Nur 10 Prozent in der Basler Popszene sind weiblich. War das zu erwarten?

Seline Kunz: Es ist relativ klar, dass der Männeranteil höher ist. Aber es ist doch eindrücklich.

Erschreckend auch?

So würde ich es nicht sagen. Aber es zeigt, dass es einiges zu tun gibt.

Eine Ihrer Erkenntnisse lautet: Bands mit Frauenbeteiligung sind im Schnitt erfolgreicher als jene ohne. Wieso?

Eine Erklärung für die durchschnittlich höhere Professionalität könnte sein, dass sich in einer Männerdomäne wie dem Popbusiness, wo es weniger Frauen gibt, die Frauen doppelt beweisen müssen, um dieselbe Anerkennung zu kriegen, und diese deshalb, so die These, professionellere Ansprüche haben.

Wäre der Geschlechteranteil ausgeglichen, gäbe es vielleicht auch mehr durchschnittlichere Frauenbands. Aber bis dieser Ausgleich erreicht ist, werden Frauen in Männerdomänen durchschnittlich mehr leisten für die gleiche Anerkennung und somit bedeutet bis dahin Frauenförderung auch Qualitäts- und Professionalitätssteigerung.

Man könnte sich aber auch fragen, ob Jurys mehr Sympathien haben für Musik mit weiblicher Beteiligung. Diese Frage wird in der Studie aber gar nicht gestellt.

Wir gehen davon aus, dass unsere Jurys nach Qualität urteilen und nicht nach Geschlechtern. Bisher gab es auch keine Quoten oder Regulierungen. Wenn man das voraussetzt, dann ist das quasi die Faktenlage. Bands mit Frauen sind erfolgreicher als Bands ohne Frauen. Für uns ist das eine wichtige Erkenntnis, um ein Argument zu entkräften, mit dem bestimmte Leute im Business kommen: «Wir können nicht aufgrund von Frauenförderung eine Qualitätseinbusse riskieren.»

Ist das so?

Ja. Wir können nun sagen: Es gibt zwar weniger Frauen, die Popmusik machen Aber die, die es gibt, sind gut unterwegs, sind sehr aktiv, sehr professionell, sind förderungswürdig und buchbar. Das Qualitätsargument ist schlicht falsch.

Die Mehrheit der Musikerinnen im Pop singt.

Ja. Unsere Zahlen zeigen, dass in Soloprojekten und Duos der Frauenanteil viel höher ist als in der klassischen Bandkonstellation.

Wie erklären Sie sich das?

Eine These bezüglich des niedrigeren Frauenanteils in Bands mit 3 bis 5 Personen ist, dass das mit der Sozialisation zu tun hat. Studien zeigen, dass sich jugendliche Männer eher in grösseren Gruppen bewegen, woraus sich dann eine Band ergeben kann. Frauen sind in diesem Alter, das zeigen Studien, eher in einer kleineren Gruppe, zu zweit zum Beispiel, unterwegs.

Sind solche Jugend-Cliquen heutzutage nicht besser durchmischt?

Nicht unbedingt, nein. Die Jugendforschung zeigt, dass homosoziale Kontakte in diesem Alter wichtig sind. Und wenn man dann daran denkt, dass erste Bands im Teenie-Alter gegründet werden, dann kann sich das auch auf die Konstellation niederschlagen. Um es mit einem stereotypen Beispiel zu sagen: Es gibt mehr Jungs-Cliquen, die Bier trinken, zusammen Zeit verbringen und dann beschliessen auch noch zusammen Musik zu machen. Ist eine Frau dabei, wird es …

… gleich ernsthafter?

Könnte eine Erklärung sein. Aber es geht uns keineswegs darum, Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen oder zu sagen Frauen seien per se besser, ernsthafter, professioneller als Männer oder umgekehrt. Es wäre einfach wünschenswert, auch im Musikbusiness die Diversität zu haben, die unsere Gesellschaft ausmacht: Dabei denke ich nicht nur an die Geschlechterdurchmischung, sondern zum Beispiel auch an Ethnizität oder soziale Milieus.

An den Schweizer Hochschulen für Jazz, Pop und Rock studieren nur wenige Frauen, und die meisten, die es tun, sind Sängerinnen. Warum gibt es kaum professionelle Instrumentalistinnen im Pop?

Das hat damit zu tun, dass schon früh in der Sozialisation unbewusste Mechanismen in unserer Gesellschaft spielen. Die Chance, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer zu einem Buben sagt: «Willst Du nicht mal ans Schlagzeug sitzen?» ist viel grösser, als dass Lehrkräfte das zu einem Mädchen sagen. Das hat mit Stereotypen zu tun.

Und ist eigentlich ein Skandal.

Das stimmt.

Die Lehrkräfte tragen daher eine Mitschuld?

Ja, wie ganz viele andere auch. Wir alle tragen stereotype Ideen mit uns herum, oft unbewusst. Und diese aufzubrechen, liegt nicht nur an einzelnen Lehrkräften, sondern an allen Akteurinnen und Akteuren im Musikbusiness, schliesslich an der gesamten Gesellschaft.

Was folgern Sie daraus?

Dass man noch stärker aufmerksam machen muss auf dieses Ungleichgewicht und sensibilisieren.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel in der Ausbildung von (Musik-)Lehrpersonen Geschlecht und Geschlechterstereotypen zum Thema machen und diese reflektieren. Die Musikschaffenden selbst für das Thema sensibilisieren, ebenso Booker*innen oder Förderinstitutionen. Mehr Diversität auf Bühnen und dadurch Vorbilder für junge Frauen schaffen.

Was könnten Schulen ändern?

Es beginnt im Kleinen: Dafür sorgen, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben ungeachtet ihres Geschlechts. Mädchen und Buben zum Beispiel in getrennten Gruppen im Musikraum experimentieren lassen, sodass eben nicht immer der Junge am Schlagzeug sitzt, sondern Berührungsängste abgebaut werden können und Mädchen sich trauen, zu experimentieren.

Vieles hat mit Vorbildfunktionen zu tun: Schlagzeugerinnen und Schlagzeuglehrerinnen sind selten, das macht es nicht einfach, jungen Mädchen Mut zu machen. Daher ist ein zusätzlicher Effort nötig. Wenn ich als Mädchen eine Frau am Schlagzeug sehe, mache ich mir viel eher Gedanken, dass das auch etwas für mich sein könnte. Deshalb ist es so wichtig, dass die Frauen auch auf die Bühnen kommen, sichtbar sind, in aktiven Rollen.