«Johnny», wie ihn seine Landsleute nannten, war wie die Baguette oder die Bistros: schlicht nicht wegzudenken aus Frankreich. 1958 war der junge Rocker mit umgehängter Gitarre erstmals auf eine Bühne im verrufenen Pariser Pigalle-Viertel gestiegen – und noch 59 Jahre später, Anfang dieses Jahres, hatte er ausverkaufte Konzerte gegeben. Ganze Familien vom Enkel bis zu den Grosseltern pilgerten dahin.

Denn bei Johnny war immer etwas los auf der Bühne: Einmal fuhr er mit einer Harley Davidson auf die Bühne, dann wieder flog er vor 80'000 Zuschauern im Helikopter ins Stade de France, das er an fünf Abend hintereinander problemlos füllte. Drei Stunden lang kämpfte er sich mit seiner Reibeisenstimme durch pathetische Rocksongs und hochgradig gefühlte Balladen, darunter Titel wie «Quelque chose de Tennessee», «Je t’aime» oder «Allumer le feu». Johnny, das war kein Blut, aber umso mehr Schweiss und Tränen.

Sehr amerikanisch

Jean-Philippe Smet, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, war als Sohn eines belgischen Variété-Künstlers und eines französischen Models auf die Welt gekommen und von Kind auf im Showbusiness verkehrt. Er brachte den Rock ’n’ Roll nach Frankreich und wurde in Paris bald mit Elvis Presley verglichen. Da er auf Französisch sang, blieb sein Erfolg weitgehend auf seinen Sprachraum beschränkt. Dort schlug «Johnny» aber umso mehr ein. Insofern war er ein Phänomen: Anders als Edith Piaf, Georges Brassens oder Charles Aznavour sang und gab sich der Pariser Rocker sehr amerikanisch. Was in Paris nicht immer gut ankommt, bildete die Grundlage von Hallydays Erfolg und grenzenloser Popularität.

Franzosen himmelten ihn an

Hallydays Leben wechselte zwischen Drogenexzessen und täglichem Fitnesstraining, dank dem er die Bühnenstrapazen bis ins hohe Alter meisterte. Nach langen Jahren mit der Chanson-Sängerin Sylvie Vartan und dann der Schauspielerin Nathalie Baye heiratete er 53-jährige das erst 21-jährige Mannequin Laetitia Boudou. Sie blieb bis zu seinem Tod die Frau seines Lebens. Mit ihr adoptierte er zwei vietnamesische Kinder.

In seiner langen Karriere verkaufte Hallyday 110 Millionen Schallplatten und absolvierte 183 Tourneen; daneben betätigte er sich als Kino- und Krimischauspieler. Zur Jahrtausendwende sang die lebende Legende vor einer halben Million Zuschauern am Fusse des Eiffelturms. Eine erste Abschiedstournee musste er wegen Rückenproblemen 2009 abbrechen. In ein künstliches Koma versetzt, stand der bald 70-jährige Schwerarbeiter schon ein Jahr später wieder auf der Bühne.

Im Steuerexil Gstaad

Die Franzosen himmelten ihn an, doch Hallyday klagte, sie zögen ihn «durch den Dreck»: Ein nicht restlos geklärter Vergewaltigungsvorwurf und vor allem sein Steuerexil in einem vierstöckigen Chalet in Gstaad sorgten für Negativschlagzeilen. In den letzten Jahren lebte er in Los Angeles, weit weg von Frankreich.

2015 erschien sein Album «De l’amour» (von der Liebe) am Tag des schweren Attentats auf das Bataclan-Konzertlokal in Paris. «Johnny National» sang danach mit einer Trikolore am Mikrofon, während die Zuschauer von sich aus die Marseillaise anstimmten. Sonst mischte sich der persönliche Freund der ehemaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy nicht in die Politik ein, obschon er als politisch rechtsstehend galt. Noch in diesem Jahr organisierte er mit seinen zwei jahrzehntelangen Kumpels Jacques Dutronc und Eddie Mitchell eine Tournee der «alten Kanaillen».

Soundtrack der Nation

Im März musste seine Frau Laetitia Meldungen über den Lungenkrebs ihres Mannes bestätigen. In der Nacht auf Mittwoch gab sie bekannt: «Johnny Hallyday ist gegangen. Ich schreibe diese Worte, ohne sie zu glauben.» Eine ganze Nation fühlt ihr nach. Die Pariser Medien berichteten am Mittwoch in Endlosschleife über das Unvorstellbare, nämlich ein Leben ohne ihren «Johnny».

Künstler und Politiker bis hin zu Präsident Emmanuel Macron übertrumpften sich mit Hommagen an den Verstorbenen, er habe den «Soundtrack der Nation» oder gar «die Stimme Frankreichs» verkörpert. Vielenorts erscholl der Ruf nach einem Staatsbegräbnis.