Es lebt, was sich bewegt. Diese einfache Definition mag Kleinkindern helfen, Totes von Lebendem zu unterscheiden. Als Jugendliche werden sie lernen, dass auch Pflanzen leben und selbst der schmierige Überzug einer ungereinigten Blumenvase von Lebewesen wimmelt, auch wenn diese für uns unsichtbar sind. Es ist selbst für Biologen schwierig, bei einer derartigen Vielfalt eine allgemeine Definition des Phänomens Leben zu formulieren. Noch viel grösser sind die Herausforderungen für die Astrobiologen. Wonach sollen sie auf einem fremden Planeten suchen, wenn sie nach Aliens fahnden?

Trotzdem wollte die Nasa Mitte der 1970er-Jahre mit einem kühnen Wurf den Jackpot knacken und Leben auf dem Mars nachweisen. Die Idee war ganz einfach: Erstens wollten die Forscher prüfen, ob es im Marsboden Lebewesen gibt, die Stoffe aufnehmen, verdauen und die Reste ausscheiden. Dazu sollten Bodenproben mit einer nährstoffreichen Brühe befeuchtet werden. Anschliessend wollten man schauen, ob die Luft in der Testkammer durch die Ausdünstungen möglicher Marsbewohner verändert worden sei.

Indiz Kohlenstoff

Eine zweite Versuchsserie suchte nach Kohlenstoffverbindungen, nach jenen Stoffen, ohne die es kein irdisches Leben gibt. Es ging also nicht darum, grosse, pelzige ETs zu beobachten. Nur schon das Entdecken der schleimigen Sorte von Marsianern hätte die Champagnerkorken knallen lassen.

Schon kurz nach ihrer Ankunft kratzten die Lander mit Schaufelbaggern Material vom Boden und legten es in die Reaktionskammern. Die mit radioaktivem C14 vorbereitete Nährlösung wurde zugegeben. Sollten sich nun irgendwelche Organismen daran gütlich tun, so müssten sie das C14 mit ihren Abgasen ausatmen, was mit einem Geigerzähler nachweisbar gewesen wäre.

Und tatsächlich: Kaum waren die Bodenproben mit der Nährsuppe in Kontakt, stieg die C14-Konzentration in der Luft der Kammern. In einzelnen Versuchen zeigte sich sogar ein Tagesrhythmus. Ganz so, als ob Mikroben aktiv wären. Rasch folgten die Kontrollexperimente. Wurde die Bodenprobe auf 160 °C erhitzt, tödlich für alle bekannten Bakterien, wieder abgekühlt und danach mit der Lösung versetzt, blieb die Reaktion aus. Gilbert Levin, der Leiter des Experimentes, schien am Ziel seiner Träume.

Doch Zweifel wurden laut. Gab es bloss eine chemische Reaktion der Nährlösung mit dem Marsboden? Levin argumentierte, dies müsste eine ziemlich seltsame Reaktion sein, die bei 12 °C wie im Versuch abläuft, bei 160 °C aber stoppt. Trotzdem nahm er weitere Proben, erhitzte sie auf 50 °C, zu heiss für viele unserer Bakterien, aber nahe am Experiment. Resultat: Keine Reaktion. Triumph? Leben auf dem Mars gefunden?

Gespannt warteten die Forscher auf die Suche nach Kohlenstoffverbindungen. Der Test wurde mehrfach wiederholt, immer negativ. Wie sollte es Lebewesen auf dem Mars geben, ohne die Bausteine, die Kohlenstoffmoleküle? Die Nasa beschloss, die Resultate seien zu wenig eindeutig und damit kein Beweis für Leben auf dem Mars. Dabei blieb es die letzten 40 Jahre, obwohl Levin nie müde wurde, aus den alten Daten Anhaltspunkte fürs Gegenteil zu präsentieren.

Phoenix aus der Asche

Nun aber häufen sich die Hinweise, dass Levin doch recht gehabt haben könnte. Es begann vor über 10 Jahren, als erstmals Methan in der dünnen Marsatmosphäre gefunden wurde. Auf der Erde stammt das Gas meist aus Kuhdärmen und anderen stinkenden Quellen, produziert von Mikroben. Auch auf dem Mars? Nicht ganz auszuschliessen, denn die Gasmenge schwankt saisonal und das Methan scheint aus dem Boden zu schweben. Einen weiteren Fingerzeig lieferte der Phoenix-Lander. Seine Analysegeräte entdeckten 2008 auf dem Mars an dessen Nordpol Perchlorate. Sollten diese chemisch äusserst aggressiven Verbindungen auch an den Landeplätzen der beiden Vikings vorhanden gewesen sein, so hätten sie im Versuch sämtliche organischen Moleküle schlicht verbrannt und die Vikings hätten nichts finden können. Haben die Vikings damals einen wichtigen, ja den entscheidenden Hinweis auf Leben unwissentlich zerstört?

Möglicherweise, denn vor kurzem entdeckte der seit 2012 im Gale-Krater arbeitende Curiosity-Rover die vermissten komplexen Kohlenstoffverbindungen. Zudem fand der Rover eine wichtige chemische Spur, nämlich Chlorbenzol. Der Stoff entsteht, wenn organische Moleküle durch Perchlorate abgebaut werden. War Chlorbenzol etwa auch an den Landeplätzen der Vikings vorhanden? Glücklicherweise sind die alten Daten nach wie vor zugänglich und siehe da, Chlorbenzol gab es auch an den Landeplätzen der beiden Vikings und damit wohl auch die Kohlenstoffverbindungen!

Waren die Beweise 1976 also bereits vorhanden? Hatte das Team von Gilbert Levin Leben nachgewiesen? Stammt das Methan in der Atmosphäre von rülpsenden Mikroben? Noch herrscht Unsicherheit, noch sind Fragen offen. Der Optimismus, auf dem Mars fremdes Leben zu finden, wird aber ständig weiter genährt, jetzt auch noch durch die Entdeckung eines riesigen Salzsees in 1,5 Kilometer Tiefe.

Man darf sich wundern, wieso die Viking-Experimente seit über 40 Jahren nicht wiederholt worden sind. Dies soll sich bald ändern, wenn der europäische ExoMars-Rover, gebaut mit schweizerischer Beteiligung, nach mehreren Verzögerungen 2020 auf die Reise geschickt wird. Drücken wir die Daumen, dass das fahrbare Labor sein Ziel heil erreicht.