Bei der Partnersuche möchten wir Insekten, die in unserem Bauch wild umherflattern. Wir wollen eine Anziehung spüren, es soll kribbeln. Dann können wir uns in das Gegenüber verlieben. Bei der Partnersuche von gläubigen Muslimen läuft das etwas anders. Es mischt oft die Familie mit. Sie stellt nicht selten den Kontakt her oder organisiert ein Treffen. Und der Familie geht es nicht unbedingt darum, dass Schmetterlinge durch die Bäuche ihrer Kinder jagen, ihr geht es um Fakten und Herkunft, die mit hohen Erwartungen einhergehen.

Laut Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaft in Dortmund, der sich mit der Partnerwahl von Muslimen beschäftigt, beruht die Ehe in muslimischen Gesellschaften nicht nur auf einer individuellen Entscheidung. Die Familie lege Wert darauf, dass der jeweilige Partner einen religiösen Hintergrund hat, der zu den eigenen Werten passt.

«N24»-Reportage: Jetzt gibts «Tinder» für Muslime – das sagen potenzielle Nutzer und andere.

«N24»-Reportage: Jetzt gibts «Tinder» für Muslime – das sagen potenzielle Nutzer und andere.

Junge Muslime stecken im Zwiespalt: auf der einen Seite die traditionellen Ansprüche der Eltern, auf der anderen ihre ganz persönlichen Vorstellungen vom Liebesglück. Immer mehr Muslime wollen ihren Partner selbst aussuchen. Dies brachte den Internet-Unternehmer Haroon Mokharzada auf eine Idee. Der Harvard-Absolvent schuf «Minder» – eine Dating-App für muslimische Singles.

Vorbild ist die weltweit erfolgreiche App «Tinder». Das heisst: Gefällt dem Nutzer das Profil eines potenziellen Partners, wischt er auf dem Smartphone nach rechts, gefällt das Profil nicht, wischt er nach links. Wenn sich beide gefallen, gibt es einen sogenannten «Match» und die zwei Nutzer können kommunizieren. Minder wird seit dem Start in den USA und Kanada immer beliebter. So beliebt, dass die App nun auch im deutschsprachigen Raum startet.

Die meinen es ernst

Auf Minder lautet das Motto heiraten statt flirten. Während bei Tinder die meisten ein flüchtiges Abenteuer suchen, spricht Minder heiratswillige Muslime an. Es wird nach der Konfession gefragt und auf dem sogenannten «Religionsbarometer» können die Nutzer von «sehr fromm» bis «sehr liberal» auswählen.

Minder ist nicht die erste Dating-App, die speziell für muslimische Menschen konzipiert wurde. «Muslimlife», «Islamic Marriage» oder «Salaam Swipe» gibt es schon länger. Aber auf Minder sollen sich explizit «kluge, lustige und interessante Muslime» treffen. Mokharzada will vor allem Musliminnen anlocken. Sie sollen sich wohlfühlen. Und wenn dann doch nicht der Richtige dabei ist, ist «mindern» wenigstens ein Ego-Booster – genau wie Tinder auch.

Die Mischung aus Foto – Toprak fand in Interviews mit Muslimen heraus, dass junge Frauen als erstes aufs Aussehen schauen – und Angaben zu Religion und Herkunft könnte sich als Erfolgsrezept erweisen. Die Trefferquote liegt laut Gründer Mokharzada bei 80 Prozent. Es gibt aber noch weitere Gründe, weshalb Minder sehr grosses Potenzial hat.

Muslime heiraten immer seltener Andersgläubige. Sie heiraten fast nur unter sich, das zeigen die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik. 2001 hat noch Rund die Hälfte der Muslime in der Schweiz einen Partner oder eine Partnerin aus einer anderen Religionsgemeinschaft geheiratet. 2013 hingegen fand die grosse Mehrheit der Hochzeiten innerhalb der muslimischen Gesellschaft statt: nämlich rund 80 Prozent. Und es gibt keine Anzeichen, dass sich das bald wieder in die andere Richtung entwickelt.

Zudem liegt Spezialisierung auf dem Dating-Markt im Trend. Denn Internet-Partnervermittlung im Allgemeinen ist längst ein etabliertes Businessmodell, und der Markt für klassische Dating-Seiten wie Parship oder Elite-Partner ist gesättigt. Sie dürften es in Zeiten von Gratis-Apps wie Tinder oder Lovoo sowieso nicht leicht haben. Neue Anbieter müssen kreativ sein oder sich an eine bestimmte User-Gruppe richten. So gibt es Portale für Ältere, Mollige, Alleinerziehende, für Menschen, die nur Abenteuer suchen oder eben Apps mit Religionsbarometer.

Tinder für VIPs

Bald soll es eine Tinder-App für junge VIPs geben – ein Netzwerk, das die wichtigsten Entscheidungsträger unter 30 vernetzen soll. Zugang: streng reguliert. Dafür spannt das Wirtschaftsmagazin «Forbes» mit den Dating-Fachleuten von Tinder zusammen. Nutzen dürfen sie aber nur rund 2000 junge und erfolgreiche Menschen, die das Magazin in den letzten vier Jahren auf seine jährlichen «30 unter 30»-Listen gesetzt hat. Das wären etwa Musiker Ed Sheeran oder Schauspielerin Emma Watson. Die App soll sie besser verbinden, aber natürlich bietet sie auch Platz für den einen oder anderen Flirt. Oder mehr.