Douglas Bostock, Sie spielen diese Woche mit dem Argovia Philharmonic Beethovens Pastorale. Wird die Pastorale zur Schicksalssinfonie werden?


Douglas Bostock: Es wird ein sehr spezielles Konzert sein...


... weil Sie den Musikern soeben bekannt gegeben haben, ab Juni 2019 Ihren Vertrag nicht zu verlängern. Ist das für das Argovia Philharmonic eine schicksalhafte Nachricht?


Für mich ist es kein leichtes Thema. Es war die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Und dass wir im Konzert neben Beethoven auch Hans Hubers «Schweizerische Sinfonie» spielen, erhält so besondere Bedeutung. Sie steht für meine Verbindung zur Schweiz und zu diesem Orchester. Tatsächlich wird nächste Saison die letzte in meinem Dreijahresvertrag sein, damit werden wir unseren Beethovenzyklus abschliessen. Die Überlegung war: Was dann? Nochmals drei Jahre? Eines? Oder etwas dazwischen?

Douglas Bostock mit dem Argovia Philharmonic. Beethoven Symphonie No 5

Douglas Bostock mit dem Argovia Philharmonic. Beethoven Symphonie No 5

Aufnahme aus der Tonhalle Zürich vom  19. September 2016.


Stichwort Beethoven: Er schrieb unter sein letztes Quartett: Muss es sein? Es muss sein.


Es muss eben nicht sein. Es herrscht eine wunderbare Atmosphäre, die Chemie stimmt zwischen dem Orchester und mir. Aber trotzdem fragt man sich hin und wieder: Könnte ich etwas anderes machen? Könnte das Orchester ein neues Gesicht bekommen, mehr als nur durch die Arbeit mit Gastdirigenten?


Günter Wand war 35 Jahre an der Kölner Oper, Karajan hatte bei den Berliner Philharmonikern einen Vertrag auf Lebenszeit. Dreht sich das Klassik-Karrussel heute schneller?


Bis vor einigen Jahrzehnten galt alles unter zwanzig Jahren als nichts. Auch ich habe mit der Idee gespielt: Wenn ich noch drei Jahre dran hänge, sinds zwanzig. Wir Menschen messen das Leben gerne in solchen runden Zahlen. Das ist hübsch auf Papier, aber eigentlich nur das. Wenn es mit dem Orchester gut läuft, würde jeder Dirigent sagen: eigentlich will ich nicht gehen.


Warum dann gerade jetzt?


Es ist einfach die richtige Zeit. In England sagt man: going, when the going’s good. Ich will lieber auf einem Höhepunkt gehen. Aber noch ist es nicht soweit. Nach der 2017/18-er Saison bleibt mir noch eine volle Saison, meine letzte als Chef. Und da wird es etwas Spezielles geben. Verraten darf ich heute noch nichts.


Dann werden Sie das Orchester ganze 18 Jahre geleitet haben.


Das hätte anfangs niemand gedacht – ich am aller wenigsten. Als ich angefragt wurde, ob ich Interesse habe, dieses Orchester zu leiten, meinte meine Managerin in London: Es wird eine nette Nebenbeschäftigung sein – und ist nicht weit von Deinem Zuhause entfernt. Der ursprüngliche Gedanke war also, drei Jahre zu bleiben. Vielleicht mit einem Jahr Verlängerung. Und daraus ist dann eine Liebesbeziehung entstanden.


Mittlerweile ist es fast die Liebe eines alten Ehepaars...


Ich sehe es nicht als lange an. Auch weil das Argovia Philharmonic projektweise spielt. Man liegt sich also nicht gegenseitig auf der Pelle, sondern freut sich richtig, wenn man sich nach einer gewissen Zeit wieder trifft.


Tatsächlich hat das Argovia Philharmonic mit Ihnen seit 2001 einen Quantensprung gemacht: vom Provinzorchester zum Place to be.


Als ich 2000 angefragt wurde, gab es noch alte Strukturen. Das damalige ASO (Aargauer Symphonieorchester, der Name bis 2013) war vor allem ein Zuverdienst für Musiklehrer und dabei, sich langsam zu entwickeln. Aber die Strukturen waren schwierig. Im Büro sassen Angestellte, die wenig von Musik verstanden. Auch mit dem Vorstand war es nicht ganz einfach. Ich hatte kein wirkliches Gegenüber. Niemanden, um auf Augenhöhe zu diskutieren und zu planen. So fühlte ich mich manchmal als inoffizieller Intendant und Chefdirigent in einer Person.


Bis 2012 Christian Weidmann kam? Sie zwei sind ein Dreamteam der Klassik im Aargau...


... ich habe sogar schon sagen gehört: In der Schweiz (lacht). Ich selbst würde so etwas natürlich nie zu sagen wagen (lacht schallend). Als Jürg Schärer unser Präsident wurde, änderte sich einiges. Er ist ein Engel fürs Orchester. Und Christian Weidmann ist sozusagen der zweite Engel. Für mich persönlich ist er jemand, mit dem ich endlich Seilziehen konnte in künstlerischen Fragen.


