Wie wird aus einem einfachen Strecksprung Musik? Wie klingen Bewegungen? Und wohin bewegt sich das Festival Neue Musik Rümlingen in Zukunft? Das erklären der Schlagzeuger Christian Dierstein und die Musikwissenschafterin Lydia Jeschke im Interview. Gemeinsam haben sie die diesjährige Ausgabe unter dem Titel «17 Läuft. Musik in Bewegung» kuratiert. Das Festival findet am 12. und 13. August statt.

Beim Festival Rümlingen ging es schon oft um Bewegung – 2016 etwa wanderte das Publikum sehr viel und übernachtete auf einem freien Feld. Warum haben Sie die Bewegung in diesem Jahr zum Motto gemacht?

Lydia Jeschke: Bisher war die Bewegung häufig eine Folge der Gegebenheiten. In Rümlingen sind die Spielstätten begrenzt, das hat dazu geführt, dass wir uns nach draussen, in die Landschaft begeben haben – sicherlich ein «Markenzeichen» inzwischen. Wir waren im Tal von Rümlingen, in angrenzenden Waldgebieten oder auf Hochebenen unterwegs. In diesem Jahr bleiben wir im Dorf, spazieren nur zwischen Kirche, Halle und Sportplatz herum. Dafür untersuchen wir, sozusagen unter dem Mikroskop, das Verhältnis von Bewegung und Klang: Wie hängen sie zusammen, wie beeinflusst die Bewegung eines Musikers die Entstehung eines Tones?

Es geht also vor allem um die Bewegung der Musiker? Wird es eine schweisstreibende Aufgabe für die Mitwirkenden?

Christian Dierstein: In manchen Fällen schon: Das Stück «Poem für einen Springer» von Dieter Schnebel, das ich zur Festivaleröffnung aufführe, besteht hauptsächlich aus Sprüngen, insgesamt 53, hinzukommen 85 Schritte: Aus Bewegung wird auf einfachste Weise musikalischer Klang. Das Stück war und ist immer noch eine gelungene Provokation, hinter der sich eine Struktur, eine ungemeine Kraft und ein gewisser Schalk verbergen. Es ist ein Klassiker, wenn es um Bewegungsstücke in der Neuen Musik geht.

Müssen Sie das Springen tatsächlich üben?

Dierstein: Ja. Das Stück ist sehr kurz, keine zwei Minuten. Aber es ist sehr genau notiert. Man muss in einer bestimmten Höhe springen und die Beine beim Sprung in einer bestimmten Position halten. Auf einem gut resonierenden Boden wird die musikalische Geste zu einem musikalischen Klang. Dazu begleiten Rufe die Sprünge. Ich habe mehrere Versionen gemacht, als Duo oder in der Gruppe. Das wird dann schon anstrengend bei den Proben, weil das synchrone Springen geübt werden will. In Rümlingen geben wir am Samstag in Kurz-Workshops zu jeder vollen Stunde dem Publikum die Möglichkeit, selbst zum Springer des Werkes zu werden.

Sind die anderen Stücke ebenso physisch?

Jeschke: Ist nicht jedes Musikstück physisch? Schon durch die Schallwellen, die irgendwie in Schwingung versetzt werden müssen? Aber es geht nicht in allen Stücken um physische Höchstleistungen der Musiker. Alle anderen Stücke sind Uraufführungen, die speziell für Rümlingen entstanden sind. Zufällig sind alle Projektinitiatoren Frauen. Der Komponist Thomas Kessler, der bei dem Projekt von Penelope Wehrli beteiligt ist, wurde unverhofft zu unserem «Quoten-Mann». Cathy van Eck bewegt ihre Performer als Demonstrationszug durchs Dorf, Hannah Weinberger verführt zu Erkundungsgängen, Brigitta Muntendorf erforscht auf dem Kirchendachboden die Dynamik, die in der scheinbar bewegungslosen digitalen Vernetzung steckt: Ihre Musiker spielen mit Alter Egos aus dem Word Wide Web. In «Eadweards Floss» von Penelope Wehrli sind Bewegung und Klang im Dialog: Tänzer beeinflussen über ein spezielles Interface zwei Musiker, die Kompositionen von Thomas Kessler und So Jeong Ahn realisieren, was wiederum die Tänzer beeinflusst.

