Am Anfang waren die Charlatans Mitläufer. Der Sound und Geist von «Madchester» war bereits in Stein gemeisselt: Die Happy Mondays und die Stone Roses hatten Gitarren im Stil der Smiths mit Tanz-Beats und einer Vorliebe für E-Pillen zusammengebracht und damit die Schablone geliefert für eine neue Indie-Musik, die nicht nur schlauen Studenten imponierte, sondern auch den Tunicht-
guten in den abgewrackten Arbeitslosenvierteln im englischen Nordwesten.

Charlatans - The only one I know

Charlatans - The only one I know

Von der Euphoriewelle erfasst, formierten sich die Charlatans 1989 im Provinzstädchen Northwich, als der Londoner «New Musical Express» bereits ausgiebig von der Halunken-Romantik der ersten Happy-Mondays-Platten schwärmte.

Die Charlatans setzten sich dennoch durch. Das war dem charmanten Enthusiasmus von Sänger Tim Burgess, einer Handvoll knackigen Liedern und einer stimmungsvollen Hammondorgel zu verdanken, die ihnen einen ureigenen Swing verpasste.

Charlatans - Bad days live in Amsterdam

Charlatans - «Bad days» ; Auftritt live in Amsterdam

Mit dem Debut-Album landete die Band im Herbst 1990 gleich an der Spitze der britischen Charts. Zwanzig Jahre später veröffentlicht sie noch immer Alben, die sich mit den ersten messen können.

Starker Zusammenhalt

Dabei sind die Charlatans ein Paradebeispiel dafür, wie das Kumpelleben in einer Band sowohl zum grossen Absturz als auch zur Rettung führen kann. Die Probleme begannen 1993, als Organist Rob Collins wegen Mithilfe bei einem bewaffneten Raubüberfall (er beteuerte seine Unschuld) ins Gefängnis wanderte. Sie intensivierten sich, als derselbe Collins 1996 bei einem Autounfall ums Leben kam, derweil Burgess inzwischen in den Drogen und im Alkohol schwelgte.

Dann, 1999, stellte sich heraus, dass der Buchhalter der Band ein Vermögen unterschlagen und erst noch deren Steuern nicht bezahlt hatte. «Die Situation setzte die Freundschaften innerhalb der Band unter extremsten Druck», gibt Bur-gess heute zu. «Wir hatten die Band nicht gestartet, um uns mit dergleichen Scheisse herumschlagen zu müssen. Wir gründeten die Band wegen der Musik, der Girls und der Drogen. Nun wurden wir endlich mit der Einsicht konfrontiert, dass auch ein Rock-’n’-Roll-Leben ein Leben in der Realität ist.»

Letztlich schweisste das Ungemach die Gruppe nur noch enger zusammen, obwohl sie nun jahrelang die Schulden beim Fiskus abzustottern hatte. Doch angespornt durch das Beispiel des damaligen Managers Alan McGee sperrte sich Burgess ein paar Wochen in einem Hotelzimmer ein und gewöhnte sich Drogen und Alkohol ab (dokumentiert im Song «Bad Days»; siehe 2. Video).

Im Download-Zeitalter machen die Charlatans das Schwinden der Einkünfte durch CD-Verkäufe mit deutlich vermehrten Live-Konzerten wett. Und das hat sie nur besser gemacht.