Eigentlich wollte Simon Tian ja nur die Welt verändern. Um seine revolutionäre Idee umzusetzen, sammelte der Kanadier deshalb auf einer Crowdfunding-Plattform insgesamt über eine Million Dollar.

Das war vor mehr als zwei Jahren. Statt einem innovativen Produkt hat der 23-Jährige jetzt Schulden, Klagen und ein ganz grosses Problem. Tian nimmt einen Schluck von seinem Starbucks-Kaffee, seufzt und sagt: «Ich bin kein Betrüger, wirklich nicht. Ich habe mich einfach überschätzt.»

Alles, was es für eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne braucht, ist eine überzeugende Idee. Und ein paar schöne Bilder. Dank dem relativ neuen Geschäftsmodell kann heute jeder Geld für Produkte und Projekte sammeln, welche sich sonst nicht finanzieren liessen.

Das Prinzip dahinter ist simpel und hat Potenzial: Unternehmer haben so einen Anhaltspunkt, ob sich das erdachte Produkt überhaupt verkaufen könnte, dazu kommen die finanzielle Sicherheit und der loyale Kundenstamm. Gleichzeitig bietet sich Unterstützern die Möglichkeit, neue Produkte früher und billiger zu erhalten als alle andern.

Nerven und Geld

Immer wieder liest man von spannenden Projekten, die nur dank diesem Finanzierungsmodell überhaupt zustande gekommen sind: In der Schweiz sorgt derzeit das Medien-Startup «Republik» für Furore, welches diesen Frühling fast 3,5 Millionen Franken für ein neues digitales Magazin sammelte. Bei all den positiven Medienberichten über erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen geht jedoch vergessen, dass diese nicht immer halten, was sie versprechen.

So kommt es überraschend häufig vor, dass Produkte nicht oder nicht wie versprochen ausgeliefert werden. Dies kostet die loyalen Unterstützer Nerven, vor allem aber auch viel Geld. Das Geschäftsmodell birgt Gefahren. Denn alles, was es für eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne braucht, ist eine überzeugende Idee. Und ein paar schöne Bilder.

Der Beginn einer neuen Ära?

Auch das Projekt des gescheiterten Unternehmers Simon Tian sah vielversprechend aus. Auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo findet man professionelle Bilder und Videos seiner «Neptune Suite», welche «den Beginn einer komplett neuen Computer-Ära einläuten wird». Das Herzstück der Produktreihe bildet dabei eine Uhr, welche auf den ersten Blick stark an die Smartwatch von Apple erinnert.

So hätte die «Neptune Suite» aussehen sollen.

So hätte die «Neptune Suite» aussehen sollen.

Der «Neptune Hub» sei jedoch viel mehr, heisst es, nämlich der einzige Computer, den wir in Zukunft noch brauchen werden: Smartphones, Laptops und Fernseher sollen künftig nur noch aus simplen Bildschirmen bestehen, welche dann kabellos von der Uhr betrieben werden. Die Smartwatch wird also zum leistungsfähigen Rechner, alle anderen Geräte zum Accessoire. Die eigenen Daten, Dokumente und Programme sind nur auf dem «Hub» am Handgelenk gespeichert und werden über eine Art WLAN auf die Bildschirme projiziert.

Wie das aussieht, wird eindrücklich in einem professionell anmutenden Video demonstriert:

Neptune Suite: Das vielversprechende Video zum Projekt.

Die Spezifikationen der einzelnen Produkte sind ebenfalls detailliert auf der Crowdfunding-Plattform aufgelistet. Für 899 Dollar wird das gesamte Paket auf den Markt kommen, liest man weiter; Smartwatch, zwei Bildschirme, Kopfhörer (gleichzeitig Ersatz-Akku) und ein USB-Stick, wodurch sich jedes Gerät mit dem «Hub» verbinden lässt. Wer aber Teil der Crowdfunding-Kampagne ist, erhält das Ganze für 600 Dollar.

Animation statt Demonstration

Das Projekt ging sofort viral, wurde im Internet aus aller Welt geteilt. Darauf berichteten diverse renommierte Tech-Zeitschriften ausführlich über Tian und seine visionäre Idee: «Ein Vorgeschmack, wie Computer im Jahr 2025 sein sollten», schrieb etwa «Wired» und bescherte dem Projekt so noch mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt 1208 Personen zahlten schlussendlich Geld für die «Neptune Suite», wodurch Tian plötzlich über eine Million Dollar auf seinem Konto hatte. Versprochene Lieferung des Produkts: Februar 2016.

Was die meisten Unterstützer damals nicht wussten: Die wohl grösste technologische Revolution dieses Jahrzehnts sollte von einem 23-Jährigen gebaut werden, der noch nie irgendwo angestellt war. Zwar rühmt sich Tian im Internet damit, dass er bereits 2013 eine Smartwatch auf den Markt gebracht habe, jedoch gibt er im Gespräch zu, dass er zu dieser nicht mehr beitrug als die Idee. Der Kanadier hat noch nie eigenständig ein Produkt entwickelt, hat kein festes Team an seiner Seite und kann nicht mal programmieren.

Die Bilder und Videos der «Neptune Suite» sind komplett fake – statt einer authentischen Produktedemonstration sieht man auf Indiegogo eine gut gemachte Computeranimation. «Aber andere Tech-Unternehmen machen das bei ihren Werbungen auch so», erklärt Tian. Er trägt einen schwarzen Blazer und sitzt in einer Starbucks-Filiale im Herzen von San Francisco.

