«Treten Sie ein – lassen Sie sich verzaubern!» Fast hört man einen imaginären Zirkusdirektor rufen, wenn man die Treppe zum Textilmuseum St. Gallen hochsteigt. Es hat sich in einen Zirkus verwandelt: «Mode Circus Knie» heisst die aktuelle Ausstellung.

Bunt, glitzernd, überbordend bis zur optischen Überforderung ist alles da, was die Zirkuswelt ausmacht. Vom weichen Teppich am Boden, von Wänden voller Plakate, dem Samtvorhang, den Scheinwerfern. Die Illusion ist fast perfekt.

Es fehlen nur die Artisten, doch sie taugen nicht fürs Museum. Geblieben sind ihre Kostüme aus 100 Jahren Circus Knie – eine Augenweide.

Dass es nicht nur darum geht, wer am schönsten über das Hochseil tänzelt, sondern auch darum, wer daraus das grösste Spektakel macht, hat die Familie Knie früh begriffen. Schon vor 1900, als die Knies noch als Strassenzirkus über die Dörfer tingelten, trugen die Artisten auffällig bestickte und mit bunten Pailletten geschmückte Gewänder.

Mit den Kostümen definieren die Artisten nicht nur ihre Rolle – die Seiltänzer in knappen Höschen, die Clowns in weit geschnittenen Gewändern, die Akrobatinnen in Tutus – sie sollen Blicke auf sich ziehen. Mit ihrer Buntheit, mit nie gesehener Exotik und Erotik. Im Zirkus traten Frauen in glitzernden, hautengen Bodys auf, als es den Damen auf den Zuschauerbänken noch nicht einmal gestattet war, eine Hose zu tragen.

Der Druck aus Hollywood

Lange bevor Film, Radio und Fernsehen die Kinos und Wohnzimmer eroberten, war der Zirkus die grösste Unterhaltungsbranche der Welt. In Amerika gab es im Jahr 1905 fast hundert Zirkusse, die bis zu 20 000 Menschen pro Tag unterhielten. Die grössten, etwa der «Barnum & Bailey Circus», reisten mit 80 Eisenbahnwagen durchs Land und präsentierten ihre «Biggest Shows on Earth» in drei Manegen und auf vier Bühnen.

Mit dem Kauf eines Zeltes im Jahr 1919 eröffneten sich auch für die Knies neue Möglichkeiten der Inszenierung. «Im künstlichen Licht der Scheinwerfer kamen die Kostüme nun noch besser zur Geltung», sagt Martin Leuthold, Kurator der Ausstellung in St. Gallen. «Pailletten, Glasperlen, Metallröhrchen, alles, was reflektierte und glitzerte, wurde auf die Gewänder genäht.»

Doch ab 1950 wird die Konkurrenz durch den Film für die Zirkusse immer stärker spürbar. Die Traumfabrik Hollywood drohte den Zirkus in Sachen Glamour und Spektakel zu übertrumpfen.

Das Resultat sind immer noch atemberaubendere Nummern und Manegen voller wilder Tiere, voller Kostüme und reichlich Exotik. Die weiblichen Artistinnen werden wie Stars inszeniert. Die Kostüme immer farbenprächtiger und kostspieliger.

Der Glitzer hat seinen Preis

In Handarbeit in Pariser Ateliers gefertigte Kostüme sind bei den Knies bis heute ein teurer Bestandteil ihrer Programme. Bis zu 20  000 Franken wert seien etwa die mit goldener Stickerei besetzten Anzüge, welche Géraldine und Fredy Knie junior für ihre Pferdedressurnummern tragen, sagt Martin Leuthold.

Nicht viel weniger teuer und aufwendig hergestellt sind die eleganten Abendkleider und Anzüge, geschneidert nur für den Schlussapplaus in der Manege. Ein royaler Moment in Kostümen und Uniformen, mit denen man Hof halten könnte.

Nicht nur die Knies inszenieren sich als eine Art fantastische Monarchie. Schon die Namen vieler Zirkusse – Royal, Krone, Kaiser – erzählen davon. Die Artisten sind die Könige und Königinnen der Manege. Das Volk jubelt ihnen zu, die Marschmusik spielt, die Thronfolger-Kinder werden in schmucken kleinen Uniformen in der Manege präsentiert.

Im letzten Raum der Ausstellung steht man in einer Manege, umringt von einer Zirkusarmee. Fräcke, Livrees, Offiziersjacken, aufwendig geknüpft, bestickt oder geschnürt, alles in Rot, Schwarz und Gold gehalten. Königlicher Lifestyle. Ein Hofstaat der anderen Art.

Mode Circus Knie – Kostüme aus 100 Jahren im Textilmuseum St. Gallen, bis 19. Januar 2020.