Ein Gespräch mit Cro, dem deutschen Rapstar mit der Panda-Maske, ist eine unterhaltsame Angelegenheit. Man hat das Gefühl, mit jemandem zu reden, der mit nichts hinter dem Berg hält und sich bis heute seine jugendliche Begeisterung bewahrt hat. Vieles ist «meeega», «hammer» und «obernice» – und man nimmt es ihm ab. Ausserdem hat er amüsante Geschichten zum Besten zu geben, etwa wie er Weltstar Wyclef Jean zu einem «Toilettenquickie» in Nizza traf. Auf seinem neuen Album «tru.» geht der 27-jährige Stuttgarter, der 2011 mit dem Hit «Easy» im Nu Bekanntheit erlangte, mit ungewohnter Ernsthaftigkeit und Musikalität zu Werke.

Cro, haben Sie einen Bezug zur Kirche?

Cro: Zur Kirche? Wieso meinen Sie?

Auf Ihrem neuen Album «tru.» hört man immer wieder Gospel-Chöre. Viele Stücke haben etwas Hymnisches an sich.

(Lacht) Da haben Sie recht. Es klingt ein bisschen, als würde man eine Hip-Hop-Schulstunde in der Kirche abhalten.

Aber haben Sie einen Bezug zur Kirche?

Nö. Klar, als Kind war man öfter mal in der Kirche. In letzter Zeit wurde das aber vernachlässigt. Ich bin auch nicht wirklich ein gläubiger Christ. Ich hab’ da meine eigenen Götter, und die haben nichts mit brennenden Büschen, Schäfchen und Hirten zu tun.

Bis jetzt war Cro bekannt für die sehr direkte Vermischung von Rap und Pop. Das neue Album klingt viel vielschichtiger und musikalischer. Wie kommt’s?

Ich bin ein Jahr lang durch meine eigene Musikschule gegangen. Ich hab ganz viele Instrumente gekauft und mir alles beigebracht. Jetzt kann ich behaupten, dass fast jeder Ton auf dem Album von mir kommt. Da bin ich sehr stolz drauf.

Was war der Auslöser für den Schritt hin zu mehr Musikalität und Tiefe?

Ich hatte die Schnauze voll von Klavier und Synthies aus dem Computer. Deswegen hab ich mir für 30 000 Euro einen schönen Flügel und mehrere Klaviere gekauft. Ausserdem habe ich mir in meinem Haus ein Studio gebaut, richtig mit Aufnahmekabine und guten Mikrofonen.

Auch Wyclef Jean von The Fugees ist auf dem Album zu hören. Kam der auch bei Ihnen in Stuttgart vorbei?

Nee, leider nicht. Wir haben uns in Nizza getroffen und sind dort schnell zusammen ins Studio. Das war eher so wie ein Toilettenquickie, schnell und dreckig. Und teurer Whiskey aus Plastikbechern. Aber ich darf ihn jetzt «Uncle Wyc» nennen.

Gab es Panikmomente, Momente des Selbstzweifels?

Klar, so was gibt’s immer. Man kommt immer wieder an einen Punkt, an dem man alles beschissen findet. Momente, in denen man sich denkt: Wieso mach ich überhaupt noch weiter? Immer wenn ich nicht mehr weiter wusste, hab ich die Homies eingeladen, und wir haben ein bisschen getrunken. Und zack waren wieder Ideen da.

Haben Sie je für längere Zeit den Draht zu Ihrer Kreativität verloren?

Nee, noch nie. Ich bin immer irgendwas am Machen. Wenn’s keine Texte oder Beats sind, dann Bilder oder Skulpturen oder ich bemale irgendwelche nackten Mädels. Vorgestern hab ich angefangen, mit schwarzem Papier und einer Schere so Collagen zu schnipseln. Das sieht überheftig aus!

Auf dem Song «Alien» thematisieren Sie das Gefühl, sich in fremd zu fühlen in der Welt. Wann verspüren Sie dieses Gefühl?

Das ist eigentlich allgegenwärtig. Immer wenn ich die Maske aufhabe, geht um mich herum ein Riesenzirkus los. Alle wollen was von mir, alle wollen Fotos machen. Mit Maske bin ich kein Mensch.

Sie könnten die Maske ja auch einfach abnehmen.

Das würde nur dazu führen, dass ich auch den Rest Normalität verliere. Aber dieses Fremdsein kannte ich auch vor dem ganzen Rummel schon. Ich war immer schon anders als der Rest. Ich hab’ zum Beispiel nie gewusst, welcher Wochentag gerade ist. Ich bin mehrfach an einem Feiertag in die Schule gefahren.

Sie waren so richtig verpeilt?

Mir war das irgendwie immer alles egal. Ich hing meinen Tagträumen nach und bin durch alles durchgeflowt.

Auf der Single «Unendlichkeit» geht es um Ihr Vermächtnis. Wie wichtig ist Ihnen das?

Hm, gute Frage. Ich glaube, man macht doch alles immer im Hinblick darauf, dass es bleibt. Meine Musik wird mich halt überleben. Das ist mir erst vor kurzem bewusst geworden. Ich hab immer alles schnellschnell gemacht, so voll im Zeitgeist. Seit einer Weile nehme ich mir mehr Zeit. Ich mische alles ordentlich ab und verbessere den Text. Bei diesem Album könnte ich jeden Satz unterstreichen. Ich bin sicher, dass man jeden Satz in hundert Jahren noch feiern wird.

Geht’s nicht auch einfach darum, die eigenen Eltern zu beeindrucken?

Ich hab da eigentlich bei jedem Lied immer eine andere Person im Kopf, die ich beeindrucken möchte. Der ich’s unbedingt zeigen will. Von der ich gerne hören will, wie überkrass der Track ist. Immer nur eine Person.

Ein anderer Rapper? Familienangehörige?

Nö. Meistens ist das ein Mädchen. Manche bezeichnen ihre Girls ja als Muse. Das hat schon was. Wenn ich ein Mädchen am Start hab und mit der in Love bin, dann schreib ich der was.

Und wie kommt es dann, dass Sie auf dem Album mit der Spracherkennungssoftware Siri flirten?

Das war purer Zufall. Ich habe bei mir im Studio neue Mikrofone getestet. Während ich gerappt habe, hat sich Siri eingeschaltet und mir geantwortet. Da hab ich gewusst: Das muss ich verwenden.

«Ich weiss, dass man nur überlebt, wenn man den Rückweg nicht vergisst» rappen Sie auf einem der neuen Stücke. Was heisst das übertragen auf Ihre Rap-Karriere?

Man darf nicht vergessen, wo man herkommt. Man darf nicht abheben. Dann ist man verloren in der Welt. Ich kenne das. Nach der Trennung von meiner Freundin wusste ich nicht mehr, wo ich hinmuss. Sie war mein Anker, meine Homebase. Und dann war sie plötzlich weg.

Sie haben nun eineinhalb Jahre intensiv an dem Album gearbeitet. Vor wenigen Wochen ist es fertig geworden. Befinden Sie sich nun im Rauschzustand?

Nein, aber vielleicht kommt das noch. Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass ich ein krasses Album gemacht hab. Und ich hoffe, das wird von den Menschen auch anerkannt. Ich hab leider die Befürchtung, dass es die Hälfte der Menschen gar nicht mitkriegen wird. Auf dem Album ist halt kein zweites «Easy».