Zum Interview mit der «Nordwestschweiz» hat er sich sofort bereit erklärt, schliesslich machte er mit Medienvertretern in der Vergangenheit nur gute Erfahrungen: Im Internet findet man mehr als ein Dutzend Berichte über das «kanadische Wunderkind» und den «visionären Erfinder». Seine Ideen und sein Geschäftsmodell werden dabei in keinster Weise hinterfragt. So erzählt Tian beispielsweise in einem Artikel der Online-Zeitschrift «Montreal in Technology», dass er eigentlich keine Ahnung von Produktentwicklung habe und bei Problemen einfach mal google – der Autor lobt ihn deshalb für seine «Just-Do-It Mentalität».

Das Scheitern des Simon Tian

Dass sich das Interview mit der «Nordwestschweiz» etwas anders entwickeln würde, merkt Tian, als ein Stapel A4-Papiere vor ihn auf den Tisch gelegt wird. Zuvor hatte er noch ausgelassen von seiner revolutionären «Neptune Suite» und ihrem Potenzial erzählt – obwohl der Start der Crowdfunding-Kampagne zweieinhalb Jahre und der versprochene Liefertermin eineinhalb Jahre zurückliegt, die Kunden aber noch immer kein Produkt erhalten haben.

Jetzt liegen vor ihm die ausgedruckten Online-Kommentare jener Leute, die in ihn und seine Idee Geld investiert haben: Vom «grössten Betrug aller Zeiten» ist darin Rede, vom «Halsabschneider Simon Tian» und seinem «ganz üblen Beschiss».

Als die Kritik vor zehn Monaten besonders aggressiv wurde, hat Tian eingewilligt, allen Interessierten ihr Geld zurückzuerstatten. Bis heute hat niemand auch nur einen Cent gesehen. Stattdessen hat sich Tian kurz nach der Ankündigung zurückgezogen und weder Produkte-Updates geliefert noch auf E-Mails geantwortet.

«Ich würde den Leuten gerne ihr Geld zurückgeben. Aber ich habe es nicht mehr», erklärt der Jungunternehmer nun im Gespräch. Natürlich habe er es nicht für das private Vergnügen ausgegeben, schiebt Tian sofort nach, sondern in die Entwicklung der Produkte gesteckt: «Wie sich herausgestellt hat, kostet es aber viel mehr, solche Geräte zu entwickeln, als ich zuerst angenommen habe. Dazu kommen all die Regulierungen und Gesetze – selbst mit einer Million Dollar kommt man da nicht weit.»

Diese Erkenntnis mag für den Tian überraschend sein, für erfahrene Unternehmer und Investoren ist sie das nicht. Was Tian seinen Unterstützern versprochen hat, könnte so von keiner Firma der Welt umgesetzt werden. Nicht mal von Apple oder Google, wo es weder an Geld noch an Fachwissen mangelt. Dass ein 23-Jähriger das im Alleingang schafft, ist ausgeschlossen.

In guter Gesellschaft

Ähnliche Visionen wie Tian haben viele. Den allermeisten ist jedoch bewusst, dass diese Ideen viel zu ambitioniert sind. Und die andern scheiterten lange Zeit entweder bei den Gesprächen mit Risikokapitalgegnern oder nachdem sie das eigene Vermögen verloren haben. Durch das Finanzierungsmodell des Crowdfundings existieren diese Hürden nicht mehr.

Einige Kilometer südlich der Starbucks-Filiale, wo Simon Tian sein Scheitern erklärte, befindet sich der frühere Firmensitz von «Skully». Die Firma wollte einen Motorhelm mit eingebautem digitalem Display bauen und hat dafür rund 15 Millionen Dollar gesammelt (siehe auch Bildergalerie).

Vor einem Jahr ging ihnen das Geld aus – heute stapeln sich Zeitungen und Briefe vor dem roten Bachsteinbau. Innerhalb einer halben Stunde kann man von da aus zum Büro von «Lilly Robotics» spazieren, die 34 Millionen für eine Drohne sammelten, und von dort ist es nur eine zehnminütige Autofahrt zu «Kanoa», wo man 150 000 Dollar für revolutionäre Kopfhörer erhielt. Beide Firmen sind unterdessen bankrott, die Kunden erhielten ihr Geld nicht zurück.

Die Klagen kommen

Auf Crowdfunding-Plattformen gibt es immer wieder Fälle, in denen Betrüger viel Geld sammeln und dann untertauchen. Simon Tian ist keiner von ihnen – er ist nur ein Träumer. Bei der Lancierung der Crowdfunding-Kampagne war er überzeugt, dass seine Idee umsetzbar ist. Und auch heute arbeitet er noch immer an der «Neptune Suite», versucht neues Geld aufzutreiben, Verträge abzuschliessen, um so die versprochenen Geräte doch noch irgendwie liefern zu können. Das garantiert er seinen Unterstützern sogar – er hofft derzeit auf eine Lieferung Mitte 2018.

Natürlich wird Tian auch diesen Termin nicht einhalten können; die «Nordwestschweiz» konnte einen aktuellen Prototypen begutachten, der nicht mal entfernt an das angekündigte Produkt erinnert. Aber während Tian seinen Idolen Elon Musk und Mark Zuckerberg nacheifert, scheint er selber die Aussichtslosigkeit seiner Situation nicht zu erkennen. Oder er will es zumindest nicht wahrhaben.

Gleichzeitig organisieren sich erste Unterstützer, um den 23-Jährigen zu verklagen. Das Scheitern von Simon Tian ist eine Erinnerung daran, dass man sich der Schattenseiten des Crowdfunding bewusst sein soll. Als Projektinitiant. Als Journalist. Und vor allem als Unterstützer.