Martin Kirnbauer, haben Sie ein Metronom zu Hause?

Martin Kirnbauer: Ich musste lange suchen, aber: Wir haben eines, ein kleines, elektronisches Metronom. Meine Frau – sie ist Gambistin – benötigt es, wenn sie zeitgenössische Musik einstudiert, weil diese Musik nicht mehr auf einem Puls basiert, sondern eine hohe Präzision braucht.

Und haben Sie als Kind mit dem Metronom üben müssen?

Wir hatten ein kleines, rotes Wittmer-Metronom, aber ich habe so wenig Erinnerungen daran – es hinterliess offensichtlich keine Spuren.

Stirbt das Metronom aus?

Ja, ich denke, als Gerät ist ausgestorben – was aber zu Problemen führt, wenn etwa György Ligetis «Poème symphonique» für 100 Metronome aufgeführt werden soll, oder Kompositionen mit Metronom von Mauricio Kagel und Klaus Huber – für diese Stücke fehlen die Instrumente, die Metronome. Deshalb muss das Metronom im Museum bewahrt werden.

Aber die Funktion des Metronoms ist noch nicht ausgestorben – denn es gibt zahlreiche Metronom-Apps für das Smartphone …

… ja, sogar Musiker aus der historisch informierten Aufführungspraxis lassen diese Metronom-Apps beim Üben durchlaufen – was völlig ahistorisch ist. Denn das Metronom war ursprünglich dazu gedacht, den Musikerinnen und Musikern eine Idee vom Tempo des Werkes zu geben, einen ersten Impuls – anschliessend darf man davon abweichen. Das Metronom durch ein ganzes Stück hindurch durchlaufen zu lassen, war weder vom Erfinder des Metronoms Johann Nepomuk Mälzel noch von den Komponisten, die Metronomangaben machen, vorgesehen.

Ist das Metronom ein westeuropäisches Phänomen?

Ja. Dieses Thema greifen wir auch in der Ausstellung auf. Indische und balinesische Musik etwa ist rhythmisch wahnsinnig kompliziert – aber in diesen Ländern kommt niemand auf die Idee, ein Metronom zu benutzen. Es wäre viel zu starr, denn innerhalb der komplexen Rhythmen gibt es eine gewisse Flexibilität, die das Metronom nicht zulässt

Lässt das Rückschlüsse auf die Kulturen zu? Dass das neuzeitliche Europa das exakte Mass bevorzugt, und über dieser Starrheit andere Dinge verloren gehen?

Das sind grosse Themen, über die lässt sich viel spekulieren. Die Mechanisierung, die mit der Industrialisierung einsetzt, ist ein westliches, abendländisches Phänomen – und das bildet sich in diesem Gerät und im Umgang mit dem Metronom ab.

Hören Sie Musik nach dieser intensiven Beschäftigung mit Metronomen anders?

Nicht anders, aber ich nehme andere Sachen wahr. Zum Beispiel in der Barockmusik, dort höre ich stärker, wie sehr die Aufführungspraxis vom starren Rhythmuskonzepten beeinflusst ist, obwohl das ahistorisch ist. Und ich höre in der Barockmusik swingende Beats, als ob ein Schlagzeug dabei wäre – das produzieren die Musikerinnen und Musiker, weil es dem Zeitgeschmack unterliegt.

Ihre Ausstellung stellt auch eine Verbindung zum taktvollen Auftritt, zum taktvollen Umgang miteinander her. Gab es diese Verbindung auch im 19. Jahrhundert, als das Metronom erfunden wurde?

Die sprachliche Verbindung zwischen «Takt» in der Musik und dem Taktgefühl im menschlichen Umgang existiert nicht zufällig. Was das genau bedeutet, das ist eine Frage, die ich gerne den Besucherinnen und Besuchern mit auf den Weg geben möchte.