Drei Synthies für vier Musiker stehen auf der Bühne der Roten Fabrik in Zürich. Sie zeigen unmissverständlich die neue musikalische Richtung an. Denn auf «Molecules» hat sich Sophie Hunger neu erfunden und technoiden Klängen zugewandt. Nur logisch, dass sie für den neuen Sound auch eine neue Band zusammenstellen musste. Auf ein Quartett geschrumpft, ist von der alten Band nur der französische Keyboarder und Flügelhorn-Spieler Alexis Anérilles geblieben.

Nimmt man die Verkaufszahlen des Albums zum Massstab, so konnte sich die Hunger-Gemeinde nicht ganz mit der musikalischen Neuausrichtung anfreunden. Vor allem in Deutschland und Österreich war «Molecules» in den Charts deutlich schlechter platziert als der Vorgänger «Supermoon». Aber wie kommt die neue Hunger live an? Immerhin: In Zürich waren alle Konzerte restlos ausverkauft.

Live weniger elektronisch

Ein blubbernder Sound kündet «She Makes President» an. Synthetische Sounds dominieren, doch beim dritten Song greift die Bandleaderin zur akustischen Gitarre. «Ich habe mir ein kleines Gefängnis gebaut. Ich wollte nur vier Elemente benutzen: Synthesizer, programmierte Beats aus dem Drum-Computer, Stimme und Gitarre», sagte Hunger dieser Zeitung. Doch live sind die programmierten Beats des Albums verschwunden. Mit dem grossartigen, in Zürich lebenden Wynentaler Schlagzeuger Mario Hänni wird der Sound flexibler und lebendiger. Dazu spielt Hunger vermehrt Gitarre, die akustische wie die elektrische, und setzt sich mit noise-artigen Einlagen auch solistisch in Szene. Der Sound wird justiert, zwischen akustischen und synthetischen Klängen wird ein Gleichgewicht hergestellt. Sophie Hunger bricht aus dem selbst gebauten Gefängnis wieder aus.

Es ist eine Erlösung für Band, Bandleaderin und Publikum. Und musikalisch geschickt: Denn so kann sie auch ihr altes Repertoire integrieren. Der Sound bleibt homogen. Bemerkenswert ist der mehrstimmige Gesang. Im Wechselgesang mit Marielle Chatain entstehen sogar magische Momente. Reizvoll ist auch die seltene Kombination von Flügelhorn und Baritonsax.

Die Bandleaderin ist in ihrem neuen Programm präsenter denn je. Bei ihrem Heimspiel in der Roten Fabrik wirkt sie locker und gelöst. Doch es dreht sich alles um sie. Klar, sie macht das gut. Und doch könnte der Kontrollfreak auch mal loslassen. Keyboarder Alexis Anérilles erhält erst im zwölften Stück solistischen Auslauf. Toll! Prompt erhält er den grössten Szenen-Applaus. Doch es bleibt die Ausnahme. Von Marielle Chatain hätten wir gern mehr gehört, vielleicht vom imposanten Baritonsax. Oder auch von Hänni. Bei solchen Musikern könnte sich die Bandleaderin schon mal eine Auszeit leisten.

Doch insgesamt ist der Live-Test von «Molecules» gelungen. Sechs Zugaben sprechen eine eindeutige Sprache. Die Zürcher lieben ihre Sophie immer noch.

Live 13. 12. Kaserne Basel; 14./15. 12. Dachstock Bern (ausverkauft).