Es gehört zu den Freuden eines ausklingenden Jahres, die nach und nach eintreffenden Programme der Museen, Kunsthäuser und Kunsthallen zu sichten. Was bescheren sie uns im neuen Jahr? Was tragen wir in die Agenda ein? Wer verspricht uns neue Erkenntnisse, wer bringt Malerei nach unserem Gusto, wer spannende Entdeckungen, wo werden wir neue Tendenzen sehen, wo können wir das Weiterentwickeln eines Lieblingskünstlers verfolgen, wo uns mit einer Retrospektive endlich umfassend über eine uns wichtige Künstlerin informieren?

Doch in die Freude mischt sich diesmal auch Ärger, fallen uns doch auch Defizite auf. Vor allem zwei: Wo bleibt die Auseinandersetzung mit Schweizer Kunstschaffenden der mittleren Generation? Und warum wagt sich kaum ein Haus an kunsthistorisch relevante Themen-Ausstellungen?

Die Grossen

Die grossen Ausstellungen gehören meist den Grossen. Oft den grossen Toten, den sicheren Blockbustern. 2018 feiert man Ferdinand Hodler (100. Todestag) in Bern und Genf und Cuno Amiet (150. Geburtstag) in Solothurn. Natürlich zu Recht – und hoffentlich schön üppig, haben die beiden Maler doch nicht nur der Moderne in der Schweiz einst den Boden geebnet, sondern die Schweizer Kunst auch nach aussen getragen. Deshalb wurde Hodler, der im Kunstmarkt teuerste Schweizer, schon 2017 in Bonn und wird er 2018 auch in Wien geehrt. Als Schweizer Exportschlager des 18. Jahrhunderts kann man Johann Heinrich Füssli betrachten – ihm widmet das Kunstmuseum Basel unter dem Titel «Drama und Theater» seinen diesjährigen Exkurs in die frühere Kunstgeschichte.

Import ist in der Schweizer Kunstlandschaft aber häufiger als Export. Das gilt einerseits für die grossen Toten, für die Blockbuster: 2018 feiert das Kunsthaus Zürich Oskar Kokoschka, das Kunstmuseum Basel Picasso beziehungsweise den 50. Jahrestag der legendären Picasso-Schenkung, und das Zentrum Paul Klee in Bern zeigt den deutschen Expressionisten Emil Nolde. Für Gesprächsstoff wird die Fondation Beyeler sorgen, wenn sie von Balthus nicht nur die geheimnisvollen Stadtbilder, sondern auch die – je nach Leseart unterschwellig erotischen oder pädophil anrüchigen – Mädchenbilder zeigt. In New York verlangen Kritikerinnen ja bereits, dass Bilder des polnisch-französischen-schweizerischen Künstlers abgehängt werden.

Die Stärke der Provinz

Ein Import-Überschuss ist auch bei den Zeitgenossen deutlich auszumachen. Wir haben nicht gezählt, wie oft in den Programmen der wichtigsten Häuser der Satz steht: «Wird zum ersten Mal in der Schweiz präsentiert». Im Import-Sektor scheint ein wahrer Wettlauf zu spielen. Nichts gegen die Weltoffenheit der Schweizer Kuratorinnen und Kuratoren, schliesslich wäre eine reine Nabelschau nicht nur engstirnig chauvinistisch, sondern angesichts der globalisierten Welt und des international gut platzierten Kunsthandelsplatzes Schweiz ziemlich peinlich. Schade nur, bleiben dabei die Schweizer auf der Strecke. Wer gerne verfolgt, was die hiesigen Künstlerinnen und Künstler der mittleren Generation über Jahrzehnte kontinuierlich geschaffen haben, woran sie im Moment gerade arbeiten, muss sich mit Amuses bouches an den Jahresausstellungen begnügen.

Wer sucht, wird fündig

Es sei denn, man sucht und reist: Fündig wird, wer die kleineren Häuser berücksichtigt: Biel, Chur, Nidwalden und vor allem Solothurn. Zürich? Fehlanzeige. Basel? Hier richten immerhin das Kunsthaus Baselland mit der ersten Museumsschau der Objektkünstlerin Esther Hunziker und das Museum Tinguely mit dem versponnenen Installationsduo Gerda Steiner/ Jörg Lenzlinger den Blick in die Nähe. Die Plastikerin Sara Magüser und die Fotografen Daniel Schwartz und Gaudenz Signorell haben Auftritte im Bündner Kunstmuseum in Chur.

