Als der Welpe Miro zur Familie Korell in Bern kam, waren seine Augen mit Tränenflüssigkeit verklebt. Zudem leckte er sich so stark, dass sich das weisse Fell an manchen Stellen bräunlich zu verfärben begann. Bald war die Grunddiagnose klar: Der Hund ist allergisch. Doch worauf bloss?

Familie Korell probierte es auf Anraten der Hundetrainerin mit einem Futterwechsel, bereitete dem Hund das Essen täglich frisch zu, besorgte ihm sogar Diabetikerfutter. Nichts besserte sich. Erst die Abklärung durch die Tierärztin gab ihnen Klarheit: Miro reagierte sowohl auf eine Vielzahl Nahrungsmittel als auch auf Futtermilben und Hausmilben allergisch. Das hat zur entzündeten Haut, der atopischen Dermatitis, geführt.

Die Auslöser der Probleme waren damit gefunden, es folgte die Suche nach Lösungen. Mit Erfolg. Miro ist inzwischen gut ein Jahr alt und wirkt kräftig und munter. Die Familie hat die Allergiesymptome im Griff, doch der Aufwand ist erheblich: Miro kriegt Spezialfutter für allergische Hunde.

Aufbewahrt wird dieses bei Korells in der Gefriertruhe, wo die Milben absterben. Zweimal täglich geben sie ihm Medikamente, die das Immunsystem dämpfen. Und nach jedem Spaziergang wischen sie ihm die Pfoten ab, da weitere Allergene wie Pollen daran kleben könnten. «Das Leben mit einem allergischen Hund ist zeitaufwendig und geht ins Geld», sagt Ramona Korell. «Es ist wirklich eine Belastung.»

Miro ist kein Einzelfall. Allergien zählen zu den häufigsten Gründen für Tierarztbesuche. Allen voran die Atopische Dermatitis, jene Hautkrankheit, die sich auch bei Miro zeigt. Ungefähr jeder zehnte Hund ist davon betroffen. Zahlen zu langfristigen Entwicklungen gibt es keine, aber Petra Roosje, Professorin für klinische Dermatologie an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, sagt: «Die Allergien sind deutlich häufiger als vor fünfzig Jahren.»

Wildtiere bleiben verschont

Das gilt nicht nur für Hunde, sondern auch für Katzen und Pferde. Also für jene Tiere, zu denen der Mensch ein besonders enges Verhältnis pflegt. Eine auffallende Parallele, werden doch auch beim Menschen Allergien wie Heuschnupfen und allergisches Asthma seit Jahrzehnten häufiger. Wildtiere dagegen haben kaum je mit derartigen Problemen zu kämpfen. Das lässt einen Verdacht aufkeimen: Sind die Ursachen bei Mensch und Haustier dieselben?

Bekannt ist, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, weniger zu Allergien neigen. Wahrscheinlich trainieren die Mikroben im Stall das kindliche Immunsystem. Auch das Wohnen mit Haustieren soll einen positiven Effekt haben. Übertriebene Hygiene scheint dagegen das Risiko für Allergien im späteren Leben zu erhöhen. Die häufigen Allergien sind also eine Folge davon, dass wir weniger Kontakt zu Tieren haben und uns mehr in Innenräumen aufhalten als unsere Ahnen.

Ähnlich haben sich die Lebensbedingungen von Haustieren verändert. «Vermutlich spielt es eine Rolle, dass Tiere heute anders gehalten werden als früher», sagt Petra Roosje. «Früher waren sie mehr draussen, heute sind sie mehr im Haus.» Die Dermatologin war im Jahr 2011 Mitautorin einer Studie über die Rolle von Umweltfaktoren bei Hunden mit atopischer Dermatitis.

Und tatsächlich zeigte sich: Hunde, die auf dem Land wohnten, litten weniger oft unter der Krankheit. Auch diejenigen, die im Wald spazieren geführt wurden, waren seltener betroffen. «Wahrscheinlich ist das Milieu draussen besser für die Entwicklung des Immunsystems als ein steriles Umfeld», sagt Roosje.

Darauf deutet auch eine finnische Studie aus dem vergangenen Jahr hin: Bei Hunden in extrem sauberen Haushalten war das Risiko für Hautprobleme höher. Geprägt wird das Immunsystem vermutlich bereits in den ersten Lebenswochen. Jedenfalls werden Hunde seltener von Dermatitis geplagt, wenn sie noch da leben, wo sie geboren wurden.

Doch das Umfeld kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Die Gefährdung hängt auch von der Rasse und der Fellfarbe ab. Angeführt wird die Rangliste der Allergiker laut der finnischen Studie von West Highland White Terrier, Boxer und Englischer Bulldogge.

Der Lagotto Romagnolo – die Rasse von Miro von der Familie Korell – kommt erst an siebzehnter Stelle. Aber: Miro ist weiss, und Hunde mit weissem Fell sind deutlich stärker gefährdet. «Bei den dunklen Geschwistern aus Miros Wurf sind keine Allergien bekannt», sagt Besitzerin Ramona Korell.

Bei Katzen sind Allergien weniger gut untersucht als bei Hunden. Oft sind die Symptome undeutlich und es ist schwierig, sie auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen. Wer bei Experten nachfragt, kriegt aber auch hier zu hören: Allergien werden häufiger. Kein Wunder, auch die Lebensweise der Katzen ist eng mit dem Menschen und seinen Hygienestandards verknüpft.

Pferde dagegen wohnen weniger nah mit dem Menschen zusammen. Doch auch bei ihnen zeigen sich Unterschiede zwischen jenen, die viel draussen sind, und jenen, die mehr Zeit in der Box verbringen. Letztere haben oft asthmaähnliche Beschwerden – in der Fachsprache rezidivierende Atemwegsobstruktion (RAO). Dies ist eine allergische Reaktion auf den Staub von Heu und Stroh im Stall, genau genommen auf die darin enthaltenen Allergene wie Milben und Schimmelsporen.

Allerdings bleiben auch Pferde in Offenställen nicht von Allergien verschont. Im Gegenteil – gerade bei ihnen zeigen sich oft Sommerekzeme. Das sind Hautausschläge als Überreaktion auf die Stiche gewisser Mücken. Weltweit ist jedes zehnte Pferd davon betroffen. Und ausgerechnet bei den robusten Islandpferden zeigen sich besonders oft Sommerekzeme.

Die Erklärung dafür ist einfach: In Island ist es den dafür verantwortlichen Mücken zu kalt. Die dortige Pferderasse ist deshalb nicht auf die Stiche vorbereitet. In diesem Fall führte also die Globalisierung zur Häufung der Allergien.

Impfung in Aussicht

Hoffnung macht die Ankündigung eines Impfstoffes durch ein Team um die Immunologin Antonia Fettelschoss-Gabriel von der Universität Zürich. Sowohl bei Hunden mit atopischer Dermatitis als auch bei Pferden mit Sommerekzem bringt die Impfung laut ihren Studien Linderung. Die Marktzulassung ist für 2021 geplant.

Für Familie Korell bleibt es also vorerst bei der aufwendigen Sonderbehandlung für Hund Miro. Es ist zu hoffen, dass ihm die Aufenthalte im Wald guttun – er wird derzeit für die Trüffelsuche ausgebildet. Ganz so einfach ist es jedoch auch damit nicht. Wenn Familie Korell draussen unterwegs ist, müssen sie pausenlos darauf achten, dass der Hund nichts in den Mund nimmt. «Ständig müssen wir sagen: Nein, du darfst nicht», sagt Ramona Korell. «Das Laufengehen wird so ziemlich anstrengend.»