Beat Raaflaub, über sie wurde einmal geschrieben, Sie hätten einen menschlichen Führungsstil. Wie führt man einen Chor menschlich?

Beat Raaflaub: Das hat jemand geschrieben? (lacht) Nun, es ist wichtig, dass der Dirigent den Sängerinnen und Sängern eine grosse Sicherheit vermitteln kann. Sie müssen das Gefühl haben, total über der Sache zu stehen; sie müssen ganz sicher ins Konzert gehen können. Damit ich dorthin komme, muss ich bei der Vorbereitung genau wissen, was ich musikalisch will. Anders gesagt: Ich nehme die Sänger ernst und liebe die Arbeit mit ihnen.

Sie leiten die Kantorei St. Arbogast in Muttenz. Sind in Ihrem Chor alle Bevölkerungsschichten vertreten?

Im Prinzip ja, aber die Mittelschicht überwiegt. Dort hat es dann aber alle Berufsgruppen dabei. Es singen viele Mitglieder der Kirchgemeinde mit.

Sind Sie für die Gemeindemitglieder eine Bezugsperson, ähnlich wie der Pfarrer?

Nein, ich bin kein Seelsorger. Das Chorsingen selbst ist schon Seelentherapie. Natürlich sind in all den Jahren Freundschaften entstanden; aber ein Dirigent braucht zu seinem Chor neben der Nähe auch Distanz.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt – ein gutes Alter für einen Dirigenten, um aufzuhören?

Für mich ja. Viele Dirigenten arbeiten länger. Ich leite meinen Chor seit 37 Jahren – ein Wechsel wird ihm gut tun.

Warum?

Frischer Wind und neue Ideen sind immer gut. Und es gibt sehr viele junge Chordirigentinnen und -dirigenten, die sollen auch zum Zug kommen.

Weshalb gibt es so viel jungen Nachwuchs bei den Chordirigenten?

Die Jugendchorszene ist stark gewachsen, auch durch das Europäische Jugendchorfestival. Dort sind immer mehr junge Chorsängerinnen und -sänger aktiv; von ihnen gibt es immer mehr, die Chordirigieren studieren.

So wie Sie einst?

Nein, ich habe zunächst Geschichte, Germanistik und Schulmusik studiert, in Geschichte promoviert und dann einige Jahre als Gymnasiallehrer gearbeitet. Damals hiess es: Studier erst mal was Richtiges. Erst später habe ich mein Studium mit Sologesang und Dirigieren ergänzt.

Sie haben aber mehr Zeit mit Dirigieren statt mit Singen verbracht?

Ja. Ich wollte schon immer Dirigieren. Obwohl ich sehr gern singe. Aber für das professionelle Singen braucht man eine resistente Stimme, die auch bei Erkältung und Stress funktioniert. So eine habe ich nicht. Und die chorerzieherische Arbeit hat mich sehr fasziniert.

Was meinen Sie mit Chorerziehung?

Chorleitung ist vor allem eine pädagogische Arbeit. Man führt die Sänger in ein Werk ein, und arbeitet dann über ein halbes Jahr daran. Darin sehe ich eine Form der Kulturerziehung, eine Bildungsvermittlung im weiteren Sinne.

Sie blicken zurück auf 37 Jahre als Leiter von Laienchören. Wie hat sich die Chorszene gewandelt?

Als ich in Muttenz anfing, war der Chor gerade frisch gegründet, der Altersdurchschnitt betrug 30 Jahre. Wir sind gemeinsam gewachsen – und nun ein bisschen überaltert. Aber allgemein hat sich das Chorwesen stark gewandelt, es gibt viel mehr spezialisierte Gruppen.

Auch bei den Laien?

Gerade dort. Früher war ein Chor meist ein gemischter Chor. Heute gründen viele junge Dirigenten mit Gleichaltrigen ein kleinere Ensemble und pflegen ein spezielles Repertoire.

Dadurch begegnen sich die verschiedenen Generationen weniger...

...ja, das ist so, sie kommen kaum miteinander in Berührung. Die Jungen wollen eher unter sich bleiben. Das ist schade. Aber durch all diese verschiedenen Gruppen ist das Chorleben viel farbiger und reicher geworden. Das Angebot ist riesig – und es wird auch wahrgenommen.

Die Chöre haben also keine Nachwuchsprobleme?

Vielleicht die älteren Chöre. Die Begeisterung am Singen ist aber ungebrochen, nur die Formen verändern sich.

Haben denn die Menschen heute noch Zeit zum Singen?

Ja, aber in der Lebensspanne der vollen Berufstätigkeit ist es viel schwieriger geworden. Die Mittelalten fallen häufig weg, wegen starker beruflicher und familiärer Belastungen. Früher trat man mit 30 in einen Chor ein – und blieb. Heute treten manche erst nach der Pensionierung ein. Für die Entwicklung der Stimme ist das oft etwas spät.

Sind deshalb die vielen Projektchöre so beliebt?

Ja, denn hier muss sich niemand langfristig festlegen. Ein paar Proben am Wochenende, ein paar Konzerte – und dann ist man wieder frei für anderes. Diese Unverbindlichkeit entspricht unserer heutigen Zeit.

Von 1983 bis 2007 haben Sie auch die Knabenkantorei Basel geleitet. Haben sich die Buben verändert?

Die Buben haben sich nicht verändert, aber die Verhältnisse, in denen sie leben. Es gibt viel mehr Scheidungen, auch die Belastung durch die Schule hat stark zugenommen.

War das auch für Sie als Musikschulleiter in Muttenz ein Problem?

Ja. Das Hobby Musik ist von der Schule total an den Rand gedrängt worden. Es war für uns unheimlich schwierig, neben den vielen Schulnachmittagen für die Kinder noch Instrumentalunterricht anbieten zu können. Wer heute ein Instrument lernen will, hat viel weniger Zeit zum Üben und in den Tagesschulen fehlen die Räume dafür. In der Spitzenförderung von Talenten ist die Schweiz auf gutem Weg, aber die Breitenförderung leidet stark unter der Ausweitung der Schulzeiten.

Sie haben vier Kinder. Singen sie?

Ein Sohn ist Cellist, eine Tochter Hobby-Geigerin, und unsere Zwillinge sind Musicaldarsteller geworden.

Wo wird die Musik ihren Platz nach Ihrer Pensionierung haben?

Ich habe vor fünf Jahren begonnen, Orgel zu spielen, das werde ich nun intensiver tun. Und ich werde viel mehr Konzerte und Opern besuchen können.

An Ihrem Abschiedskonzert führen Sie das berühmte Requiem von Giuseppe Verdi auf. Weshalb?

Weil ich dort meine beiden Chöre noch einmal zusammenführen kann. Und es ist ein unglaubliches Werk. Diese Ambivalenz zwischen Tod und Leben geht uns alle an.