Publikum und Musiker sind also gleichermassen in Bewegung. Was tun Sie denn, um auch die lokale Bevölkerung zu bewegen?

Dierstein: Die Aktionen im Freien sind offen. Da gibt es erfahrungsgemäss viele Neugierige. Im Vorfeld hat Hannah Weinberger vor Ort Tonaufnahmen gemacht, mit den Bewohnern gesprochen und die Aufnahmen dann bearbeitet. An sechs Hörpunkten legt sie einen Klangteppich über das Dorf – den zu entdecken macht vermutlich besonders viel Spass, wenn man weiss, wie es dort normalerweise klingt.

Die beiden Tage sind fast identisch. Was macht sie für Sie zum Festival?

Jeschke: Die Projekte liegen zwischen Installation und Performance und können sich im Laufe des Wochenendes verändern. Je nach Tageszeit wirken sie anders. Am Samstag spielen wir in die Dunkelheit hinein, was die Werke und ihre Wahrnehmung beeinflussen wird. Nur am Samstag gibt es die Schnebel-Mitspringaktionen, dafür eröffnen wir am Sonntag konzertant: mit zwei Uraufführungen für Akkordeon von So Jeong Ahn und Thomas Kessler.

Neue Musik ist in der Vorstellung vieler Menschen etwas Kopflastiges, wie passt dazu die Bewegung?

Dierstein: Bewegung ist generell ein zentraler Aspekt des Musikmachens. Bei einem Flötisten mag das weniger sichtbar sein als bei einem Pianisten. Noch bevor man den Klang hört, sieht man an der Körperhaltung, ob leise oder laut gespielt wird. Bei Schlagzeugern ist es noch offensichtlicher. Wenn die Armbewegung locker und entspannt ist, wird der Klang auch runder. Wenn der Arm sehr angespannt ist, wird der Klang sehr hart. Gerade in der Neuen Musik werden diese Zusammenhänge auch künstlerisch untersucht.

Jeschke: In der Neuen Musik lässt sich thematisieren, was sonst scheinbar selbstverständlich ist. Bewegungen werden explizit Teil der Komposition – und damit erst als solche bewusst.

Die diesjährige Ausgabe wird noch ordentlich subventioniert vom Kanton Baselland. Wohin aber bewegt sich das Festival in den nächsten Jahren?

Dierstein: Wie viele Kulturschaffende in der Region werden wir uns künftig über den Swisslos Fonds finanzieren. Dazu gab es bereits konstruktive Gespräche. Allerdings haben wir eine gewisse Planungsunsicherheit. Vorher konnten wir viele Jahre im Voraus planen, das wird nun schwieriger. Die Programmgruppe hat aber die Themen für die nächsten beiden Jahre schon im Blick, und wir sind zuversichtlich, dass das klappen wird.

Dürfen Sie die Themen der zukünftigen Ausgaben schon verraten?

Jeschke: 2018 wird es um Landschaftsopern gehen – also um Kammeropern, die in der näheren Umgebung von Rümlingen stattfinden. 2019 wird das Festival dann etwas weiter wegwandern, das Thema wird aber noch nicht verraten.

Flüchten Sie auch ein bisschen vor der neuen Konkurrenz aus der Stadt, etwa dem Festival ZeitRäume, das im September zum zweiten Mal stattfinden wird und ebenfalls auf Neue Musik spezialisiert ist?

Dierstein: Keineswegs. Einige von uns sind ja bei ZeitRäume auch involviert. Aber wir möchten uns auch abgrenzen. Wir wollen eindeutig das ländliche Festival in Baselland bleiben, das gelegentlich auch ausserhalb aktiv ist. Aber Rümlingen bleibt der Ausgangspunkt.

Festival Rümlingen. 12. und 13. August. www.neue-musik-ruemlingen.ch