Herr Koene, ist es die Aussicht, unsterblich zu werden oder was motiviert Sie bei Ihrer Forschung?

Randal Koene: Der Hauptgrund für mein Interesse am Mind-Uploading ist nicht die Lebensverlängerung. Mein Interesse kommt aus zwei verschiedenen Richtungen: Zum einen ist das der Wunsch, unsere mentalen Kapazitäten zu erhöhen. Zum anderen der Wunsch, die menschliche Spezies über die kleine Nische heraus zu entwickeln, welche uns die natürliche Selektion zugewiesen hat. Mit anderen Worten: Um uns für neue Herausforderungen und für neue Umgebungen anzupassen.

Wie das Weltall?

Ja. Menschen sind eigentlich nicht dafür gemacht, im Weltall oder in Methan-Atmosphären zu leben, ebenso wenig um extrem grosse Distanzen zu reisen.

Doch wie würden wir im Weltraum oder auf anderen Planeten leben? Als Roboter?

Wir wären nach erfolgreichem Mind-Uploading nicht mehr an unsere Körper gebunden, sondern könnten in völlig lebensfremden Umgebungen existieren.

Ähnlich wie im Film «Avatar», wo ein Mensch mittels Mind-Uploading in die Haut eines Aliens schlüpfen kann?

Ja, so ungefähr.

Doch würde das Mind-Uploading überhaupt funktionieren? Das Problem ist doch folgendes: Sagen wir mal, jemand bildet mein Gehirn digital nach – ich würde sagen, das bin nicht ich, sondern ist eine Kopie von mir.

Es gibt verschiedene Methoden des Mind-Uploading, und manche davon umgehen dieses Problem. Zum Beispiel können Sie sich vorstellen, dass Mind-Uploading durch einen Prozess von stückweisem Ersatz stattfindet: Man entwickelt eine Neuroprothese für einen Teil des Gehirns, setzt sie an die richtige Stelle, testet, ob sie gleich wie die originale Schaltung funktioniert, dann entfernt man die biologische Version des Stücks. Dann wird alles mehrfach wiederholt. Wenn man die Stücke klein genug macht, ist der Prozess nichtviel anders als beim natürlichen Wandel im Gehirn, etwa wenn Neuronen absterben. Man erreicht die Schwelle, wo der Wandel nicht mehr wahrnehmbar ist.

Der Niederländer ist Chef-Wissenschafter der «2045 Initiative», die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Gehirn auf einen Computer hochzuladen und den Menschen so unsterblich werden zu lassen. Ausserdem ist er an verschiedenen Neurotechnologie-Firmen beteiligt. Davor war er Professor am University’s Center for Memory and Brain in Boston.

Randal Koene

Der Niederländer ist Chef-Wissenschafter der «2045 Initiative», die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Gehirn auf einen Computer hochzuladen und den Menschen so unsterblich werden zu lassen. Ausserdem ist er an verschiedenen Neurotechnologie-Firmen beteiligt. Davor war er Professor am University’s Center for Memory and Brain in Boston.

 

Da kommt das Problem des Bewusstseins ins Spiel. Wo das liegt und wie es entsteht.

Wenn Sie das Bewusstsein in einem gefrorenen See verlieren und gerettet werden, ohne messbare Hirnaktivitäten und dann nach einer Stunde wiederbelebt werden – ist Ihr ursprüngliches Selbst verschwunden? Falls nicht, was unterscheidet dies davon, wenn ein Teil Ihres Gehirns durch gleichzusetzende Hardware ersetzt wird und wieder angeschaltet wird? Und falls das keinen Unterschied macht… wieso wäre es anders, wenn man die gesamte Hardware ersetzen würde? Ich behaupte nicht, dass ich alle Antworten zu diesen Fragen kenne, aber ich denke, sie verdienen es, dass man über sie nachdenkt.

Wie würden Sie denn konkret vorgehen, um ein Gehirn «hochzuladen»?

Ich sehe zwei Szenarien. Eines, das vielleicht in ein paar Jahrzehnten möglich ist, und eines das in weiter Zukunft liegt. Beim ersten erhält der Patient einen Cocktail injiziert, der mehrere Milliarden mikroskopische, kabellose, frei schwebende neurale Schnittstellen, die die neuralen Aktivitäten messen. Diese Informationen helfen dabei, die Neuronen zu klassifizieren, ihre Kategorie, die Antwortfunktion und sogar Teile der funktionellen Verbindungen zwischen Neuronen zu identifizieren.

Und dann?

