Musik ist die Sprache der Leidenschaft, behauptete schon Richard Wagner. Wenn er recht hat, wird der Aargau diesen Frühsommer 2018 zum leidenschaftlichsten Kanton der Schweiz.
Gleich mehrere Musikfestivals sind es nämlich, die an Spielorten voller Zauber oder voller Zukunft mal mehr, mal weniger klassische Musik präsentieren. Die Frage ist nur: wem genau?

Oder – mal eben den Spiess umgedreht: Ist die geballte Ladung musikalisch-aargauischer Leidenschaft eine, die womöglich sogar Leiden schafft? Wenn sich musikliebende Menschen zwischen Fado und Fuge, zwischen kammermusikalischer Intimität und schrankenloser Expressivität, zwischen Ritterburg und Schloss Sanssouci entscheiden müssen, weil kein noch so begeistertes Publikum gleichzeitig an mehreren Orten sein kann?

Fülle oder Überfülle?

Doch ob solcher Überfülle Trübsal zu blasen? Das wäre ebenso verkehrt wie unnötig. Denn jedes Festival hat ein eigenes Profil, was den Spielort, die musikalische Ausrichtung angeht – und doch verbindet alle als Gemeinsamkeit: das ausserordentlich hohe Niveau. Spätestens damit liegt die Antwort auf die Frage, welches Festival das Beste sei, im Auge beziehungsweise Ohr des Betrachters (ausser natürlich, man zitiert ein zweites Mal Richard Wagner, der wusste, dass keine ausser seiner Musik gut sein kann).

Aber zurück zum Ohr heutiger Hörer: Ist dieses bereits mit klassischer Musik vertraut? Mag es herausragende Musiker aus der Schweiz und dem Ausland statt aus der geraumen Distanz grosser Bühnen für einmal zum Berühren nahe im intimem Rahmen erleben und erlauschen? Und ist es der Meinung, dass zwischen zwei Ohren durchaus auch ein Kopf Platz hat? Solch ein Publikum wird am Pfingstfestival Schloss Brunegg glücklich, wo feinste Kammermusik zu einem dramaturgischen Strang geflochten wird und sich unter dem Motto «Trans-it» gleichzeitig von seiner wandelbaren Seite und im Dialog mit zeitgenössischer Musik zeigt. All dies in der romanesken Kulisse des Privatschlosses Brunegg, wo spätestens seit 1945 der Familie von Salis als Besitzer, statt eines Schlossgespenstes der Feingeist residiert.

Mutter aller Festivals

Ebenfalls in der Klassik beheimatet ist die Mutter aller Aargauer Klassik-Festivals: der Boswiler Sommer. Es ist einerseits das am längsten existierende und andererseits das jeweils am längsten dauernde dieser vier Festivals mit insgesamt neun Spieltagen. Dass während all dieser Tage die Musiker sowie das herausragende Gastgeber-Ensemble Chaarts im Künstlerhaus Boswil wohnen und in der nur 30 Schritte entfernten Alten Kirche proben und konzertieren, führt zu einer regelrechten Kernschmelze der Klassik – auf der Bühne spürbar als gleichzeitig prickelnde wie gelöste Interpretationen. Wer intensiven Noten vor internationalen Namen den Vorzug gibt, wird hier ins Schwelgen kommen.

Doch Boswil ist mehr als Musik. Seit 17 Jahren steht das Sommerfestival im Freiamt für einen Rundum-Sinnesrausch, der nicht nur das Ohr, sondern auch den Gaumen kitzelt: mit auf das Konzert abgestimmten Delikatessen – und hin und wieder sogar auch die Nase. Dann, wenn abendliche Luftzüge den Duft reicher Boswiler Flora zur Alten Kirche hinauftragen oder jenen frisch gedüngter Felder – worauf allerdings musikalisch noch nie Bezug genommen wurde. So weit geht man hinsichtlich des Rundum-Sinnesrausches dann doch nicht.

Dass der Aargau besonders viele Burgen beheimatet, schlägt sich auch in seinen Musikfestivals nieder. Auf Schloss Lenzburg, wo einst der Graf von Habsburg und später Frank Wedekind, Skandalautor der ersten Stunde, hauste, feiert diesen Sommer die Lenzburgiade ihr 10-Jahr-Jubiläum. Das sechstägige Festival zelebriert Musikgenuss mit einem Standbein in der Klassik und dem anderen weit ausholend in Bereich Worldmusic.

Hier geben sich Klassikstars wie Schlagzeuger Martin Grubinger und Jazzgeiger Beni Schmid die Klinke in die Hand – und auch Hackbrett-Klänge von Nicolas Senn, abgemischt mit einer Extraportion Boogie Woogie durch den Pianisten Elias Bernet fehlen nicht. Für wen zu einem gelungenen Konzertabend nebst gelungener Arrangements auch das Ambiente gehört, der wird an der Lenzburgiade auf seine Kosten kommen. Zumal die Konzerte als architektonisches Echo auf den Musikgenuss ohne Spartendenken openair und unter dem Sternenzelt stattfinden.

Es geht auch urban

Wer sich für Burgen, Kirchen und vielleicht sogar für klassische Musik nur mässig begeistern kann, für den kommt das Melody Festival 2018 wie gerufen. Hier regiert nicht nur ein Akkordeon ohne Grenzen (das sich am ersten Abend gleich Vivaldis «Jahreszeiten» unter den Nagel reisst), sondern auch Melodien von Fado bis Soul, von Kinderkonzert bis klassischem Orchester. Überhaupt sind klassisch geschulte Orchester bei Melody Aarau wiederholt am Werk.

Allerdings in einer eher ungewohnten Rolle. Für einmal treten sie statt als Helden klassischer Sinfonik als Begleiter in Erscheinung und dürfen zu Fado oder Soul jenen orchestralen Schmelz beitragen, wie ihn keine Rhythmsection jemals hinkriegen würde. Ob man auf diese Weise Soul und Worldmusic die Klassik unterjubelt? Wer weiss. Aber wenn ja, wäre das so schlimm?