Das Computerspiel «League of Legends» ist ein Phänomen: Weltweit spielen es rund 100 Millionen Menschen. Mit stupiden Kinderspielen hat «LoL» wenig zu tun. Die Regeln sind komplex, und um gegen die – von realen Mitspielern gesteuerten – Gegner zu gewinnen, ist strategisches Denken nötig.

Nichts für Doofe also. Das belegt auch eine Mitte November im Fachmagazin «Plos One» erschienene Studie der Universität York in England. Doch ob die Spieler durch die Stunden vor dem Bildschirm klüger wurden oder ob es intelligentere Spieler in der Liga einfach weiterbringen, lasse sich nicht beantworten, sagt der Studienleiter und Psychologe Alexander Wade: «Wir tippen auf Letzteres.»

Computerspiele sind ein gängiger Zeitvertreib der Industriegesellschaften. Auch die Forschung über die Effekte des Computer-Zockens floriert und bringt jährlich Hunderte von Studien hervor. Schliesslich will man wissen, wie Hirn und Verhalten von diesem Massenphänomen beeinflusst werden.

Entgegen dem verbreiteten Vorurteil der digitalen Verblödung zeichnen viele dieser Studien ein sehr differenziertes Bild. Recht eindeutig ist der Befund, dass viele Spiele zwar nicht den gesamten IQ, wohl aber einzelne dabei beanspruchte Hirnfunktionen verbessern. Trainingseffekte zeigten sich beim räumlichen Vorstellungsvermögen oder in der kognitiven Kontrolle, die jemanden leichter zwischen zwei Aufgaben hin und her wechseln lässt.

Graue Hirnmasse leidet

Tut sich also Gutes, wer täglich Stunden am Bildschirm spielt? Nicht unbedingt. In der Masse von Computerspiel-Studien finden sich ebenso Befunde, die das Gegenteil zu belegen scheinen. Dazu gehört die Studie, die Forscher um Christian Montag von der Universität Ulm Ende Oktober in der Fachzeitschrift «Addiction Biology» vorlegten. Sie vermassen mittels Kernspinuntersuchungen die Hirnstrukturen von exzessiven Gamern, die in der Woche durchschnittlich vierzehn Stunden «World of Warcraft» spielten. Verglichen mit dem Gehirn von Probanden ohne ausgeprägte Spielernatur stellten sie fest, dass die sogenannte graue Hirnsubstanz bei den Gamern stellenweise reduziert ist. Und zwar im Orbitofrontalkortex, der zum für höhere Aufgaben zuständigen Stirnlappen gehört. Der Verlust war umso grösser, je exzessiver ihr Spiel war.

Weil diese Beobachtung nur wenig über Ursache und Wirkung aussagt, liessen die Forscher eine Hälfte der Kontrollgruppe sechs Wochen lang täglich mindestens eine Stunde lang «World of Warcraft» spielen. Und tatsächlich: Schon nach dieser kurzen Zeit wiesen auch ihre Frontallappen Stellen mit ausgedünnter grauer Substanz auf, wenn auch in anderen Hirnbereichen.

Nur, was bedeutet das? Das Volumen der grauen Substanz, in der die Zellkörper der Nervenzellen der Hirnrinde sitzen, variiert im Laufe des Lebens stark und hängt von einer Reihe von Faktoren ab – ob eine Veränderung gut oder schlecht ist, lässt sich kaum sagen. Diese widersprüchlichen Befunde machen es Videospiel-Anhängern wie -Gegnern leicht, sich die zu ihrem Weltbild passenden Ergebnisse herauszupicken. Sicher ist: Wer viel Zeit am Bildschirm verbringt, dem fehlt sie für anderes. «Mit Computerspielen ist es wie mit Rotwein», zieht die Neurowissenschafterin Daphne Bavelier der Uni Genf einen Vergleich: In grossen Mengen schade er. Moderat genossen fördere er womöglich sogar die Gesundheit.

Diesen Artikel haben Wissenschaftsjournalisten geschrieben, ermöglicht von der Gebert Rüf Stiftung.