Kurlig? Verschroben? Gewiss, das passt zu Dirigent Roger Norrington. Er kann es sich leisten. Genau wie der 85-jährige Nikolaus Harnoncourt gehört auch Norrington zu den Legenden, zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis: Zu jenem Kreis, der es schaffte, mit dem historisch informierten Musizieren – mit dem Spiel auf Darmsaiten, dem Quellenstudium und den Original-Instrumenten – in die Klassikwelt einzubrechen, sie zu erobern. Norrington wurde noch dazu weltberühmt für das vibratolose – oder vibratoreduzierte – Spiel: Der Streicherklang wird dabei nicht durch das kunstvolle Zittern der Finger romantisch goldglänzend aufgeladen, sondern verbleibt in seiner farbenfrohen Unschuld.

All das durften die Zürcher vier Jahre lang bestaunen – oder eher ein kleiner Teil von ihnen. Denn Fuss fassen in der Stadt konnte Norrington als Principal Conductor des Zürcher Kammerorchesters nie. Das ZKO blieb in der öffentlichen Wahrnehmung abgeschlagen das dritte Zürcher Orchester.

Eigentlich eigenartig, denn das ZKO ist geradezu der zeitgemässe Richtigmacher unter den Orchestern: Bei einem ZKO-Konzert spricht – Schwellen zertrümmernd – zuerst der 1. Geiger, alsbald der Dirigent locker zum Publikum, beim ZKO gibts die originellsten Einführungen, die meisten Kinderkonzerte, die angesagtesten Solisten, spannende, zwischen Barock und Moderne wirbelnde CDs und nach den Konzerten einen vom Sponsor offerierten Apéro. Es nützt nicht immer: Wenn wie vorgestern Dienstag der Principal Conductor Norrington ein reines Mozart-Programm dirigiert – an Mozarts Geburtstag, am 27. Januar! –, sollte doch der Tonhalle-Saal nicht bloss zu dreiviertel, sondern brechend voll sein.

Humor und Sarkasmus

Eigenartig, dass es die ZKO-Führung nicht schaffte, dieses Kaliber Norrington besser zu verkaufen. Ende September, beim ersten Konzert dieser Saison wurde man dann aber auch noch von Norrington überrumpelt . . . Nach der Pause wandte sich der 80-jährige, zum Sarkasmus neigende Dirigent ans Publikum und sagte: «Das ist meine letzte Saison als Principal Conductor des Zürcher Kammerorchesters.» Peng! Damit hatte keiner gerechnet.

Zwar wird Norrington dem Orchester verbunden bleiben, aber er wird seine sowieso schon minimale Anzahl von fünf Konzerten reduzieren, wie Geschäftsführer Michael Bühler der «Nordwestschweiz» sagt.

Wer das Konzert an Mozarts Geburtstag hörte, wird den Schritt bedauern: Gerade so eine coole Vaterfigur tut einem nach Identität suchenden Orchester gut. Wer wagt es denn noch, ein reines Mozart-Programm zu spielen. Norrington scheut sich dabei auch nicht vor den Sinfonien des 10-Jährigen. Der Brite tut gar nicht so, als seien das die grössten Meisterwerke – er spielt sie aber mit Ernst, was Erstaunliches zutage fördert. Nachher bei der grossen Es-Dur Sinfonie, KV 543, gerät bisweilen zu Schönes im Schwung ungenau, aber mitsamt der Einleitungsworte wird klar: Hier wird kein schöner Mozart-Istzustand beschworen, sondern ein Experiment gewagt. Famos ist das unter dem Strich. Und wenn in Mozarts 26. Klavierkonzert der Solist Francesco Piemontesi zusammen mit Norrington mitten im Orchester sitzt, wird das kammermusikalische Musizieren geradezu beschwört. Darauf muss sich ein Pianist erst mal einlassen. Der Tessiner meisterte die Aufgabe grossartig.

Doch wie weiter nächstes Jahr? Ist der Bruch gar gut? Gibts einen erneuten, diesmal richtigen Neuanfang?

Bald ein dirigierender Solist?

Wer will, dass das ZKO mit einem neuen, eher jüngeren Chef tatsächlich aus dem Schatten der zwei anderen Zürcher Orchester tritt, der wird Norringtons Abschied sogar begrüssen. Doch Kammerorchester sind heikle Organisationen. Rundum zeigt man, dass ein fixer Chefdirigent mit grossem Namen zwar durchaus Identität und Publizität schaffen kann, aber das ist gar nicht immer notwendig. Zu gerne zeigen sich moderne Solisten – vor allem Geiger und Pianisten, aber auch Flötisten wie Bruno Meier oder Maurice Steger – bereit, jene Orchester, bei denen sie als Solisten engagiert werden, gleich selbst zu dirigieren.

Wenn beim ZKO tatsächlich ein Solist der nächste künstlerische Leiter sein würde, müsste es ein grosser Name sein. Nur so ist neues (Sponsoren)Geld, mehr Publikum und internationale Aufmerksamkeit zu generieren. Vielleicht wird der glamouröse Geigenhansdampf in allen Gassen Daniel Hope, ZKO-Artiste-in-Residence, schon bald diese Rolle übernehmen. Oder besinnt man sich auch auf einen Zürcher? Blockflötenstar Maurice Steger dirigiert jedenfalls auch immer öfters Kleinformationen.

Die Chance, mit einem jüngeren Dirigenten das Profil nachhaltig zu stärken – und endlich auch international ein richtig grosser Player zu werden –, besteht durchaus. Gerade italienische Dirigenten, die in der Barockmusik starke Akzente setzten und dann in die Welt der grossen Sinfonieorchester aufbrachen, gäbe es einige – auch Stars mit Profil: Fabio Biondi (er leitet das ZKO am 2. Juni!), Andrea Marcon, Rinaldo Alessandrini, Federico Maria Sardelli und Riccardo Minasi wären gleich fünf dieser angesagten Namen.

Wie fruchtbringend und werbewirksam ein solcher Charakterkopf sein kann, beweist das Kammerorchester Basel mit Giovanni Antonini. Halb hilft er heute dem Orchester zu Ruhm, halb half ihm das Orchester dazu.

ZKO-Konzerte mit Daniel Hope 24. 2., 24. 4. ZKO-Konzerte mit Norrington 28. 3. und 23. 6.