Besonders freuen wir uns auf die Videoarbeiten von Judith Albert und Anne Sauser-Haller ab Ende Januar in Solothurn. Der Titel ihrer Schau «Continuo» klingt wie das Programm des Hauses. Denn mit Elisabeth Strässle, Bernard Voïta und Ian Anüll sind weitere spannende Schweizer Positionen programmiert. Ausstellungen, die im Zusammenspiel mit den Künstlern entstehen und vereinzelt gar als Fortsetzungen über Jahrzehnte angelegt sind.

Wenig zu klagen über Förderung und Aufmerksamkeit hat der Nachwuchs. Er bekommt seinen Auftritt nicht nur an Diplomausstellungen oder Gruppenschauen, sondern hat in zehn Institutionen seinen fixen Startplatz dank der Manor-Kunstpreise, die zweijährlich regional vergeben werden. Aber, und davor seien sie gewarnt – wer es nachher nicht subito aufs internationale Parkett schafft, der fällt in das oben beschriebene Aufmerksamkeits-Vakuum.

Ehre, wem Ehre gebührt

In der Wirtschaft mögen Ü-50-Menschen ausrangiert werden, in der Kunst ist je länger, je mehr gefragt, wer über 70 oder gar über 80 ist. In Basel richten Beyeler und Kunstmuseum im Januar eine grosse Sause zum 80. Geburtstag von Georg Baselitz aus. Der Deutsche stellte ja nicht nur die Figuren in seinen Gemälden auf den Kopf, sondern schrieb in den 1980er-Jahren im Zuge der Neuen Wilden mit seinen expressiven Malereien und rohen Skulpturen Kunstgeschichte.

Bereits 85-jährig wird Sam Gilliam, um 1970 einer der radikalsten Abstrakten der USA. Werke aus diesen entscheidenden Jahren präsentiert uns ebenfalls das Kunstmuseum Basel. Bereits 92-jährig ist die gebürtige Libanesin Etel Adnan, die als Schriftstellerin zwischen den USA, Paris und Beirut pendelt, deren malerisches Œuvre erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde. Ihre fröhlichen, von Paul Klee inspirierten Werke werden im Sommer im Zentrum Paul Klee gezeigt. Ebenfalls eine mehr als späte, aber dafür poppig-bunte Entdeckung verspricht das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich mit der über 80-jährigen Peruanerin Teresa Burga.

Es mag makaber klingen, aber manchmal ist auch der Tod eines Künstlers Anstoss, endlich oder endlich wieder einmal ein Lebenswerk zu sichten, die nahe Erinnerung zu nutzen. Hier nur der Hinweis auf zwei so grandiose wie eigenwillige Kunstschaffende. Auf die 2014 verstorbene österreichische Malerin Maria Lassnig, die radikal und konsequent Körper und Körpererfahrungen in Bilder umzusetzen vermochte. (Gemälde im Kunstmuseum St. Gallen, Papierarbeiten im Kunstmuseum Basel). Dem international wohl berühmtesten Schweizer Fotografen der Neuzeit, Balthasar Burkhard (1944–2010) und seinem Werk aus fünf Jahrzehnten widmen die Fotostiftung und das Fotomuseum in Winterthur eine gemeinsame Übersichtsausstellung.

Mode, Visionen und Blumen

Und wo bleiben die thematischen Ausstellungen, die kunsthistorischen Schau- und Erklärstücke? Das Kunstmuseum Bern zeigt bis März das Gurlitt-Erbe und tauscht ab März mit Bonn die «Bestandesaufnahme Gurlitt» aus, damit man auch hierzulande die Schau zum Thema Raubkunst sehen kann.

Das Aargauer Kunsthaus macht sich nach der erfolgreichen «Swiss Pop Art» von 2017 auf die Suche nach dem «Surrealismus Schweiz». Man will zeigen, dass neben den allseits bekannten Salvador Dali und René Magritte diese Kunst der Fantasie und abgründigen Visionen auch zahlreiche Künstler in unserem Land bis in die 1950er-Jahre, teilweise darüber hinaus beschäftigte.

Bei den meisten anderen Themen-Ausstellungen spürt man den Willen, populär zu sein: Der Liebe im medialen Zeitalter spürt das Haus für elektronische Künste in Basel nach und Basler Geschichten sucht das Kunstmuseum in seiner Sammlung. Der chaotischen «République Géniale» von 1968 huldigt das Kunstmuseum Bern, das Kunsthaus Zürich will mit «Fashion Drive», mit 500 Jahre Modegeschichte in der Kunst, beim Publikum punkten – und das Aargauer Kunsthaus wird das garantiert wieder mit der Floristenschau «Blumen für die Kunst» schaffen.