Die Smartphone-Branche ist bekannt dafür, dass sie jede noch so kleine technologische Neuerung als grosse Revolution verkauft. Irgendwie müssen ja die Nutzer davon überzeugt werden, dass sie ein neues Handy brauchen und ihr letztjähriges bereits wieder veraltet ist. Denn in Wahrheit sind die grossen Entwicklungsschritte weit seltener als die Gesamterneuerung der Produktepalette der Hersteller. 2019 ist deshalb ein besonderes Jahr: Es ist das Jahr, in dem nicht bloss eine technologische Innovation marktreif wird, sondern gleich zwei: faltbare Displays und der ultraschnelle Mobilfunkstandard der fünften Generation (5G). Beides war diese Woche Thema am Mobile World Congress, der wichtigsten Branchen-Messe in Barcelona.

So hat Huawei mit dem Mate X ein Smartphone vorgestellt, dessen Display sich zu einem Tablet auffalten lässt. Damit sind die Chinesen mit Samsung gleichgezogen: Der Konzern aus Korea hat bereits eine Woche zuvor mit dem Galaxy Fold ein solches Gerät der Öffentlichkeit präsentiert. Und der neue Mobilfunkstandard 5G wird den Datenaustausch um den Faktor hundert beschleunigen; das setzt die Voraussetzungen für eine völlig neue Welt der Vernetzung.

Die Innovation wird den Rückgang nicht stoppen können

Die Smartphone-Industrie ist in eines der spannendsten Jahre gestartet. Doch es dürfte auch eines der schwierigsten werden. Die Verkaufszahlen sind rückläufig. 2018 ging der Absatz von Smartphones um 4 Prozent zurück. Im vierten Quartal sogar um 7 Prozent – es ist das fünfte Quartal in Folge mit rückläufigen Verkaufszahlen. Apple setzte in den letzten drei Monaten 2018 sogar 15 Prozent weniger iPhones ab als im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor. Die Aktie des einstigen Billionen-Dollar-Unternehmens stürzte zeitweise um über 40 Prozent ab. Trotz technologischer Innovationen dürften die sinkenden Verkaufszahlen vorerst nicht zu stoppen sein. Im Gegenteil: Es wäre nicht verwunderlich, wenn Ende 2019 der grösste Umsatzrückgang verbucht werden müsste seit Erfindung des Smartphones.

Denn die Nutzer verspüren offenbar nicht mehr das Bedürfnis, stets das neuste Handy zu besitzen. Viele sehnen sich nicht nach neuen Features wie Faltdisplays, sondern nach mehr Zeit ohne Display. Sie merken, dass ihnen das ständige Geblinke und Gepiepse auf die Dauer nicht guttut. Die Antwort darauf lautet «Digital Minimalism»: Die Zeit in der digitalen Sphäre wird auf ein Minimum beschränkt. Ein ultraschnelles, faltbares Riesenhandy braucht man dazu nicht.

Doch auch Technik-Aficionados sind gut beraten, mit dem Kauf eines neuen Handys zu warten. Obwohl die Telekomanbieter drauf und dran sind, ihre 5G-Netze in Betrieb zu nehmen, sind die wenigsten der in Barcelona vorgestellten Smartphones dafür ausgerüstet. Das Galaxy S10 etwa, das Premium-Handy von Samsung, kommt zwar Ende Monat in drei verschiedenen Grössen, aber ohne 5G-Chip in den Handel. Erst für den Sommer ist eine 5G-Version angekündigt. Und auch das diesjährige iPhone wird aller Voraussicht nach 5G noch nicht unterstützen.

Nichts überstürzen, die zweite Generation kommt bald

Warten lohnt sich auch bei den Falt-Handys.

Es klingt zwar durchaus reizvoll, das Display bei Gebrauch zum Tablet aufzufalten, doch ist noch alles andere als klar, ob sich diese Geräte wirklich durchsetzen werden oder ob ihnen das gleiche Schicksal zuteilwird wie den 3D-Fernsehern. Ein Problem ist ihre Dicke: Die Hardware lässt sich nicht nach Belieben minimieren; insbesondere der Akku setzt Grenzen. Immerhin ist es Huawei bereits gelungen, das Problem mit einem Design-Kniff zu kaschieren.

Wie gut die Falt-Handys aber tatsächlich sind, lässt sich erst beurteilen, wenn man sie testen kann. Das bleibt derzeit Journalisten allerdings noch verwehrt. Was man aber weiss, ist, dass die Geräte sehr teuer sein werden: nämlich über 2000 Dollar. Das alleine ist für die meisten potenziellen Nutzer Grund genug, auf die zweite Generation zu warten.

So werden dann die Themen am Mobile World Congress in einem Jahr noch einmal dieselben sein: 5G und Falthandys. Und vielleicht wird ein drittes dazu kommen: Handys für digitale Minimalisten.

raffael.schuppisser@chmedia.ch