Ihre Programme sind durchdacht. Sie lassen nicht einfach Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie spielen.


Sowas nenne ich: Marsch durch den Gemüsegarten. Ich suche immer das Programmatische. Weil ich gern mit Musik kommuniziere. Entdeckungen müssen nicht immer im Bereich Neuer Musik sein, sondern auch mal unbekannte Werke bekannter Komponisten. Gleichzeitig will man als Dirigent sein Orchester auch erziehen. Am besten geht das mit einer gesunden Portion Wiener Klassik: Haydn, Mozart, Beethoven. Wiener Klassik ist wie Kohlenhydrate. Das ist die Basis, damit ein Orchester sich steigert. Anschliessend spielt man besser Dvorak oder Tschaikowsky. Nicht umgekehrt. Ich nenne das «Orchesterhygiene».


Wieso spielen Sie keinen Barock?


Früher haben Sinfonieorchester oft Barock gespielt. Bevor man wusste, wie Barock eigentlich gespielt werden sollte. Was nicht heisst, dass diese alten Aufnahmen nicht toll sind! Wenn achtzig Mann unter Furtwängler durch Bachs Brandenburgisches Konzert jäten, ist das einfach umwerfend. Aber heute gibt es um jede Ecke spezialisierte Ensembles.


Wie haben Sie mit dem Argovia Philharmonic gearbeitet?


Ich habe einfach gearbeitet. Geprobt, konzertiert, einen bestimmten Klang gesucht – und gefunden. Dadurch erhält das Orchester automatisch den Stempel eines Dirigenten.

Und offenbar auch Qualität. Das Argovia Philharmonic ist gegenüber 2001 nicht wieder zu erkennen.


Das Orchester hat sich gefestigt, es ist so gut wie ein permanent spielendes Orchester. Obwohl es durch seine Projekt-Struktur nicht so viele Dienste spielt wie ein permanentes Orchester. Dafür liegen wir im Trend.


Weshalb im Trend?


Früher sah ein Musikerleben so aus: Studium, Probespiel, Orchesterstelle und einmal im Jahr Ferien in Mallorca. Heute wollen die Musiker mehr Freiheit. Unsere Strukturen bieten genau das. Wenn jemand denkt, an den Probespielen der Tonhalle oder des Orchestre de la Suisse Romande wären andere Kandidaten an als bei uns, der irrt. Das Niveau ist enorm gestiegen. Wichtig ist, was man tut und nicht, wo man es tut. Als mein Kollege Simon Rattle das City of Birmingham Orchestra übernahm, war das kein Weltorchester. Man kann auf einem Kuhfeld ein tolles Sinfonieorchester gründen, wenn man nur will und dazu in der Lage ist.


Stichwort Kuhfeld. Sie haben gleich nach Ihrem Antritt einen Konzertsaal im Aargau gefordert. Die Alte Reithalle wird 2020 eröffnet.


Wir hatten viele Anläufe. Und rund fünfmal Pläne in der Hand, von denen wir dachten: Das wird jetzt gebaut. Und jetzt wird es endlich wahr.


Sie werden die Früchte Ihrer Arbeit nicht ernten können.


Darüber bin ich schon traurig. Es wäre schön gewesen, Chefdirigent zu sein, im Moment, wo wir die Halle bespielen können. Aber vielleicht darf ich auch nach meiner Zeit als Chef das Orchester dort dirigieren.


Werden Sie das Orchester nach 2019 weiter begleiten?


Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich per Saison 2019/20 nirgendwo anders Chefdirigent bin. Ich freue mich darauf, mit dem Argovia Philharmonic eng verbunden zu bleiben. Das Orchester ist mir sehr ans Herz gewachsen.


Haben Sie einen Tipp für einen Nachfolger?


Das wäre vermessen.


Sie kennen das Orchester wie kein anderer!


Ich würde hoffen, dass man einen Dirigenten findet, der bereit ist, die nötige Zeit zu investieren, die nötige Vision und Energie. Liebe und Sorgfalt braucht man. Und eine väterliche Hand, damit das Orchester sich gut entwickelt.


Im Klassikbetrieb läuft die Planung mit drei Jahren Vorlauf. Dem Orchester bleibt nicht viel Zeit.


Dem ist so. Ab dem Zeitpunkt dieser Ankündigung können Christian Weidmann und das Orchester anfangen, jemanden zu suchen, Leute auszuprobieren. Aber es wird tatsächlich eine Saison geplant werden müssen über den Kopf eines künftigen Chefs hinweg. Oder man wird die eine Saison dazu nutzen, Gäste einzuladen und auszuprobieren. Es ist wie bei Handschuhen: Sie sehen im Laden zehn Paar wunderbare Handschuhe, aber nur einer passt. Und dass er passt, merkt man sofort.