Auch Kulturmanager haben ihre Mantras. «Wenn die Menschen nicht zur Kultur kommen, muss die Kultur zu den Menschen», ist so ein erklärter Lieblingssatz. Total zeitgeistig, hochaktuell und rasend innovativ. Dazu passt bestens, dass im Musiktheater «Tonhalle. Eine Selbstbehauptung», das in Rümlingen seine Schweizer Erstaufführung feierte, ein (waschechter) Kulturwirt als zentrale Figur den Laden schmeisst. Und alles könnte total speditiv und schlüssig aufgehen, ja, es könnte sogar die ultimative Formel zur noch ultimativeren Verbreitung von Zeitgenössischer Musik gefunden werden, wenn da nicht ein kleiner Haken wäre.

Der Haken heisst Häusermann. Mit vollem Namen Ruedi Häusermann. Und beim Theatermann und Komponisten ist eben nichts speditiv und schlüssig. Denn da menschelt es und musiziert es an allen Ecken und Enden.

Wobei diese Ecken und Enden in Rümlingen ziemlich überschaubar sind. Denn «Tonhalle» ist nicht nur der Titel von Ruedi Häusermanns neuem Musiktheater, sondern auch dessen Protagonist. Der hat die Form eines klassizistischen Prestige-Baus, gefertigt aus Sperrholz und Pappe, mit einer Grösse von 2,75 mal 5,25 mal 2 Metern und einem 16-plätzigen Konzertsaal, «der eine hervorragende Auslastung aufweist», so der Kulturwirt (Thomas Douglas) im Stück. Bespielt wird er vom Hensode-Quartett (Sara Hubrich, Josa Gerhard, Benedikt Bindewald und Christoph Hampe). Das Ziel? Vom «Schutzraum der Neuen Musik» ins «Gewühl der Leute» vorzudringen und «darauf hinzuweisen, dass wir mit unserer Kunst auch inmitten der Gesellschaft sind und Erkenntnisse vorzuweisen haben, die von breitem Interesse sein könnten.»

Doch da zeigt sich schon der nächste Haken. Denn «mitten in der Gesellschaft» heisst auch «mitten im Verkehrslärm, mitten unter kotenden Vögeln und neben knurrenden Hunden, mitten im Überangebot und der Konkurrenz anderer Konzertveranstalter. Da prallen also innen und aussen, Menschen und Musik, Umgebung und Eingebung, Tonhalle und Dorfbewohner aufeinander, vermischen sich so virtuos, wie das wohl nur bei Ruedi Häusermann möglich ist, einem der grossen Meister im Emulgieren von scheinbar Unvereinbarem.

Derweil nimmt das Konzert in der hehren Tonhalle seinen Lauf. Werke werden da zu Gehör gebracht mit den poetischen Titeln «Der Taubenhaucher», «Die Schönheit der Glocke» oder «Quartett No 2 a und b». In schönster Häusermann-Tradition steht auch der «Aussenweltmanipulator» des Quartetts oder dass dieses, wenn es «mit dem Radio spricht», wortwörtlich mit einem Radiogerät als sein Gegenüber redet.

Undramatisch und theatral

Wie aber klingt diese Musik, die mitten in die Gesellschaft will? Undramatisch und gleichzeitig theatral. Es ist eine Musik, die nicht sich selbst in Szene setzt, sondern vielmehr die Szene inszeniert. Anfangs umkreisen und umspielen dabei die Quartettisten einen zentralen Ton. In Halbtonschritten suchend, tastend. Satte Klänge, süffige Melodien, strahlende Brillanz muss man suchen, als zeige die Musik – unverhofft in der Menge der Menschen gelandet – auf einmal ebenfalls menschliche Schwächen: Mal schüchtern werdend oder ein andermal verunsichert. Dann jeweils knarzen und knorzen die Instrumentalisten mit ihren viel zu stark auf die Saite gepressten Bögen herum und bringen nur noch Kürzest-Töne hervor.

Bloss die Sequenz «Wir sind immer für Sie da», walzert im schallend überoptimistischen Tonfall einer Fernsehwerbung von anno dazumal vor sich hin. Kein Wunder. Sie ist ja auch als Werbung gedacht. «Sie können jetzt Ihr Handy hervornehmen. Halten Sie es bitte quer, damit der Raum zur Geltung kommt», leitet Thomas Douglas das Publikum zum virtuell wirksamen Mitschnitt an. Denn wer heute der Uraufführung von Neuer Musik im noch so kleinen Kreis beiwohnt, steht ohnehin mitten in der Gesellschaft und kann via Social Media die ganze Welt am Ereignis Teil haben lassen. Aber das muss man Häusermanns entgrenzter Tonhalle zu allerletzt sagen.