Marc Storace, Sie sind nun 63. Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne rocken?

Marc Storace: Bis ich umfalle. Oder besser gesagt solange, wie es meine Stimme zulässt. Was soll ich sonst machen? Zu Hause rumsitzen wäre mir zu langweilig, auch wenn neben meinen Hobbys jeden Tag ein guter Film im Fernsehen kommen würde. Ich könnte mir vorstellen, künftig weniger als in der Vergangenheit aufzutreten, aber dafür immer wieder. Ich brauche diese Abwechslung. Nichts in der Welt kann meine Leidenschaft für die Musik so befriedigen, wie wenn ich selber musiziere.

Macht es beim 1000. Mal noch Spass, Krokus-Klassiker wie «Heatstrokes» oder «Bedside Radio» zu singen?

Es ist immer wieder eine Herausforderung, diese Songs live gut rüberzubringen. Wir alten Ratten müssen bei jedem Konzert den Beweis antreten, dass wir Eier haben, wie man im Rock ’n’ Roll sagt. Ich habe aber auch grosse Freude an unseren alten Hits. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz im Showbusiness: ein Konzert von The Who ohne «My Generation»? Eines von Led Zeppelin ohne «Whole Lotta Love»? Undenkbar.

Zum Mitgrölen: Krokus mit «Bedside Radio» live in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn, 30.8.2013

Zum Mitgrölen: Krokus mit «Bedside Radio» live in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn, 30.8.2013

Krokus waren 2014 sehr aktiv.

Die letzten sechseinhalb Jahre waren sehr intensiv. 2014 spielten wir einige Konzerte in Deutschland sowie wenige, aber grosse Festivals in der Schweiz. Morgens gemeinsam Kaffee trinken, ein bisschen die jeweilige Stadt anschauen, zur Konzerthalle fahren, Soundcheck, Nachtessen, die Warm-ups, das ganze Drumherum war toll. Aber ich merke, dass ich nicht mehr jeden Abend eine halbe Pizza verspeisen kann. Ich muss auf die Ernährung achten: Zu viel Käse schlägt auf meine Stimme, obwohl ich Fondue sehr gerne habe. Ich bin jener bei Krokus, der wohl am liebsten «on the Road» ist. Die Energie zwischen Publikum und Band bei Konzerten ist einfach magisch.

Wie halten Sie sich fit? Trifft man Sie im Oberwiler Wald beim Joggen?

Ich renne nicht mehr, sondern gehe lieber schnell. Ich unternehme zudem ausgedehnte Spaziergänge. Vor allem im Winter mache ich zu Hause meine Übungen und gehe auf den Crosstrainer. Gesundheit ist bei mir ein grosses Thema. Ich rauche nicht, ausser ab und zu ein Zigarillo. Ich trinke täglich Rotwein und nach dem Essen einen Grappa. Ich übertreibe nicht mehr wie früher.

Ihre Ehefrau sagte zu Ihrem 60. Geburtstag im Fernsehen, Sie seien immer noch ein wilder Hund. Was könnte sie damit gemeint haben?

Es gibt eben nicht nur Rotwein und Rock ’n’ Roll, sondern noch was anderes . . .

Sie sind am 13. Dezember von der maltesischen Staatspräsidentin mit einem Orden für Ihr kulturelles Engagement geehrt worden. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

In meinem Heimatland genossen Krokus und ich lange Zeit wenig öffentliche Anerkennung. Nach all den Jahren fühlte ich mich sehr glücklich, als Rock-Botschafter von Malta geehrt zu werden. Das war für mich das grösste Weihnachtsgeschenk.

Wie geht es 2015 mit Krokus weiter?

Im April fliegen wir nach Miami für etwas ganz Spezielles: Wir werden auf einem mehrtägigen Metal-Festival spielen und dabei auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik cruisen. Nach der Schifffahrt hängen wir eine US-Tour an, die erste mit Chris von Rohr seit 1988. Wir werden durch eher kleine, aber renommierte Clubs tingeln. Am renommierten M3-Festival in Columbia, Maryland, werden wir neben Europe und Queensrÿche auftreten. Das Tüpfelchen auf dem i wird im Mai ein Gig im legendären Whiskey-a-Go-Go auf dem Sunset Boulevard in LA sein – dort haben in den 80er-Jahren alle Grossen gespielt: Aerosmith, Guns’n’Roses, Mötley Crüe und viele andere. Das wird uns einen «Buzz» geben, wie wir auf Englisch sagen, einen Wahnsinns-Kick. Ob Krokus anschliessend auch eine neue Platte produzieren wird, ist noch unklar.

Wie ist es, bei Krokus wieder in klassischer Besetzung mit Fernando von Arb und Chris von Rohr zu spielen?