Der nächste Schritt besteht darin, die tatsächliche Verbindung zwischen Neuronen im Detail zu erfassen – das sogenannte Konnektom. Die Strukturen und Funktionen müssen dann fortlaufend in ein funktionelles Modell übertragen werden. Wenn dies idealerweise alles in-vivo geschieht, erreicht man, was die Ingenieure lieben, nämlich Designs, die stückweise getestet und mit dem laufenden Original verglichen werden können – das ist ein viel besserer Ansatz, als ein gigantisches, hochkomplexes System zu bauen und dann auf «Los» zu drücken und zu hoffen, dass alles funktioniert. Dann könnte man zum Beispiel die Ersatzteile Stück für Stück einsetzen oder das nachgebildete Gehirn wird separat erstellen.

Und wie sieht Ihr späteres Szenario aus?

Nachdem wir genug Erfahrung mit der Entwicklung und Benutzung neuraler Prothesen gesammelt und Mind-Uploading an Tieren und Menschen durchgeführt haben, werden wir genug über die Systeme des Gehirns gelernt haben, um zu entscheiden, was Sinn ergibt oder nicht. Das bedeutet, es wäre möglich, nur von der Form der Neuronen und Synapsen deren funktionellen Modelle und ihre Position im Konnektom herzuleiten.

Wäre es dann auch möglich, Verstorbene ins Leben zurückzuholen?

Ja, aber das Gehirn müsste natürlich konserviert worden sein.

Der Wiederauferstandene hätte aber keinen Körper.

Wir wissen bereits, dass sich der menschliche Geist an diverse körperliche Inputs und Outputs anpassen kann. Das geht von einer fast kompletten Bewegungsunfähigkeit, die etwa Stephen Hawking einschränkt bis zur körperlichen Verlängerung, die man als Kajakfahrer oder als Pilot einer ferngesteuerten Drohne erlebt.

Wann wird das erste menschliche Hirn «hochgeladen»?

Wir sind noch weit von diesem Ziel entfernt. Momentan geschieht all die harte Arbeit im Bereich der Neurotechnologie. Durch die Entwicklung von immer besseren optischen Stimulationen und Aufnahmemethoden, durch grosse Mengen an Elektroden und durch kabellose, mikroskopische neurale Schnittstellen werden grosse Fortschritte in funktionalen Aufnahmen erzielt.

Fängt man da klein an, etwa mit einem Tierhirn?

Ich denke, es wäre möglich, ein Projekt zu starten, welches das Mind-Uploading an einer Fruchtfliege bis 2020 möglich macht. Falls das funktioniert, startet das Rennen darum, dasselbe an menschlichen Hirnteilen oder ganzen Gehirnen zu vollziehen.

Viele Menschen würden Sie wohl als Spinner bezeichnen. Und es gibt zahlreiche Forscher, die sagen, dass Mind-Uploading nie möglich sein wird.

Das wird sich zeigen. Ich denke aber nicht, dass diese Ansicht die Bemühungen stoppen wird. Der Bedarf in der Medizin für neurale Prothesen wird es geben. Und auf diese Prothesen werden immer komplexere folgen. Wenn wir diese Entwicklung durchlaufen, werden wir herausfinden, was geht und was nicht – und ob Mind-Uploading tatsächlich funktioniert.

Die Implikationen des Mind-Uploading wären immens. Wo sehen Sie die Gefahren?

Die Gefahren liegen wie üblich in den vielen kreativen Wegen, die sich Menschen vorstellen können, um eine Technologie zu missbrauchen. Der Zugang zu Hirndaten bringt eine Fülle an Fragen zum Eigentum mit sich, Fragen zu Rechten zum Zugang und zur Benutzung. Wir sind dem schon im Bereich der DNA begegnet und werden mehr und mehr mit solchen Problemen konfrontiert

Das Problem wäre wohl auch, dass es sich nur die reicheren Menschen leisten könnten. Unsterblichkeit würde zu einer Frage des Geldes werden.

Ja, der Zugriff auf die Technologie ist ein grosses Thema. Uploading müsste wie eine grosse medizinische Behandlung angesehen werden, welche idealerweise allen offen steht. Dafür braucht es ein gut organisiertes Gesundheitssystem. Natürlich ist das eine finanzielle und politische Sache.

Was unterscheidet eigentlich Ihre Arbeit von der des Human Brain Project in Lausanne? Die wollen ja auch ein menschliches Gehirn im Computer nachbauen.

Ich möchte ein spezifisches Hirn nachbauen, also eine Emulation. Was die Forscher am Human Brain Project erstellen, ist eine Simulation, ein Modell, das aus statistischen Daten aufgebaut ist, welche von vielen verschiedenen Tierhirnen gesammelt wurde und das eine riesige Anzahl an Parametern aufweist. An keiner Stelle des Modells wird erklärt, wie genau die Schaltung im Gehirn des Tieres X funktioniert oder wie diese mit dem Verhalten von Tier X zusammenhängt. Besser wäre es, Daten nicht mehr aus einem Fundus von verschiedenen Tieren, sondern von einem spezifischen Individuum zu benutzen.