One! Two! Three! Four! Am 2. Januar 1968 ertönte aus dem Äther des Schweizer Radios zum ersten Mal die Reprise des Beatles-Songs «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band». Sie wurde zur Erkennungsmelodie für die Schweizer Hitparade, der «Bestseller auf dem Plattenteller». Ein radiohistorisch epochales Ereignis, denn was damals unter den Begriffen «Pop» und «Rock» die Welt in Aufruhr versetzte, fand im damaligen Schweizer Landessender Beromünster zuvor kaum statt.

Man muss sich das vorstellen: Die Rock-’n’-Roll-Revolution von Elvis, Chuck Berry & Co. wurde vom öffentlichrechtlichen Schweizer Radio ebenso verschlafen wie die ersten Lebenszeichen der Beatles und der Rolling Stones. Unerhört blieben freilich auch Bob Dylans Friedenshymne «Blowin In The Wind» von 1963 wie sein prophetischer Weckruf «The Times They Are a-Changin’» und Sam Cookes Bürgerrechtssong «A Change Is Gonna Come» aus dem Jahr 1964. Das Schweizer Radio hat die ersten Jugendrevolten und damit einen wichtigen Teil der jüngeren Musikgeschichte verpasst.

Popmusikalische Einöde

Stattdessen wurden die Schweizer Radiohörer mit Ländlern und leichter Klassik vom Radioorchester Beromünster berieselt. Die harmlose Schlagersendung «Bill und Jo» mit den Sängern Bill Ramsey und Jo Roland wurde nach drei Monaten wieder gestrichen. Immerhin konnte «Salut les copains» (später «Sali Mitenand») das wachsende Bedürfnis nach Pop und Rock zumindest teilweise stillen. Doch die erste Schweizer Popsendung wurde stiefmütterlich am wenig attraktiven Montagabend platziert. In der Schweiz herrschte weiter popmusikalische Einöde. Das Schweizer Radio machte keine Hits, es spielte sie nicht einmal.

Doch die Schweiz war nicht allein. Auch die öffentlich-rechtlichen Radiosender der ARD waren musikalisch konservativ ausgerichtet. Dafür erreichte Radio Luxemburg bei den jüngeren Zuhörern Kultstatus. Es war neben den britischen und amerikanischen Soldatensendern BFBS und AFN lange die einzige Plattform für neue Pop- und Rockmusik.

Einblick in die Gesellschaft

Umso bedeutender war die Ausstrahlung der «offiziellen Schweizer Radiohitparade». Erstmals wurde der Sound seiner Zeit, der Soundtrack einer Gesellschaft im Umbruch, gespielt. Tatsächlich waren in diesen ersten Top 10 gleich zwei Songs der prägenden Beatles («Hello, Good Bye» und «Magical Mystery Tour») vertreten. Dazu die Hippie-Hymnen «San Francisco» von Scott McKenzie und «Massachusetts» der Bee Gees. Überflieger des Revolutionsjahres 1968 aber war der harmlose Schlager «Monja» des deutschen Sängers Roland W., ein klassisches One-Hit-Wonder. Überhaupt ist die grosse Präsenz von deutschen Schlagern auffällig. Neben Roland W. waren das Peggy March, Graham Bonnie und Mireille Mathieu.

Die Hitparade von damals erlaubt einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse 1968. In eine Gesellschaft zwischen Aktion und Reaktion, zwischen musikalischem Aufbruch und bewahrender Schlagerseligkeit.

Pop und Rock blieben beim Schweizer Radio in den 70er-Jahren weiter die Ausnahme. Die Schweizer Hitparade blieb die wichtigste Sendung in Sachen Pop. Das änderte sich erst am 1. November 1983, als unter dem Druck von Piratensendern wie Radio 24 sowie der Zulassung von privaten Lokalradios DRS 3 auf Sendung ging, der «amtlich bewilligte Störsender».

Seither haben sich die Musiklandschaft und die Musikindustrie radikal verändert. Popmusik in all ihren Varianten und Schattierungen hat die Gesellschaft durchdrungen und ist allgegenwärtig. Die Entwicklung hat auch die Schweizer Hitparade verändert. Mit dem Aufstieg des Albums, dem Niedergang der Single, dem Aufkommen des Download und den Streaming-Plattformen musste das Erhebungssystem abermals angepasst werden. Vor allem die jüngsten Entwicklungen haben weitreichende Folgen. Es stellt sich die Frage: Welche Bedeutung hat die Hitparade heute überhaupt noch?

