Eigentlich habe er kaum Zeit für ein Interview, sagt Thomas Kessler. Und das ist gar nicht mal kokett gemeint. Der Komponist sitzt in seinem Arbeitszimmer in Allschwil, vor sich ein Keyboard, am Bildschirm ein Notationsprogramm.

Es ist Ende August, Kessler arbeitet mit Hochdruck an einem neuen Stück, das vom Ensemble Nikel in Neuchâtel uraufgeführt wird. Unermüdlich scheint er, dieser Mann, auch mit 80 Jahren. «Das ist eine Beleidigung», sagt Thomas Kessler und lacht. Denn: «Dass ich alt bin, merke ich nur, wenn ich darauf angesprochen werde.» Noch immer arbeitet er jeden Tag. «Notwendiges Übel», seufzt er. «Ich bin einfach zu langsam, war ich immer schon.»

Und warum tut er sich das an? «Weil ich noch immer nicht alles erreicht habe, weil ich meine, dass es noch fehlt: mein Meisterwerk.»

Gut Ding will Weile haben. So erging es ihm auch mit seinem Lebenstraum. Der Wunsch, Musiker zu werden, war zwar immer schon da. «Doch der Vater hatte uns verboten, ein Instrument zu spielen.» Auch in der Schule stiess Thomas Kessler auf Gegenwehr. Als er als Gymnasiast auf einer Kirchen-Orgel improvisierte und experimentierte, erhielt er Musikverbot. Mit Bach war nicht zu spassen. «Ich bin heute noch naiv und neugierig wie ein Kind», sagt er.

Und das hält ihn, den Komponisten, wohl auch so jung. Als sein Jahrgang schon in Rente ging, betrat Thomas Kessler noch immer beruflich Neuland. Er gewann den US-amerikanischen Slam Poeten Saul Williams für ein Musikprojekt, das im Stadtcasino Basel zur Uraufführung gelangte. «Said The Shotgun To The Head» vereinte Sprechgesang mit Neuer Musik, Rapper mit Orchester.

Eltern angepumpt für Synthesizer

Das Ungehörte hatte ihn immer schon gereizt. Das Neue fand er unter anderem in der Elektronik. In Berlin, wo er eine gute, aber auch harte Schule besucht und Komposition studiert hatte, hörte er erstmals ein elektronisches Konzert. Er war fasziniert, sodass «ich mein ganzes Erspartes drangab und meine Eltern anpumpte, um mir in England für 2000 Pfund einen Synthesizer zu kaufen.» Es sei der erste portable Synthesizer gewesen, den er so auf den Kontinent überführte, erinnert sich Kessler rund 50 Jahre später. «Es gab keine Handbücher, keine Ausbildungen, keine Kurse, nix. Man musste alles selber rausfinden, selber erlernen. Das war schon sehr aufregend», sagt er.

1965 gründete Kessler in Berlin sein eigenes elektronisches Studio, war am Puls der Zeit, was auch Paul Sacher mitkriegte. Dieser empfahl ihn, als an der Musik-Akademie eine Dozentenstelle frei wurde. Kessler unterrichtete von 1973 bis 2000 Komposition und Musiktheorie und gründete auch das Elektronische Studio Basel. Er prägte die Neue Musik. «Deshalb denken alle, ich sei ein Komponist elektronischer Musik. Dabei sind aber mindestens die Hälfte meiner Werke nicht elektronischer Art. Und die liefen auch besser als die anderen.»

Wie meint er das? Bei der Live-Elektronik sei das Publikumsfeedback oft vage gewesen. «Viele bewunderten einfach das Spezielle, das Neue, aber nicht die Musik an sich», sagt Kessler. Und heute? Interessiere dieses Neue kaum noch. «Es wundert sich ja niemand mehr, wenn ein Synthesizer auf der Bühne steht.»

Kürzlich habe ihm ein Kollege gesagt: Elektronik sei ein Konzertkiller. Die Veranstalter wünschten sich das nicht mehr, weil es längere Probezeit erfordere und mehr koste.

Klar, man könnte auch ein Tonband abspielen. Aber das hat Kessler nie interessiert. «Ich war anarchistischer eingestellt, mochte immer auch das Unberechenbare an der Musik.» Dass die Elektronik unpraktisch war, das Medium schnelllebig, das nahm er hin. Haben ihm die Kollegen dies nie ausreden wollen? «Nein, die ermutigten mich, von Aurèle Nicolet bis Heinz Holliger.»

Dass es wirtschaftlich nicht lohnenswert war, darüber konnte sich Kessler dank seiner Dozentenstelle an der Musik-Akademie hinwegtrösten. «Basel war grossartig, endlich ein guter Job», sagt er rückblickend. Und Sicherheit. «Freiheit ist, wenn ich von tollen Felsen ins Meer springen kann, nicht aber, wenn ich wild im Meer treibe. Vielen Komponisten geht es heutzutage aber so. Ihnen fehlt die Sicherheit», räsoniert Kessler. Von daher habe er sich immer sehr glücklich schätzen können. «Musik ist etwas Grossartiges, etwas Verrücktes, Chaotisches aber auch Brutales – gerade für die jungen Leute, die für jede Aufführung kämpfen müssen», sagt er mitfühlend.

Man merkt: Kessler lebt noch immer für die Musik. «Solange ich hören kann, ist das ein Fest für die Ohren», sagt er. Und auch wenn er sie mit der Annäherung des Akademikers betreibt: Er bleibt ein offener Geist. «Ich fahre gerne zweite Klasse, um mit jungen Leuten zusammenzusitzen. Wenn ich dann sage, dass ich elektronische Musik mache, sind die jeweils ganz begeistert», erzählt Kessler amüsiert. «Die denken dann natürlich an was anderes, an Techno.»

Und nun also wird dieser 80-jährige Mann, der nach Bruno Spoerri zu den Schweizer Pionieren zählt, mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet. «Das ist natürlich eine schöne Ehre, keine Frage», sagt er. «Was mich aber am meisten freut: dass so viele verschiedene Musiker diesen Preis erhalten. Mir sind viele Namen nicht vertraut, ich freue mich, diese Leute kennenzulernen.» Am kommenden Donnerstag hat er Gelegenheit dazu.

 

15 Personen erhalten am 13. September in Lausanne den Schweizer Musikpreis. Nebst Thomas Kessler gehört auch das Mondrian Ensemble zu den Gewinnern aus der Region Basel.