshalb am Bodensee niedergelassen.

Womit jetzt der Grund genannt ist, weshalb der heute 26-jährige Soltani überhaupt zum Interview gebeten wird: Er legt mit seinem wertvollen Grancino-Cello aus dem Jahr 1680 gerade eine steile Musikerkarriere hin. Die Deutsche Grammophon hat ihn unter Vertrag genommen und vor wenigen Wochen sein Debutalbum «Home» veröffentlicht, mit Franz Schuberts «Arpeggione»-Sonate, Stücken von Robert Schumann und den «Persischen Volksliedern» von Reza Vali, einer Auftragskomposition. Das Lucerne Festival hat ihm letztes Jahr einen Preis verliehen und ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern ermöglicht. Und viele Wettbewerbe hat er auch schon gewonnen.

Diese Woche nun spielt Kian Soltani mit dem Tonhalle-Orchester Zürich Dmitri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur – ein Werk, das ihn schon lange begleitet. «Ich habe es über meinen Lehrer Ivan Monighetti kennen gelernt», erzählt er. «Monighetti ist ein Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, für den Schostakowitsch das Konzert komponiert hat. Schostakowitsch wusste um Rostropowitschs Ausdauer und Energie, und so verlangt dieses Konzert nonstop alles von einem.»

Die zwei grossen Glücksfälle

Soltani liebt solche kräftezehrenden Herausforderungen. Er liebt es, immer besser zu werden in der Musik, in die er über seine Eltern ebenso hineingeboren wurde wie in die persische Kultur und die Vorarlbergische Heimat. «Für mich war es von Anfang an selbstverständlich, dass ich einmal Musik machen werde», erzählt er. «Meine Schwestern haben es auch getan, und der drei Jahre ältere Cousin. Er hat Cello gespielt, und ich wollte so sein wie er. Ausserdem ist das Cello das Lieblingsinstrument meiner Mutter gewesen, die Harfenistin war.» So ist er, mit vier Jahren, zu seinem Instrument gekommen.

Es gibt zwei grosse Glücksfälle in diesem Leben, und sie haben Namen. Der eine heisst Ivan Monighetti, der andere Daniel Barenboim. Zum passionierten Lehrer Monighetti kommt Kian Soltani mit zwölf. Begleitet vom Vater, reist er jede Woche nach Basel. Monighetti hat sein Talent erkannt, es achtsam gefördert und ihn auch zu Wettbewerben geschickt. «Ich bin ihm sehr dankbar dafür», sagt er. «Denn die Wettbewerbe haben mir geholfen, mich zu konzentrieren und immer wieder neue Levels zu erreichen. Der Schüler, umgekehrt, muss viel üben. Was Kian Soltani auch heute nicht schwerfällt. Denn er weiss: «Man übt ein Stück immer und immer wieder, damit man dann, wenn man auf die Bühne geht, natürlich und spontan sein kann. Mit Drill hat das gar nichts zu tun.»

Soltani zieht eine Parallele zur Stand-up-Comedy: «Was dort so locker und spontan wirkt, ist minuziös erarbeitet.» Auch dem Cellisten eröffnet erst die gründliche Vorbereitung die Möglichkeit, sich beim Auftritt auf das zu konzentrieren, um das es geht: die Musik.

Kammermusik mit Barenboim

Über Monighetti ist Kian Soltani auch zur zweiten wichtigen musikalischen Beziehung gekommen, jener zum Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Der hat ihn als Solocellisten in sein West-Eastern Divan Orchestra berufen, das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern besteht. «Barenboim hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt», sagt Soltani, der mit ihm und mit seinem Sohn Michael Barenboim auch regelmässig Kammermusik spielt.

Ob das Zusammenfinden in der Kammermusik dem Cellisten eine Möglichkeit eröffnet hat, der Einsamkeit des herumreisenden Solisten zu entgehen? So will Soltani es nicht sehen, zumal er bereits in vielen Städten seine Beziehungen hat. Er fühlt sich also keineswegs einsam. Auch wenn er sich dessen bewusst ist, dass er in den kommenden Jahren seinen Rhythmus und eine bessere Balance zwischen Ruhephasen und Konzerten finden muss.

Kian Soltani: 23./25.1. Tonhalle Maag Zürich. Dirigent Manfred Honeck.