Verfälschte Hitparade

Die Rahmenbedingungen im physischen Markt, das Sterben der Plattenläden und das Aufkommen der Online-Verkaufsportale haben das Kaufverhalten des Konsumenten geändert. Gemäss Angaben des Branchenverbandes IFPI Schweiz werden geschätzte 30 Prozent aller CDs und sogar 50 Prozent aller Vinylplatten direkt aus dem Ausland importiert und gekauft. Das heisst: Diese Importe aus dem internationalen Segment können für die Schweizer Hitparade gar nicht erfasst werden. Die Album-Hitparade wird verfälscht.

Die grösste Veränderung betrifft aber die Bedeutung des Hits. Früher sind die grössten Hits in der Schweizer Hitparade ins kollektive Gedächtnis von Herrn und Frau Schweizer aufgenommen worden. Ein Streifzug durch die Jahrescharts ab 1968 macht deutlich, dass pro Jahr bis zu einem Dutzend Songs zu Evergreens geworden sind. Zu generationsübergreifendem Allgemeingut, zu Gassenhauern, die alle kannten und mitträllern konnten.

Das ist heute immer weniger der Fall. Die Songs, die in den letzten Jahren zu Evergreens wurden oder noch werden, können an einer Hand abgezählt werden: «Happy» von Pharrell Williams (2014), «Hello» von Adele (2015), in diesem Jahr sicher «Despasito» von Luis Fonsi und vielleicht noch «Shape Of You» von Ed Sheeran. Und sonst? Wer weiss noch, welches der erfolgreichste Song 2016 war? Der Bedeutungsverlust ist eklatant. Es gibt heute immer weniger Welthits, internationale Gassenhauer und Evergreens, die diesen Namen verdienen.

Die Gründe liegen in den sich dramatisch verändernden Marktmechanismen und im damit zusammenhängenden, veränderten Konsumverhalten der Musikhörer. Der Bruch erfolgte vor zwei, drei Jahren. Ein Zusammenhang mit dem Aufkommen der Streaming-Portale (Spotify ist ab 2011 in der Schweiz, Apple Music seit 2015) ist offensichtlich.

In den besten Zeiten der Hitparaden waren die Radios die alleinigen Hitmacher. Im Kampf um Hörerquoten wollen Radios aber keine Risiken mehr eingehen und spielen nur noch bewährte Songs und alte Gassenhauer. Radios machen keine neuen Hits mehr und haben diese Rolle an Spotify & Co. abgetreten. Die wichtigsten Playlists machen heute die Hits von morgen.

Die grosse Unübersichtlichkeit

Der Hörer wird mit massgeschneiderten Playlists versorgt. Songlisten für jede erdenkliche Lebenssituation und jede Tageszeit. Dabei berechnen Algorithmen den individuellen Musikgeschmack des Konsumenten und passen die Listen entsprechend an. Die Streamingdienste servieren dem Hörer rund um die Uhr seine Lieblingsmusik in personalisierten, massgeschneiderten Playlists. Damit schreitet die Segmentierung der Popmusik voran. Es gibt ihn immer weniger, den Sound der Saison, den Song der Stunde, der von einer ganzen Generation verinnerlicht wird. Und überhaupt: Gibt es ihn noch, den Mainstream? Fliessen stattdessen nicht Dutzende von mehr oder weniger grossen Nebenströmen? Oder hat nicht jeder seinen eigenen, ganz persönlichen Mainstream? Es herrscht die grosse Unübersichtlichkeit.

Der Hit wird personalisiert

Die Playlists sind nur der jüngste Schritt in der Demokratisierung und Individualisierung des Musikhörens. Der Hörer ist nicht mehr auf die herkömmlichen Kanäle der Musikvermittlung angewiesen, entzieht sich dem Diktat der Radios und stellt sich stattdessen seine eigene Hitparade zusammen. Er ist sein eigener Hitmaker. Der Welthit stirbt einen langsamen Tod und wird durch eine Vielzahl von Hits ersetzt. Jede Sparte, jede Szene kennt ihre eigenen Hits. Der Hit wird personalisiert. Die offizielle Hitparade kann die Zeit deshalb gar nicht mehr angemessen abbilden und verliert ihre Bedeutung. Sie ist irrelevant geworden.