«Progressive Rock war kunstvoller, ambitionierter als alle anderen Rockstile, ein ausschweifendes, musikalisches Fest im Kontrast zu den schablonenhaften Popsongs», schreibt der US-Autor David Weigel in seinem neuen Buch «Progressive Rock» (Hannibal). Die Entstehung des Progressiven war aber auch «ein direkter Reflex» auf die Beschränkungen des 3-Minuten-Popsongs. «In the Court of the Crimson King», das Debüt der britischen Band King Crimson (1969), gilt mit seinen langen und virtuosen Instrumentalteilen, den rhythmischen Brüchen, der harmonischen Komplexität sowie den surrealen Texten als stilbildend für eine Musikrichtung, die das musikalische Experiment feierte und die erste Hälfte der 70er-Jahre prägte.

Aber schon zuvor gab es progressive Tendenzen, die diese abenteuerlustigste Phase der Rockmusik ankündigte. Zu diesen Vorreitern des Genres gehörten die Beach Boys mit ihrem epochalen Werk «Pet Sounds» (1966), in dem das Instrumentarium der konventionellen Rockband um Waldhörner, Piccolo, klappernde Löffel, Fahrradklingeln, Hupen, Kirchenorgeln, Bass-Harmonika, Banjo und Flöten erweitert wurde. Aber selbst die Beatles, diese Könige des 3-MinutenSongs, wurden in der Proto-Prog-Phase von der Experimentierlust gepackt. Sie beschäftigten sich mit Stockhausen und liessen sich von aussereuropäischer Musik inspirieren. Auf «Revolver» (1966) liessen sie in den Songs «I’m Only Sleeping» und «Tomorrow Never Knows» gewisse Passagen rückwärts laufen. Gespenstisch.

Rock hat seine Wurzeln im afroamerikanischen Blues, die Progressiven liessen sich dagegen vor allem von der europäischen, klassischen Musik inspirieren. Das Enfant terrible Frank Zappa, auch er ein Vorreiter des Genres, bediente sich schon in seinem Debüt «Freak Out» vom Juni 1966 jener Montage- und Collage-Techniken, die auf den Komponisten Edgar Varèse zurückzuführen sind. The Who komponierten schon Ende 1966 die neunminütige, aus sechs Teilen bestehende suitenartige Rock-Oper «A Quick One, While He’s Away». The Moody Blues spielten das Album «Days of Future Passed» mit dem Welthit «Nights In White Satin» mit einem grossen Sinfonieorchester ein. Procol Harum und The Nice schliesslich bezogen sich in «A Whiter Shade Of Pale» sowie «The Thoughts of Emerlist Davjack» direkt auf Übervater Bach. Wir hören und staunen: So experimentierfreudig kann Rock und Pop sein.

King Crimson: The Court Of The Crimson King (Okt 1969)

The Beach Boys: I Know There’s An Answer/You Still Believe in Me (1966)

The Beatles: Tomorrow Never Knows (1966)

Frank Zappa: Help I’m A Rock (1966)

The Who: A Quick One, While He’s Away (1966)

Procol Harum: A Whiter Shade Of Pale (1967)

Moody Blues: Nights In White Satin (1967)

The Nice: The Thoughts of Emerlist Davjack (1967)