Hätten die Rosetta-Ingenieure das am Mittwoch gewusst – ihnen wäre wohl der Champagner im Hals stecken geblieben. Als die Forscher wenige Minuten nach 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Aufsetzen von Rosettas Landeeinheit Philae auf «Chury» feierten, hatte das Minilabor den Kometen bereits wieder verlassen.

Nach der ersten, äusserst präzisen Landung auf dem vorgesehenen Landeplatz «Agilkia» trat ein im Vorfeld diskutiertes Horror-Szenario ein: Philae hopste vom Kometen weg. Zum einen versagte sein Verankerungsmechanismus, zum anderen bewirkte der Untergrund einen Trampolineffekt.

Während zweier Stunden segelte der Lander bis zu einem Kilometer hoch über «Chury» und rotierte dabei. Nach einer zweiten Landung hob er gleich noch einmal für sieben Minuten ab, wenn auch nur noch wenige Zentimeter. Um 18.33 Uhr setzte er zum dritten und letzten Mal auf dem Kometen auf.

Trotz der abenteuerlichen Reise geht es Philae laut Projektleiter Stephan Ulamec gut. Die Funkverbindung zu ihm stehe, seine Hauptbatterie laufe und alle Instrumente an Bord funktionierten nach Plan. Philae liefere grosse Mengen an wissenschaftlichen Daten. «Der Lander arbeitet hervorragend. Wir können den Champagner also wieder öffnen», so Ulamec.

Philae war fleissig

Die Weltraum-Forscher rekonstruierten Philaes Wanderung und seinen Zustand anhand der Messungen, die er gemacht hatte. Denn nach dem ersten Aufsetzen nahmen die wissenschaftlichen Instrumente ihre Arbeit auf – und sammelten auch dann noch Daten, als das kühlschrankgrosse Landemodul sich wieder in der Leere des Alls befand. Gestern Morgen schickte Philae auch das erste Bild von der Kometenoberfläche zur Erde. Das Panorama besteht aus zwei Einzelbildern des Kamerasystems CIVA.

Noch gibt Philae allerdings einige Rätsel auf: So ist zum Beispiel noch nicht bekannt, wo er genau steckt. Ursprünglich landete er fast in der Mitte der vorgesehenen Zone auf dem Kopf des gummientenförmigen Kometen. Jetzt vermuten ihn seine Ziehväter jedoch rund einen Kilometer davon entfernt. Dieser Landeplatz hatte in der Vorselektion gegen «Agilkia» noch den Kürzeren gezogen.

Auch über die Position, in der sich Philae befindet, herrscht Unklarheit. Waagrecht wie geplant steht er allerdings nicht auf «Chury». «Wir gehen davon aus, dass Philae fast vertikal zur Ruhe kam», sagte Jean-Pierre Bibring, verantwortlich für die Landung des Minilabors.

«Einer der drei Füsse ragt wahrscheinlich in den offenen Raum hinaus.» Ob die Entnahme und Analyse von Bodenproben in dieser Schieflage überhaupt möglich ist, wissen die Forscher noch nicht.

Auf weiteren Bildern ist zu erkennen, dass Philae nur wenige Meter neben einer lang gezogenen Felswand steht – im Schatten. Das könnte bald zum Problem werden. Denn seine Solarpanels stehen nur rund eineinhalb Stunden am Tag im Sonnenlicht, anstatt der geplanten sechs bis sieben Stunden.

So kann der Landeroboter seine zweite Batterie nicht genügend aufladen. Nach ein paar Tagen könnte sein Energiehaushalt bereits kritisch werden, denn der Stromvorrat reicht nur etwas mehr als 60 Stunden. «Auf diese Situation haben wir sicher nicht gehofft», sagte Ulamec. Ein Hoffnungsschimmer besteht allerdings: Ähnlich wie beim Anflug könnte sich Philae in eine Art Tiefschlaf versetzen, um erst wieder aufzuwachen, wenn er aufgrund des veränderten Sonnenstands wieder Energie tanken kann.

Laut Ulamec wäre es sogar möglich, Philae mit einem erneuten Hüpfer in eine horizontale Position und an einen anderen Ort zu bewegen. Doch das sei in der aktuellen Situation zu unsicher und brauche einiges an Energie. Die Forscherteams versuchen nun, Philae zu orten, seine Energievorräte zu überprüfen und die Temperaturen in seiner Umgebung zu messen.

Die Rosetta-Gemeinschaft hatte am Mittwoch schon kurz nach der Landung den Atem angehalten – Unterbrüche im Funksignal, das von Philae über seine Muttersonde Rosetta zur Erde gelangt, stellten die erfolgreiche Landung plötzlich infrage. Ulamec hatte bereits da vermutet, dass der Lander einmal weggehüpft war.

Um 20 Uhr brach der Funkkontakt zu Rosetta wie erwartet ganz ab, weil die Muttersonde hinter Philaes Horizont verschwand. Um sieben Uhr morgens nahmen die beiden Objekte die Verbindung wieder auf. War sie erst noch wacklig, stabilisierte sie sich zunehmend und brach kurz vor elf Uhr mittags wieder ab.

Wegen Rosettas momentaner Umlaufbahn werden sich pro Tag jeweils zwei solche Kommunikationsfenster öffnen. Heute Morgen soll die Sonde ein Korrekturmanöver fliegen, um den Austausch mit dem Lander und ihrem Heimatplaneten weiterhin zu ermöglichen.

Auch wenn nicht sicher ist, wie lange Philae noch Daten liefert und welche Experimente er durchführen werden kann, die Verantwortlichen werten die Rosetta-Mission schon jetzt als riesigen Erfolg. «Es ist grossartig, dass wir auf dem Kometen sind», sagte Bibring. «Wir sollten heute nicht über die Fehler sprechen, sondern über den Erfolg der Mission.»