Es rattert und dröhnt. Manuel Vögtli (33) hat den Motor des Kleinflugzeugs gestartet. Nun versteht man ihn nur noch über Funk und Kopfhörer. «Hotel Bravo: Delta Viktor Kilo», funkt er zum Tower. Es ist die Kennung seiner Maschine HB-DVK. Der Flug, der gleich von der Piste 26 des Flugplatzes Birrfeld AG startet, ist kein gewöhnlicher. Die Fluggäste und der Pilot haben sich über die Plattform Flyt.club gefunden. Sie funktioniert wie die Smartphone-App Uber, auf der Taxifahrer ihre Dienstleistung anbieten. Nur können hier Hobby-Piloten Passagiere finden.

Von Birrfeld nach Biarritz im Privatflugzeug; was bisher Jetsettern vorbehalten war, soll für den Normalbürger erschwinglich werden. Für 440 Euro wird der Flug ins französische Baskenland angeboten. Manuel Vögtli hat heute weniger hochfliegende Pläne. Er nimmt seine Fluggäste mit auf einen Rundflug in der Region. Wie in Zeitlupe biegt das Flugzeug auf die Startbahn ein. «Ready for Take-off.»

Neben Flyt.club gibt es mit Wingly» bereits einen zweiten Online-Flugvermittler, der in der Schweiz aktiv ist. Das Angebot ist vielfältig. Einen Städte-Trip vom Kleinstflughafen Speck- Fehraltorf nach La Chaux-de-Fonds gibt es für 227 Euro. Noch überwiegen Rundflüge, doch langsam werden die Flugvermittler auch für Airlines zur Konkurrenz. Wingly bewirbt einen Flug von Zürich nach Erfurt mit dem Slogan «schneller als die Bahn, schöner als per Linienflug!» Kostenpunkt 193 Euro.

Airline-Manager übt Kritik

Die Mitflugvermittlung steht in der Schweiz noch am Anfang. Pilot Vögtli, der nun das Steuer zu sich und die Maschine langsam hochzieht, gehört mit seinen zwanzig Flügen zu den Piloten mit der grössten Erfahrung auf der Plattform Flyt.club. Sein weisses Polo-Shirt strahlt Seriosität aus. Und er erweckt Vertrauen, indem er den Passagieren genau erklärt, wie seine Maschine funktioniert und wohin der Flug geht. Das flaue Gefühl, wenn das Flugzeug abhebt und noch etwas hin und her ruckelt, kann auch er nicht lindern. Manuel gibt auf der Plattform an, dass er 500 Stunden in der Luft verbracht hat und welche Maschinen er fliegt.

Erst jetzt erfahren die Passagiere, dass er hauptsächlich als Gasturbineningenieur arbeitet, direkt neben dem Flughafen Birrfeld, der weit unten immer kleiner wird. «Hotel Viktor Kilo wünscht einen schönen Nachmittag», verabschiedet er sich vom Tower.

Die Möglichkeit, mit Hobby-Piloten mitzufliegen, die man nicht kennt, ist umstritten. Der Compliance-Manager einer kleinen Fluggesellschaft sagt: «Ich würde niemals bei einem Piloten, den ich über eine solche Plattform kennen gelernt habe, in ein Flugzeug steigen. Man weiss ja nie, was der am Abend davor getrunken hat.» Die Betreiber der Plattformen verweisen auf ihre Bewertungssysteme und auf die Möglichkeit, mit den Piloten zu chatten. Zudem könne man den Flug jederzeit ohne Kostenfolge absagen.

Als die Plattform Wingly im Jahr 2015 in Frankreich an den Start ging, liefen die Gewerkschaften Sturm. Sie befürchteten Lohndumping, ähnlich wie beim Taxidienst Uber. Im Land, wo sich Taxifahrer mit brennenden Reifen gegen Uber wehrten, wollten sich auch die Piloten nicht das Geschäft vermiesen lassen. Die Wut legte sich, als klar wurde, dass die Luftfahrtgesetze den Uber-Piloten enge Leitplanken geben. Sie dürfen kein Geld mit den Flügen verdienen, sonst müssten sie eine entsprechende Lizenz lösen.

Auch Manuel muss Spritverbrauch, die Miete fürs Flugzeug und die Flughafengebühr genau abrechnen und seinen Anteil der Kosten übernehmen. So wird sichergestellt, dass er mit dem Flug keine Kasse macht. Der grosse Unterschied zu Mitfahrbörsen im Strassenverkehr ist, dass niemand mit Kleinflugzeugen zu fliegen beginnt, um damit Geld zu verdienen, wie es bei Uber der Fall war. Vielmehr handelt es sich bei den Piloten, die Flüge auf den Plattformen anbieten, um Betreiber eines teuren Hobbys. Dank der im Internet gefundenen Passagiere können sie ihre Kosten reduzieren. Am Flug verdienen einzig die Online-Plattformen. Wingly verlangt für die Vermittlung eines Fluges 15 Prozent der Kosten. Flyt.Club ist etwas günstiger und schlägt 10 Prozent oder mindestens fünf Euro auf den Flugpreis.

Noch keine Gewinne

Eine Konkurrenz könnten die Plattformen allenfalls für die Anbieter von privaten Rundflügen darstellen. Doch eine kleine Umfrage zeigt: Noch sind die Portale keine ernsthafte Bedrohung für die kommerziellen Flieger.

Zum Fliegen sind Wingly und Flyt.club noch nicht so richtig gekommen. In der Gewinnzone befindet sich keines der Unternehmen. Wingly spricht immerhin von einem mittleren sechsstelligen Umsatz, Flyt.club gibt einen Umsatz im unteren fünfstelligen Bereich an. Damit könne sich die Firma selber finanzieren, sagt Mitgründer Peter Nürnberger. Die Umsätze entstehen nur zu einem kleinen Teil in der Schweiz. Zum Beispiel durch Manuel Vögtli, der seine Moony wieder sanft auf der Piste aufsetzt.