Der Work-Flow in der Band ist super. Vieles geht wie von selbst. Jeder weiss, wo sein Platz in der «Firma Krokus» ist. Die Band ist zurück zu den Wurzeln gegangen. Chris von Rohr kommt als Produzent und Bandgründer eine Schlüsselrolle zu. Ein guter Musiker zu sein alleine reicht bei Krokus nicht. Zentral ist das gemeinsame Gefühl dafür, in welche Richtung das Schiff musikalisch steuern soll. Krokus muss schwer klingen und zugleich swingen. Das ist nicht einfach.

In den späten 80er-Jahren sind Krokus im Unfrieden auseinandergegangen. Es gab viel böses Blut. Wie haben sich Chris von Rohr, Fernando von Arb und Sie wiedergefunden?

Ende 2007 hatten Krokus eine Anfrage des Schweizer Fernsehens auf dem Tisch, für die Sendung «Die grössten Schweizer Hits» in der Ur-Formation aufzutreten. Ich war damals das einzige aktiv verbliebene Mitglied aus der erfolgreichsten Krokus-Zeit. Von Gefühlen aus der Vergangenheit eingeholt sagte ich zunächst «forget it», nach weiterem Überlegen fragte ich meinen Manager Roli Eggli, ob wir wenigstens getrennte Garderoben haben könnten. Eines war für mich klar: Ich wollte nicht zurück in den alten Scheiss. Als wir dann aber auf der Bühne standen und für unseren Auftritt Standing Ovations bekamen, da fing ich an, das Ganze anders zu sehen. Ich trank nach der Show mit Chris eine Flasche Rotwein und redete lange mit ihm. Da spürte ich: Eine Reunion der Ur-Formation wäre das Richtige. Nur musste ich das den anderen, jüngeren Krokus-Musikern irgendwie klar machen. Sie reagierten super. Sie sagten zu mir, ich müsse kein schlechtes Gewissen haben, sie hätten erwartet, dass dies komme. Halleluja!

Hätten Sie eine Zeitmaschine zur Verfügung. Welche Jahre möchten Sie nochmals erleben?

Ich würde mich ins Jahr 1979 beamen lassen und die folgenden vier Jahre nochmals leben, 1983 nach dem ersten Monat auf unserer grössten Tour in den USA mit Def Leppard würde ich allerdings wieder in die Gegenwart zurück. Nach Veröffentlichung des ersten Krokus-Albums mit mir am Mikro, «Metal Rendez-Vous», ging 1980 die Post so richtig ab. In den USA und in England wurde man aufmerksam auf uns. Wir fühlten uns wie Gladiatoren, die jeden Abend raus auf die Bühne gingen, um zu zeigen, was wir drauf hatten. Das war schwere Knochenarbeit, aber wir wussten, dass wir auf dem richtigen Weg waren. In jener verrückten Zeit begingen wir einen Riesenfehler: Wir beachteten nicht, was für Verträge wir unterschrieben. Chris stammt aus einer Treuhänderfamilie, seine Mutter Margrit, eine ganz liebe Frau, kontrollierte unsere Bücher. Irgendwann merkte sie, dass mit dem Geld was nicht stimmte. Da fing der Streit an zwischen Chris und unserem amerikanischen Manager Butch Stone.

Auf der erwähnten Tour gab es grosse Spannungen in der Band. Der Anfang vom Ende – und das ausgerechnet, als in den USA der Erfolg kam.

Unser Album «Headhunter» erreichte Platin in den Billboard-Charts. Wir waren glücklich wie die Schweine im Weltall, dass wir Abend für Abend plötzlich in grossen Arenen vor 20 000 Fans rocken konnten. Um die Plattenverkäufe weiter anzukurbeln, wurden allerdings immer höhere Ansprüche an uns gestellt: «Marc, Du musst sanfter singen, Deine Stimme klingt zu kratzig», «Hey Jungs, wollt ihr euch nicht die Haare färben und schminken?», «Schreibt mehr Songs für die Mädels, sie kaufen mehr CDs als die Jungs», solches Zeug. Dabei hatten wir ein cooles Outfit und spielten Abend für Abend andere Bands an die Wand. Die Stimmung zwischen Band und Management wurde in der Folge – auch wegen der Finanzen – immer schlechter. Da beging Chris einen grossen Fehler: In der Schweiz lud er den «Blick» und ein paar hübsche Girls für ein Foto-Shooting an den Pool seiner Villa und berichtete freizügig über Groupies und unser Leben auf Tour. Das kam im Umfeld der Band sehr schlecht an, vor allem bei Fernando und seiner Familie. Vor einem Gig in der Dortmunder Westfalenhalle mit Judas Priest, Iron Maiden und Co. hinderte der Bodyguard von Band und Management Chris daran, backstage zu kommen und schickte ihn zurück aufs Flugzeug. Das wars.

