Das Atelier ist, sagen wir mal, crowded. Eigentlich Englisch für «vollgestopft». Aber wirklich richtig fühlt sich diese Übersetzung nicht an, sie bleibt wie so viele Übersetzungen in ihrer Form hängen: Das Wort ist zwar in die andere Sprache gehüpft, das Gefühl dazu aber blieb zurück. Das ist wichtig zu erwähnen, besonders hier, denn wir befinden uns im Atelier von Sophie Jung, und Sophie Jung ist eine Künstlerin, die Gefühle übersetzt. Vom Objekt ins Gefühl und wieder zurück. Und zwar so, dass nichts verloren geht und alles offenbleibt. Zu kompliziert? Sie werden schon noch verstehen.

Also, crowded. Bedeutet in diesem Fall: Hier liegt viel Ramsch rum, aber er sieht aus, als wäre er zu Hause. Als wolle er genau hier sein, als müsse er hier sein, viele kleine Bewohner im Sophie Jung-Universum, einem fast quadratischen Raum mit Blick auf den Rhein. Sie heissen: rote Holzzockeln. Kleine Holzkörbe mit Zündholschachteln drin, in jedem genau eine. Flugzeugtür. Stoffmaus ohne Arme. Eisenstange zum Fahrräder anketten. Vertrockneter Schwamm auf Steinsockel. Rote Billardkugel auf Sieb auf Verkehrskegel. Isländisch Moos auf Tischplatte auf Sockel ... ah, nein, stopp, das ist ihr Arbeitstisch.

Nicht weit genug gegriffen

Daran setzt sich jetzt Sophie Jung, Jahrgang 1982, Gewinnerin eines Swiss Art Awards 2016 und heute, zwei Jahre später, des Manor Kunstpreises. Die Jury lobte die Nähe ihrer Arbeit zur Performance-Tradition in Basel, indem sie «die Performance als Bindemittel zwischen Text und Objekt» nutze. Das ist treffend gesagt, aber greift nicht weit genug. Um zu verstehen, welche Welten Sophie Jung heraufbeschwört, muss man sie sehen.

Erst mal hier im Atelier, in der Klingentalkirche auf dem Kaserneareal: die roten Zockeln, die Holzkörbe, die Flugzeugtür? Alles Protagonisten möglicher Geschichten. Jung nennt sie «Cast», also Besetzung. Aber erst wenn sie ausgewählt sind. Vorher liegen sie hier rum und warten auf ihren Auftritt. Jung stellt sie zusammen, wieder auseinander, nebeneinander, aufeinander, tagelang, bis es stimmt. Dann fängt sie an zu schreiben, automatisch, aus dem Kopf heraus. Woran erinnern sie die Zockeln, oder die Flugzeugtür, wie klingt das Wort? «Airplane door.» Air Plane. Air Plain. Plain. Don’t call me plain! Und so weiter. Jung arbeitet immer auf Englisch, es ist die Sprache ihres Ehemannes, sie ist ständig davon umgeben und doch nie ganz drin. Das ist gut, es hilft ihr dabei, eine Offenheit zu bewahren. «Wo führt das nur alles hin», denkt man oft bei ihren Performances, nicht tadelnd, sondern bewundernd: Diese Geschichten, die sich hier auftun!

Zauberspruch gegen Grüsel-Chef

Das ist der dritte Schritt in Sophie Jungs Arbeit: The Performance. Wie die Direktorin eines skurrilen Wanderzirkus steht sie mit einem Headset zwischen diesen seltsamen Objekten und webt sie nach und nach in eine Geschichte ein. In einer Vorstellung 2016 in London zum Beispiel: zwei Muscheln, eine Starbucks-Tasse, versteinerte Wurmfäkalien, Holzstäbe, eine Geisterfigur mit drei Augen. Alle vernetzt in der Geschichte um eine Rezeptionistin (Jung) mit Grüsel-Chef, die sich am Ende per Zauberspruch seiner Übertritte zu entledigen versucht.

Das klingt nach Märchenstunde, ist es auch, Jung verfällt dabei aber nie in Willkür, die Geschichte steht standhaft, und ihr Universum entfaltet sich darin wie ein Rhizom, ein Unkraut, das unaufhaltbar in alle Richtungen wuchert. Auf der Starbucks-Tasse prangt die Sirene, wie die Meerjungfrau, die ihre Brüste mit zwei Muscheln bedeckt, was der Grüsel-Chef anzüglich hinterfragt. Dazu kommt der englische Zungenbrecher «She sells seashells by the sea shore», «shore» reimt sich auf «whore», das findet der Grüsel-Chef wieder lustig und die Rezeptionistin demütigend. So geht es weiter, Assoziation um Assoziation, Objekt um Objekt. Cluster aus Bildern, Bedeutungen, Klängen. Und mittendrin Jung, die rauspickt, aufbläst, zerpflückt und zusammenstückelt, nicht nur die Objekte, auch sich selbst.

Anti, anti, anti

Sinn, das ist bei Sophie Jung augenfällig, entsteht nicht durch Konzept, sondern durch Vernetzung. Es ist wie bei den Zockeln und Zündholzschachteln: Als Objekte sind sie statisch, als Cast lebendig. Auseinandersetzung geschieht nur im Miteinander, in der Reaktion. Wenn sie auf ihre Anliegen angesprochen wird, sagt Sophie Jung: Anti-Patriarchy, Anti-Nationalism, Anti-Conclusion. Das mag ausgrenzend klingen, ist aber das Gegenteil: «Die Positiv-Haltung, etwas zu sein, bedeutet, eine Stimme zu haben. Gegen etwas zu sein aber bedeutet, viele unterschiedliche Stimmen zu haben. So entkommt man Kategorisierungen.» Keine Kategorien, keine Statik, ständige Bewegung, ständige Veränderung. Grosse Kunst. Die simple Gleichung von Sophies komplexer Welt.

Einzelausstellung Sophie Jung, im Rahmen des Manor Kunstpreises. Ab November 2018 im Kunstmuseum Basel | Gegenwart.