«Immer Opposition gegen alles Traditionelle!» So lautet eine Parole des Basler Komponisten Jacques Wildberger (1922 – 2006), der zuerst Kampflieder schrieb und sich im kommunistischen Widerstand engagierte: Ab 1944 war er drei Jahre lang Mitglied der Partei der Arbeit (PdA). «Wir wollen zusammen marschieren / wir Stempelbrüder, wir Männer vom laufenden Band». Vertonungen von Texten dieser Art für das Basler Arbeiterkabarett «Scheinwerfer» prägten die ersten Jahre seines kompositorischen Schaffens.

Gegen den Strom

Auch nach dem Austritt aus der PdA schwamm Wildberger gegen den Strom. Die Zwölftonmusik – «richtige Widerstandsmusik» – hatte es ihm angetan. Als er in der Nachkriegszeit mit Wladimir Vogels Musik in Berührung kam, wandte er sich an den russischen, im Tessiner Exil lebenden Komponisten, um sich in der zwölftönigen Kompositionstechnik unterrichten zu lassen. Von 1949 bis 1952 widmete sich Wildberger dem Studium dieser Technik, die für ihn «die einzig begründbare Sprache» darstellte.

Allerdings stiessen seine zwölftönigen Kompositionen in der Schweiz auf Unverständnis. Auch bei grossen Namen in der Schweizer Musikszene, beispielsweise dem Dirigenten und Musikmäzen Paul Sacher, fanden Wildbergers Zwölftonwerke keinen Anklang, seien nur «kunstgewerbliche Spielerei», so Sacher. Wildbergers Nachlass liegt denn heute nicht im Archiv der Paul Sacher-Stiftung, sondern wird in der Universitätsbibliothek Basel gepflegt und in einer Ausstellung der Öffentlichkeit erstmals präsentiert.

Von Pierre Boulez geschätzt

Die Musik Wildbergers stiess allerdings nicht nur auf Ablehnung: Pierre Boulez beispielsweise schätzte das Schaffen des Baslers. Wildbergers Oeuvre ist vielfältig, spannt den Bogen über verschiedenste Kompositionstechniken und Stile: Neben Kampfliedern im Stile Hanns Eislers, zwölftönigen Stücken und serieller Musik à la Boulez sowie Musik-Collagen finden sich darin ebenso grosse Orchesterkompositionen mit Elektronik.

Für Wildberger war stets von zentraler Bedeutung, Musik aus seiner Zeit zu schaffen. Doch macht ihn das zum Anti-Traditionalisten? Keineswegs, denn ihm ging es «nicht darum, Tradition zu brechen oder zu bewahren, sondern darum, Tradition zu schaffen.» Gegen die Bezeichnung «Avantgardist» sträubte er sich, er wollte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Jedoch war er gerade in avantgardistischen Kreisen etabliert: «Seine Musikalität und sein Können wurden in den Kreisen der Neuen Musik immer geschätzt», meint der Komponist Daniel Weissberg, Schüler und Freund von Jacques Wildberger.

1973 wurde das Stück «… die Stimme, die alte, schwächer werdende Stimme …» für Orchester, Sopran und Tonband vor dem Abopublikum der allgemeinen Musikgesellschaft in Basel uraufgeführt. Am Schluss des Stücks verstummt das Orchester und lediglich Tonbandstimmen bleiben hörbar. «Dies war seitens Wildberger ein bewusster Affront. Er hat sich nicht gefragt: ‹Wie kann ich das Publikum schockieren?›, wusste jedoch, dass das AMG-Publikum nicht vorbereitet sein würde auf solche Eindrücke. Aber das war ihm egal», erzählt Weissberg. Immer blieb Wildberger dieser querdenkerischen Haltung treu.

Ein offener Lehrer

Nach siebenjähriger Tätigkeit an der Karlsruher Musikhochschule folgte 1967 ein Stipendium in West-Berlin. Die aufkommende 68er-Bewegung brachte Wildberger dazu, wieder politische Musik zu machen. Er trat in Kontakt zu Hans Magnus Enzensberger, liess den Literaten Texte auf Tonband sprechen, um sie in seine Musik zu integrieren. Wildberger lehrte von 1966 bis 1987 an der Musik-Akademie Basel. Wildberger sei ein offener Lehrer gewesen, sagt sein ehemaliger Schüler Weissberg: «Er war immer interessiert an Ideen und Meinungen von den Studenten und ging auf diese ein. Es handelte sich dabei nicht um einen pädagogischen Trick, sondern um echtes Interesse.»

Nach seiner Pensionierung 1987 blieb Wildberger bis zu seinem Tod im Sommer 2006 in Riehen wohnhaft. Er komponierte weiterhin, wandte sich Experimenten mit Sechsteltönen und Synthesizer zu, schrieb gar ein riesig besetztes Concerto per orchestra. Bis zum Lebensende entstand ein Gesamtwerk aus über 70 Stücken verschiedenster Besetzungen und Stilrichtungen, das vor Einfallsreichtum nur so sprüht.