Das Rätstelraten hat ein Ende: Der Verwaltungsrat des Locarno Festival hat Lili Hinstin an seiner Sitzung vom Freitag einstimmig zur neuen künstlerischen Leiterin ernannt. Die Französin tritt am 1. Dezember 2018 die Nachfolge von Carlo Chatrian an, der die künstlerische Leitung der Berlinale übernimmt.

Seit der Bekanntgabe von Chatrians Abgang nach Berlin wurde spekuliert, dass nach dem 46-jährigen Italiener eine Frau die Leitung des Festivals übernehmen könnte. Doch mit Hinstin hatte kaum jemand gerechnet. Als Favoritin für Chatrians Nachfolge wurde in den Medien vor allem Seraina Rohrer, Leiterin der Solothurner Filmtage, gehandelt. Viele sahen in der Zürcherin die logische Wahl. Unter ihrer Führung wurde die Werkschau frischer, jünger und weiblicher. Zudem spricht sie fliessend Italienisch und leitete mehrere Jahre das Pressebüro des Locarno Festival. Nebst Rohrer kursierten auch die Namen von Nicole Reidhard (Leiterin Bildrausch Festival Basel) und Anaïs Emery (Leiterin NIFFF in Neuenburg) als mögliche Nachfolgerinnen.

Auf Rückfrage antwortete Seraina Rohrer, dass sie eigentlich nicht auf der Suche nach einer neuen Herausforderung gewesen sei, die Position der künstlerischen Leitung in Locarno aber auf jeden Fall spannend gewesen wäre. «Gerne leite ich aber auch weiterhin die Solothurner Filmtage und setze mich mit Engagement für den Schweizer Film ein.» Sie freue sich, dass eine Frau die Leitung von Locarno übernimmt, so Rohrer. «Diversität ist wichtig und es ist höchste Zeit, dass sich mehr Frauen an solchen Positionen befinden. Ich möchte Lili Hinstin an dieser Stelle ganz herzlich gratulieren und wünsche ihr viel Erfolg. Ich habe sie letztes Jahr an den Solothurner Filmtagen persönlich kennen gelernt, sie ist eine kompetente Fachfrau.»

Nach der Italienierin Irene Bignardi, die von 2000 bis 2004 das Festival leitete, steht mit Hinstin nun zum zweiten Mal eine Frau an der Spitze. Lili Hinstin (geb. 1977) leitet seit 2013 das Entrevues Belfort Festival International du Film. Nach einem Studium der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften an den Universitäten von Paris und Padua gründete sie 2001 die Produktionsfirma Les Films du Saut du Tigre. Von 2005 bis 2009 verantwortete Lili Hinstin die Filmaktivitäten der Französischen Akademie in Rom und war von 2011 bis 2013 als stellvertretende künstlerische Leiterin des Festivals Cinéma du Réel in Paris tätig.

Ausserhalb der Filmszene ist Hinstin ein relativ unbekannter Name, doch Kenner schätzen ihr Auge für kleine, aber feine Filme. In dieser Hinsicht gleicht sie ihrem Vorgänger Carlo Chatrian. Mit dem Glamour der Piazza Grande freundete sich der Italiener hingegen nie richtig an. Es dürfte spannend werden, ob Hinstin der Hollywood-Glitzer mehr behagt.

In einer Medienmitteilung sagte der Präsident Marco Solari zur Wahl: «Lili Hinstins Profil entspricht genau unseren Ansprüchen an die künstlerische Leitung des Locarno Festival. Die Entwicklung eines Festivals ist nie linear, sie verläuft in Etappen und unser nächstes Ziel ist die 75. Festivalausgabe. Wir wollen im Jahre 2022 ein Festival feiern, welches, ohne seine Geschichte zu verleugnen fähig ist, die gesellschaftlichen Veränderungen vorwegzunehmen. Voraussetzungen dafür sind hohe Sensibilität und Kompetenz der künstlerischen Direktion, gepaart mit maximaler Effizienz der operativen Leitung».

Die neue Festivalleiterin sagte in einer ersten Stellungnahme zu ihrer Ernennung: «Ich bin glücklich, die künstlerische Leitung des Locarno Festival übernehmen zu dürfen. Dieses Festival ist im Laufe der Jahre für alle, die das Kino und den Autorenfilm lieben, zu einem wahren Treffpunkt geworden. Ich werde mit viel Begeisterung und meinen bisherigen Erfahrungen alles daransetzen, dieses Festival der Freiheit und Entdeckungen weiterzuentwickeln».

Hinstin wird bereits vor ihrem offiziellen Amtsantritt im Dezember mit den Vorbereitungen für die 72. Ausgabe des Locarno Filmfestival (7. bis 17. August 2019) beginnen.