Eigentlich riecht die Schweiz gar nicht übel. Irgendwie frisch und luftig, feine Noten nach Alpenwiesen, roten Beeren und hellen Hölzern glaubt man, herauszuspüren. Und war da nicht auch eine Prise Geld? Wüsste man nicht, dass die Lobby des Swissôtels in Berlin «beduftet» ist, würde man die Noten ehrlicherweise wohl nicht wahrnehmen. Was natürlich ganz bewusst geschehen ist, wie es von der Direktion heisst.

Wie aber kann man den typischen Schweizer Duft überhaupt einfangen? «Kein Problem», lacht die Duftforscherin Sissel Tolaas und schüttelt ihre blonde Mähne. Im Auftrag von Swissôtel machte sie sich vor ein paar Jahren auf die Pirsch, schnupperte Schnee und Wiesen, Abwasserschächte und Geld – bewaffnet mit einem ulkigen Gerät. Dieses steht jetzt vor ihr auf dem Besprechungstisch in ihrem Atelier im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Wilmersdorf: ein kleiner blauer Kasten, an dem ein Schlauch mit Aufsatz baumelt.

Die Duftforscherin hantiert wild damit herum, während sie den Vorgang ihres Headspace-Gerätes erklärt. Per Vakuum saugt Sissel Tolaas damit Duftmoleküle von Hauswänden, Parkbänken, Telefonhörern, Kleidungsstücken oder auch Haut. In einem nächsten Schritt zerlegt ein Chromatograf in ihrem Labor die Gerüche in ihre chemischen Einzelteile. Diese baut sie dann synthetisch nach – und bewahrt sie auf.

Gerüche werden anerzogen

Als Duftforscherin und Konzeptkünstlerin spürt die 50-jährige gebürtige Norwegerin Gerüche auf, denen wir sonst wenig Bedeutung beimessen – oder die wir als unangenehm bezeichnen. «Es gibt keine guten und schlechten Gerüche, alles duftet auf seine Weise reizvoll – selbst ein toter Körper», behauptet Sissel Tolaas. Es habe auch bei ihr einige Jahre gebraucht, bis sie völlig neutral an Düfte herangehen konnte. Selbst Körperschweiss oder Hundekot kann sie heute problemlos riechen. «Wenn wir einen Käse riechen, finden wir ihn auch gut. Dabei sind fast die gleichen Komponenten drin wie bei Fussschweiss.» Unser Urteil über Gerüche sei keine genetische, sondern eine anerzogene Sache, schliesst sie daraus.

Sie stöckelt ins Nebenzimmer, wo ihr Labor untergebracht ist. Die Wände sind vollgestellt mit Regalen, wo Flacons, Fläschchen und Zylinder aufgereiht sind, rund 7000 Stück. Sie greift nach einem Fläschchen mit dem Fussschweiss von David Beckham, betupft einen Papierstreifen und hält ihn der Besucherin unter die Nase. Wirklich schlimm riecht er erstaunlicherweise nicht.

Sissel Tolaas will den Niedergang der Nase stoppen. «Wir haben es heute verlernt, unsere Nase zu benutzen», redet sie sich in Verve, fällt dabei immer wieder ins Englische und springt schon wieder auf, weil sie unbedingt noch einen anderen Duft zeigen will. Diesmal ist es Wal. Diesen Duft mag die ungeübte Nase doch schon entschieden weniger zu schätzen – und man weicht unweigerlich zurück.

Die Duftexpertin aber ist schon beim nächsten Thema. Sie verstehe sich als eine Vorkämpferin für den eigenen Körpergeruch. Es sei doch schrecklich, wie die Menschen ihren eigenen Körperduft entfernen würden mit Deos, Weichspüler und Parfums. «Wir wissen ja kaum mehr, wie wir selbst wirklich riechen. Dabei essen wir mit der Nase, suchen unsere Partner mit der Nase aus.» Der Mensch habe das Potenzial, 10 000 Düfte unterscheiden zu können, während das menschliche Auge lediglich einige hundert Farben unterscheide, doziert sie weiter. «Wir haben nicht nur in der Nase Rezeptoren, auch auf der Haut, überall können wir auf Düfte reagieren.» Aber wir benutzen lediglich 20 Prozent davon.

Längst ist die Industrie auf diese Querdenkerin aufmerksam geworden. Das New Yorker Unternehmen International Fragrances and Flavour etwa hat ihr das Labor in Berlin bereitgestellt. Für sie arbeitet sie an der Zukunft. «Duftmoleküle könnten dereinst bei der Identifikation eingesetzt werden: Körpergeruch statt Fingerabdruck.» Düfte könnten dereinst auch sinnvoll sein bei der Therapierung von Kriegstraumatisierten, blickt sie weiter in die Zukunft.

Unsichtbare Kommunikation

Ein weites Feld, das sich da öffnen könnte. Deshalb ist ihr Wissen auch sehr gefragt. An der Faculty of Research der Harvard Business School lehrt sie «unsichtbare Kommunikation». Ihre Auftraggeber sind Multis wie Adidas oder Johnson & Johnson, aber auch Banken. Die studierte Mathematikerin und Chemikerin ist deshalb eine Vielreisende. Gerade ist sie auf dem Sprung nach New York, wo sie am World Science Festival über Gerüche referiert. Dann reist sie nach Polen weiter, um einen Workshop für Kinder durchzuführen. Dazwischen wird sie in Berlin eine Duftführung durch die Stadt machen.

Inzwischen hat sich der Raum mit einem Duftgemisch aus Basilikum, Fussschweiss, Nordseeluft, Rosen und Hundekot gefüllt. Eine Fülle, die man schlecht aufs Mal verträgt. Man ist deshalb nicht unglücklich, den Raum wieder verlassen zu können. Nur noch hinaus – ab in die frische Berliner Stadtluft. «Gehen Sie zur Jannowitz-Brücke», ruft sie hinterher. «Dort riecht Berlin noch richtig nach DDR.»