Stühle. Von ganz hinten bis nach ganz vorne. Stühle, auf dem ganzen Parkett des Hallenstadions. Was ist passiert, fragte sich der Fan beim Ticketkauf im Herbst 2018. Warum hat sich Eros Ramazzotti ausgerechnet in Zürich dafür entschieden, nur Sitzplätze anzubieten? Oder war es der Veranstalter, der dadurch teurere Plätze verkaufen konnte? Oder war dem Schweizer Eros-Publikum ein Stehkonzert nicht mehr zuzumuten?

In der Tat strömen am Montagabend Tausende Menschen nach Zürich Oerlikon, die grossmehrheitlich der Generation angehören, welche noch Drehscheibentelefone kannten und Musik mit dem Walkman hörten. Die Fans sind mit Ramazzotti zusammen älter geworden. Manch einer dürfte sich noch an Ferien im Italien der Achtzigerjahre und an den jungen Eros im Radio erinnern. Viele Jahre sind seither vergangen. Doch an diesem Montagabend 2019, kurz vor 20 Uhr, füllen sich alle Stühle – Eros Ramazzotti zieht noch immer.

26 Minuten sitzen – das war schon mal anders

Das Publikum ist konzerterfahren, klatscht freundlich Beifall nach den ersten Takten und feiert lautstark, wenn der letzte Ton verklungen ist und die Bühne für einen Augenblick in Dunkelheit versinkt. Während der ersten Songs wird zugehört, mit den Füssen gewippt – gerade so viel halt, wie es der Platz zwischen dem eigenen Stuhl und jenem in der vorderen Reihe zulässt. Es dauert 26 Minuten, bis sich das Gros erhebt, um im Rhythmus der alten Hits zu tanzen. 26 Minuten Anlaufzeit. Das war nicht immer so...

Trotz Stühlen steht das Publikum in Zürich. (Foto: Martin Oswald)

Trotz Stühlen steht das Publikum in Zürich. (Foto: Martin Oswald)

Die Gedanken gehen zurück an die Neunzigerjahre. Ramazzotti im Hallenstadion, das war für die Italo-Schweizer Fangemeinde wie ein Gang zur Kirche. Vom ersten Gitarrenriff bis zum letzten «Grazie di esistere», jeder Song wurde im Chor mitgesungen. Körperkontakt und Schweissperlen auf der Stirn gehörten ebenso dazu wie italienische Fahnen, roter Lippenstift, Kappa-Schuhe.

Neues Album, neues Feuer

Dann, in den späten Nullerjahren, kam Eros das Magische abhanden. Zwar füllte der Römer die Konzertarenen zuverlässig wie eh und je, doch er konnte eine gewisse Bühnenmüdigkeit nicht leugnen. Sein Blick gewohnt cool, aber nicht mehr ansteckend. Die Gesprächsfetzen in der Kommunikation mit dem Publikum beschränkten sich noch auf «Zurigo!» und «tutti insieme». Seinen grössten Hit «Adesso tu» spielte er plötzlich in einer kurzen Jazzversion und verunmöglichte so seinem Publikum das Mitsingen. Seine Auftritte waren bloss noch eine lauwarme Referenz an unvergessliche Abende früherer Jahre. Würde es der Popsänger irgendwann nochmals schaffen, für Ekstase zu sorgen?

Im November 2018 lieferte Ramazzotti, inzwischen 56-jährig, mit «Vita ce n’è» dann aber ein Album ab, welches seine Fans aufhorchen liess. Gleich mehrere Stücke vermitteln Lebensfreude und zeugen davon, dass der Songwriter trotz 15 Studioalben in 36 Jahren noch über Kreativität und neue Ideen verfügt. Die melodiösen Stücke sind gegenüber den rockigen in der Mehrzahl, aber sie bewegen – nicht nur auf dem Album, sondern auch live.

Eros Ramazzotti, Ausgabe 2019, überzeugt im Hallenstadion vom ersten bis zum letzten Canzone. Da ist Power, da ist Spielfreude, da ist wieder dieser mitreissende Charme. Und so erhebt sich das Publikum Mal für Mal von seinen Stühlen, welche als lästige Hindernisse einer noch ausgelasseneren Stimmung im Wege stehen.

Zwei Stunden italienische Nostalgie

Dennoch sorgt der Mann auf der Bühne mit all seinen Hits für glückliche Gesichter. «Cose Della Vita», «Se Bastasse Una Canzone» und «Più bella cosa» – im Osten von Zürich bekommen einige Tausend ihre so sehr vermisste Portion italienischer Nostalgie. Dass auch die Band überzeugen würde, stand bereits vor dem Konzert ausser Frage. Ramazzotti umgibt sich seit jeher mit ausgezeichneten Musikern. Da stimmt der Groove, da kommt der Druck, da dröhnen die Gitarrensoli bis unters Dach der Halle. Ein Genuss für die Ohren. Und Eros’ Stimme, die kommt wie eh und je präzise und unverkennbar aus den Boxen, aber wacher als in den letzten Jahren.

So ist sich das Publikum nach genau zwei Stunden und einem letzten, lang anhaltenden Applaus hörbar einig: Möge der italienische Cantautore noch lange nicht an seine Pension denken. Schliesslich wünschen sich seine treuen Fans – Sitzplätze hin oder her – «un emozione per sempre».