Zum Gespräch hat Bligg in ein Brockenhaus unweit des Zürcher Hauptbahnhofs geladen. Als wir ihn dort treffen, wirkt der 41-jährige Musiker aus Schwamendingen trotz grossem Interview-Marathon an diesem Tag fast schon seltsam entspannt. Sogar ein schneller Schnappschuss für Instagram liegt noch drin, bevor wir uns zum Gespräch hinsetzen.

Bligg, warum treffen wir uns ausgerechnet in einem Brockenhaus?

Bligg: Ich finde, das passt gut zu meinem Album «KombiNation». Da geht es eben um das Kombinieren von verschiedenen Dingen und Stilen. Wie man es auch macht, wenn man im Brockenhaus einkauft.

In einem Brockenhaus hat es doch vor allem Sachen, die andere nicht mehr daheim haben wollen.

So habe ich das natürlich nicht gemeint (lacht). Den Tisch, an dem wir sitzen, gibt es wohl schon länger als uns beide zusammen. Das ist der Reiz eines Brockenhauses. Alles erzählt eine Geschichte.

Wer kombiniert, verbindet Bekanntes. Ist es als Musiker nicht das Ziel, etwas Neues zu erschaffen?

Dieses absolut Neue, von dem Sie sprechen, gibt es doch gar nicht. Auch als der Hip-Hop in den 1970ern aufkam, war das eine Kombination aus verschiedenen Stilen. Eine Gitarre hat ja auch immer die gleiche Anzahl Saiten und Griffe. Die Kunst ist es, dass man innerhalb dieser Dinge seinen eigenen Sound schafft. Der mag vielleicht nicht neu sein, aber es geht um Eigenständigkeit. Es geht darum, seine eigene Kombination zu finden.

Ihre grosse Erfolgskombination haben Sie eigentlich schon vor zehn Jahren gefunden. Da erschien «0816», wo sie Volksmusik und Rap zusammenbrachten. Festgehalten haben Sie daran aber nicht.

Das wäre so richtig langweilig gewesen. Ich muss die Musik nicht neu erfinden, aber ich muss mich weiterentwickeln.

Trotzdem: Das war Ihr grosser Durchbruch in die oberen Gefilde der Charts. Ich behaupte, das war auch der Startschuss für den Mundart-Trend, den wir heute in der Schweizer Musik erleben.

Wenn Sie das so sehen, nehme ich das sehr gerne an. Ich selber habe mir da nie grosse Gedanken gemacht. Wir waren auch schon zu Bligg’n’Lexx-Zeiten ein bisschen Pioniere und haben den einen oder anderen Weg vorgespurt. Ich konnte aber nie ahnen, was mit «0816» passiert – mittlerweile hat die Platte fünffach Platin erhalten. Wenn man so will, lebe ich mittlerweile seit zehn Jahren in der Zugabe dieses Erfolgs. Ganz grundsätzlich bin ich aber froh, dass derzeit viele Schweizer Musiker Charterfolge haben.

Warum?

Die Zeiten, in denen immer nur Bligg und ein paar andere grosse Künstler Erfolge hatten, brachten auch viel Hate. Oft musste man sich für den Erfolg rechtfertigen, das ist absurd. Eigentlich will doch jeder, dass seine Musik gehört wird. Mittlerweile ist es nicht mehr verpönt, wenn man das auch sagt. Das finde ich eine gute Entwicklung.

Ihre eigene musikalische Entwicklung hatte mit «0816» ihre grosse Revolution, seither passiert die Veränderung noch in Nuancen. Ist die Revolution in Evolution übergangen?

Das ist ein schönes Bild. Es braucht ja auch nicht immer eine grosse Revolution. Mit «KombiNation» bin ich wieder näher am Sound von «0816» als auch schon.

Was ist dieses Mal die Kombination?

Ich wollte die Schweiz mit all ihren Facetten abbilden. Und eigentlich ist die Schweiz ja eine Kombination aus vielen globalen Einflüssen. Unsere Frauen sind deshalb die Schönsten, weil ihr Genpool aus verschiedenen Kulturen zusammengemixt ist. Sozusagen eine Best-of-Mischung. Diese Vielfalt wollte ich musikalisch einfangen. Etwas Volksmusik, etwas Karibik und noch viel mehr.

Etwas frech könnte man behaupten, Bligg habe einfach seine Hit-Kombination gefunden und «schrüüble» daran ein bisschen weiter.

Eine Hit-Kombination gibt es nicht. Es gibt vielleicht eine mathematische Hit-Formel, mit der man berechnen kann, wie lange ein Refrain sein sollte, aber eine sichere Kombination gibt es nicht. Ich habe schon gedacht «Hey, jetzt habe ich einen Hit geschrieben» und beim Publikum kam er nicht so toll an. Bei «Rosalie» war ich dagegen der Meinung, dass das kein Hit ist, und der ist komplett explodiert. Wie gut die Mischung ist, entscheidet immer das Publikum.

Eine der Kombinationen auf Ihrem Album ist ein Feature mit Xen. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem harten Rapper aus Zürich?

Wir kennen und schätzen uns seit einiger Zeit. Wir haben beide Söhne in einem ähnlichen Alter und etwa gleichzeitig eine etwas schwierigere Zeit im Privatleben. Das verbindet. Er und seine Crew feiern mich und ich feiere sie. Er hat mich auch extra an seine Plattentaufe eingeladen.

Sie haben gesagt, dass Sie immer ein bisschen Pionier waren. An einem Ort fehlten Sie dagegen lange Zeit: auf den Streaming-Diensten.

Damals, als Spotify aufkam, war ich der erste Schweizer Künstler, der mit diesen Leuten am Tisch sass und verhandelte. Lange war mir aber alles etwas zu undurchsichtig und ich habe dann gesagt: Da mache ich nicht mehr mit. Seit kurzem sind all meine Alben aber auch auf diesen Diensten zu finden. Vor allem für die Fans.

Eine gewisse Grundskepsis gegen solche Dienste höre ich aber immer noch heraus.

Ja, das mag stimmen. Vor allem die Beiträge an die Künstler sind sehr gering. Da kannst du einen riesigen Hit mit vielen Streams haben und am Ende kannst du dir eine Cola und ein Sandwich kaufen. Das stimmt doch irgendwie nicht. Als Konsument dagegen finde ich Spotify, Apple Music und Co. grossartig. Da kann man vieles entdecken.

Benutzen Sie sie selber?

Vor allem für meinen Sohn mit all den Hörspielen. Ich selber höre nicht mehr so viel Musik wie früher. Früher bin ich mit Musik aufgestanden und mit Musik eingeschlafen. Heute schätze ich es, wenn ich nicht dauerbeschallt werde.

Ist das eine Frage des Alters?

Sicher auch. Aber nicht nur. Noch nie war so viel Musik so einfach verfügbar wie heute. In diesem Dschungel verliert man schnell den Überblick. Das ist wie bei den Nachrichten-Apps. Es gibt so viele News-Apps, dass man gar nicht mehr alles lesen kann. Mittlerweile gibt es sogar Apps, die aus allen Apps die wichtigsten Texte herausfiltern und dir aufbereiten. Die kosten aber. Wir bezahlen dafür, dass wir im ganzen Gratisangebot den Überblick behalten können. Da stimmt doch irgendetwas nicht mehr.