Ein sonniger Novembermorgen in Bern. Wir treffen Matthias Huber im Rahmen des ersten nationalen Autismus-Kongresses. Er gehört zu jenem einen Prozent der Schweizer Bevölkerung, das von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) betroffen ist, und er geht offen damit um. Tags zuvor begrüsste er die Teilnehmenden als Keynote-Speaker. Thema seines Vortrags war: «Wie wir sind und wie wir waren – mit und ohne Autismus».

Schlechte Noten

Wie war er denn, «ohne» Diagnose Autismus? «Ein sehr zurückgezogenes Kind. Zwar konnte ich mit zwei Jahren ganze Sätze sprechen, doch von meiner Sprachkompetenz machte ich wenig bis kaum Gebrauch», blickt Matthias Huber zurück. Man vermutete, er leide an sozialer Ängstlichkeit. Die Folgen: «Ich war verschlossen.» Wollten Kinder mit ihm spielen, musste er erst lange überlegen, ob er dazu in der Lage ist. Auf Fragen gab er kurze und knappe Antworten. «Die Kinder meinten, ich wäre nicht an ihnen interessiert und umgekehrt verstand ich nicht, warum mich die Kinder etwas fragten, dann aber schnell das Interesse an mir verloren.»

Im Schulalltag wurde es nur leicht besser. Die Irritierung zog sich weiter: «Ich verstand oft nicht, was die Lehrer von mir verlangten. Das zeichnete sich auch im Notenbild ab: viele ungenügende, daneben auch sehr gute Testresultate.» Matthias Huber fragte sich: «Bin ich intelligent oder dumm? Was überwiegt?» Ein Besuch beim Berufsberater sollte Licht ins Dunkel bringen. Das Ergebnis: wiederum irritierend. Der hohe getestete IQ war mit den schlechten Noten schwer vereinbar. «Der Berufsberater hatte einen Verdacht und testete mein assoziatives Denken.» Matthias Hubers Antworten – mit dem Wort Sonne assoziierte er beispielsweise Trottoir, von einer Erinnerung herrührend – verhärteten den Verdacht. Nach weiteren psychologischen Tests und medizinischen Abklärungen wurde schliesslich die Diagnose Asperger-Syndrom gestellt.

Gescheiterte Existenz

Eine Erleichterung? «Definitiv. Endlich wusste ich, warum ich so bin, wie ich bin.» Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte sich Matthias Huber anders, nicht zugehörig, als eine gescheiterte Existenz. «Ich erkannte, ich bin nicht alleine. Es gibt auch noch andere, die so sind, wie ich es bin.»

Wie sind sie denn, Menschen, die von ASS betroffen sind? «Wir können nur mit Mühe in Gesichtern erkennen, wie es anderen Menschen geht, können die Stimmung des Gegenübers nicht intuitiv wahrnehmen und haben Schwierigkeiten, uns verständlich zu machen. Auf die Frage: ‹Hast Du eine Lieblingsfarbe›, antwortete ich früher mit Ja. Dass mein Gegenüber mit der Frage implizit auch noch die Farbe wissen möchte, merkte ich nicht. Heute weiss ich, dass ich immer nach der verborgenen Botschaft hinter den Sätzen suchen muss.» Den Betroffenen fällt es schwer, soziale Regeln oder ungeschriebene Gesetze zu verstehen. Gerne befassen sie sich mit einem Spezialgebiet. Matthias Huber: «Als Kind beschäftigte ich mich intensiv mit Länderkarten, verglich die unterschiedlichen Temperaturkurven oder welches Land welche Rohstoffe hat.» Später folgte eine starke Auseinandersetzung mit ASS.

Unerwartete oder unangekündigte Planänderungen können eine grosse Belastung sein. Rituale hingegen helfen, Stress abzubauen. Matthias Huber mag es beispielsweise, bei Filmen jeweils dieselben zwei Minuten immer und immer wieder anzuschauen. Zudem sind Überempfindlichkeiten auf Licht, Gerüche, Geräusche oder Berührungen häufig. Darauf hat sich Matthias Huber eingerichtet: «Meine Kleidung darf nicht zu eng sein und auch nicht auffällig. Wenn ich das Haus verlasse, trage ich immer eine Mütze, einen Noise-Cancelling-Kopfhörer und eine Sonnenbrille bei mir.» Falls die Reize zu stark würden, könne er sich so etwas davor schützen.

Vermittlerrolle

Das Interview mit Matthias Huber ist für uns nicht irritierend. Wüssten wir es nicht, wäre seine Störung nicht wahrnehmbar. ASS ist etwas Unsichtbares. Sie kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Sind die Merkmale weniger deutlich erkennbar, wird vom Asperger-Syndrom gesprochen.

Für Matthias Huber ist das «eine Behinderung und eine Begabung zugleich». Entsprechend hat er auch seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Auf dem zweiten Bildungsweg machte er die Matura und studierte anschliessend an der Universität Zürich Pädagogik und Psychologie. «Seit 2005 bin ich in reduziertem Arbeitspensum an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern angestellt.» Dabei kann er sein Spezialinteresse Autismus und seine Erfahrungen aus Innensicht einbringen. «Ein Glücksfall. Ich begleite Kinder und Jugendliche mit ASS therapeutisch und berate Eltern und Fachleute.» Dabei nehme er eine Vermittlerrolle ein, für beide Seiten.

Vermitteln, das ist auch sein gesellschaftliches Anliegen. Denn: «Nicht nur wir, die von ASS betroffen sind, müssen uns der Gesellschaft anpassen. Auch die Gesellschaft soll offen werden für Menschen, die anders sind, und sich selbst reflektieren: Warum ist mir dieses oder jenes Verhalten wichtig? Was fordere ich von meinem Gegenüber ein oder kann ein anderer Umgang auch okay sein?» Seine Arbeit sei getan, wenn er keine Interviews mehr zum Thema Autismus geben müsse. Oder wenn die gegenseitige Irritierung wohl nicht ganz verschwunden, aber doch auf ein «sozialverträgliches» Mass geschrumpft sei.