Steht die schlimme Episode noch zwischen Chris und dem Rest der Band?

Mich hat jeder Rausschmiss bei Krokus emotional berührt. Ich bin ein anhänglicher, harmoniebedürftiger Typ. Für mich waren Chris und auch andere Bandmitglieder nie bloss Geschäftspartner. Das war für mich eine dunkle Zeit, Kokain hat die Menschen in und im Umfeld der Band damals negativ beeinflusst. Aber es ist trotzdem nicht so, dass ich noch heute täglich über die Ereignisse von damals nachdenke. Ich antworte, weil Sie mich danach gefragt haben. Ich weiss, dass Chris und Fernando lange miteinander Probleme hatten deswegen.

Krokus haben 1986 in Dallas vor 80 000 Metal-Jüngern gespielt. Schauen Sie wehmütig auf die grosse Zeit zurück?

Das war schon eine coole Zeit, aber ich sage Ihnen: Eine Stadiontour ist sehr anstrengend, sie saugt dich regelrecht aus. Zudem: Stadionkonzerte sind dann toll, wenn die Bedingungen stimmen. Als wir 2010 als Vorband von AC/DC im Stade de Suisse spielten, wurden wir sabotiert: Wir durften keine starken Spot-Lichter benutzen, wir hatten einen viel zu leisen Sound und dann war da noch so ein Bühnen-Mensch, der mit dem Finger auf mich zeigte und drohte: «Wenn Du einen Schritt über diese weisse Linie auf der Bühne machst, dann ziehen wir Euch den Stecker!» Mir ist es ganz recht, dass wir heute neben den Openairs eher wieder in Clubs spielen. Unser Live-Album «Long Stick Goes Boom» haben wir 2013 in der Solothurner Kulturfabrik Kofmehl vor 1500 Besuchern aufgenommen. Solche Clubs sind eine gute Sache: Der Sound ist kompakt, die Band ist nahe bei den Fans. Ich liebe das Gefühl, in einem heissen verschwitzten Kessel vor tobenden Fans zu singen. That’s Rock ’n’ Roll.

In den 60er- und 70er-Jahren war Rockmusik unangepasst und rebellisch. Das ist heute anders: Heute hören auch Krawattenträger Hardrock.

Für mich hat die Rockmusik nichts von ihrer Bedeutung eingebüsst. Ich bin in Malta in der Hippie-Kultur aufgewachsen. Gemeinsam mit Gleichaltrigen lebte ich auf der sonnigen Mittelmeerinsel den Traum von Love and Peace. Leider ist die Hippie-Kultur untergegangen, die Dekadenz hat sie kaputt gemacht. Die Ideale Love and Peace haben für mich aber heute noch Gültigkeit. Umweltschutz und Tierschutz sind aktuelle Themen, die ich auch aus diesen Grundidealen ableite. Ich finde es im Übrigen sehr cool, wenn auch Menschen in Anzügen und Krawatten rocken können. Ich habe viele Freunde, die sich zur Arbeit so anziehen müssen. Ein Anzug ändert den Kern eines Menschen nicht.

Ist die Rockmusik heute noch geeignet, die Welt zu verändern?

Früher dachten wir das. Heute muss ich realistisch sagen: Die Rockmusik kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Es ist schon sehr wertvoll, dass ein Teil der Fans diese Ideale lebt und weiterträgt. Idealismus und Realität sind zwei Paar Schuhe.

Wie sehen Sie die weitere Zukunft von Krokus über 2015 hinaus?

Als Krokus werden wir nicht ewig weitermachen. Eine Platte wird die Band sicher noch in Angriff nehmen, aber so wie derzeit die Pläne aussehen, ist es 2018 definitiv vorbei.

Sie haben am Anfang gesagt, dass Sie musizieren, bis Sie umfallen. Wie wird es nach Krokus weitergehen?

Ich möchte mich verstärkt anderen musikalischen Projekten widmen. Ich werde gleich im Anschluss an dieses Interview an der Rockoper «Test» weiter arbeiten. Vorgesehen ist, dass ich in dieser internationalen Produktion eine Hauptrolle spiele. Wir haben bereits ein Theater in Basel gebucht für zwölf Vorstellungen. Weitere Ziele sind der Broadway in New York und das Londoner West End. Parallel arbeite ich an weiteren Projekten.

Daniel Raaflaub, Stefan Raaflaub, Anne Maria Schmid und Marc Storace proben den Song «To Print or Not» für die Rockoper «Test»

Daniel Raaflaub, Stefan Raaflaub, Anne Maria Schmid und Marc Storace proben den Song «To Print or Not» für die Rockoper «Test»